Logo Alstom | dpa

Neuer Bahn-Riese Alstom übernimmt Zugsparte von Bombardier

Stand: 29.01.2021 18:58 Uhr

Künftig werden TGV und ICE von einem Konzern hergestellt: Der französische Alstom-Konzern hat den Kauf der Bahnsparte von Bombardier abgeschlossen. Vorerst ist kein Jobabbau in Deutschland geplant.

Fast ein Jahr lang hatte Alstom die Weichen für die Mega-Fusion gestellt, nun sind die Franzosen endlich am Ziel: Der französische Bahntechnik-Hersteller hat offiziell den 5,5 Milliarden Euro teuren Zusammenschluss mit der Bahnsparte von Bombardier verkündet. Für Alstom und die gesamte Branche sei die Fusion ein "einzigartiger Augenblick", erklärte Vorstandschef Henri Poupart-Lafarge.

Kampfansage an China

Mit der Übernahme entsteht der zweitgrößte Bahnhersteller der Welt hinter der chinesischem Konzern CRRC. Das neue Unternehmen erwirtschaftet einen Umsatz von rund 15,7 Milliarden Euro und beschäftigt rund 75.000 Mitarbeiter in 70 Ländern. Alstom und Bombardier wollen gemeinsam den immer mächtiger werden chinesischen Bahn-Konzernen die Stirn bieten.

Einer der wichtigsten Märkte für Alstom-Bombardier ist Deutschland. Alleine an den sieben deutschen Bombardier-Standorten arbeiten rund 6500 Menschen. In Görlitz und Bautzen in Sachsen werden Nahverkehrsszüge gefertigt, im brandenburgischen Henningsdorf in Brandenburg werden unter anderem ICEs der Deutschen Bahn produziert. Im vergangenen Sommer standen 1000 Jobs in Gefahr.

Alstom-Chef: Keine Einschnitte geplant

An Stellenstreichungen denkt Alstom-Chef Poupart-Lafarge nun vorerst nicht. Er plane keine Einschnitte, erklärte er gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Allerdings könne er aber auch keine Jobgarantie für die Bombardier-Beschäftigten aussprechen: "Das wäre ein Privileg gegenüber den italienischen oder britischen Mitarbeitern."

Für den Franzosen an der Spitze des neuen Konzerns geht es nun erst einmal darum, die Probleme der deutschen Bahnsparte von Bombardier in den Griff zu bekommen. Poupart-Lafarge kündigte eine Sanierung des Unternehmens an, die vier bis fünf Jahre dauern könnte. Das drängendste Problem sei, dass Bombardier "ihre Züge immer verspätet ausliefert". Qualitätsmängel hatten in den letzten Jahren zu Lieferverzögerungen bei ICE-Zügen geführt. Bombardier schreibt in Deutschland Verluste.

Verluste, aber volle Auftragsbücher

Andererseits sitzt Bombardier auf vollen Auftragsbüchern. In Görlitz und Bautzen werden momentan Aufträge für Straßenbahnen in Göteborg, Essen und Wien arbgearbeit. Und kürzlich erst kam ein Auftrag von den Berliner Verrkehrsbetrieben für über 100 neue Straßenbahnen im Wert von 571 Millionen Euro.

Die Bahntechnik-Branche sei erheblich von der Corona-Krise und deren wirtschaftlichen Folgen betroffen, gab Poupart-Lafarge zu. Die Klimaschutz-Vorgaben dürften aber die Nachfrage nach sauberer Mobilität und folglich nach klimaschonenden Zügen antreiben. Großaktionär des neuformierten Konzerns ist der kanadische Pensionsfonds "Caisse des Dépôts et des Placements du Québec" (CDPQ) mit 17,5 Prozent.

Marke Bombardier verschwindet aus der Bahntechnik

Alstom-Chef Poupart-Lafarge kündigte an, den Namen Bombardier bei Zügen aufzugeben. Nur bei Flugzeugen soll die Marke Bombardier erhalten bleiben. Künftig werde die Bahntechnik nur noch mit der Marke Alstom auftreten. Alstom baut unter anderem den Expresszug TGV und Regionalzüge.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke zeigte sich zuversichtlich für die Zukunft des Henningsdorfer Bombardier-Werks. "Das ist für Hennigsdorf und für die gesamte Hauptstadtregion als wichtigem Standort des Schienenfahrzeugbaus von großer Bedeutung", erklärte der SPD-Politiker.

Gewerkschaft pocht auf Erhalt der Jobs

Die Gewerkschaft IG Metall begrüßte den Zusammenschluss. Sie forderte aber auch baldige Klarheit zu Arbeitsplätzen und Standorten. "Die Belegschaften haben unter schwierigsten Pandemiebedingungen die Produktion aufrechterhalten und ihren Teil für einen reibungslosen Ablauf des Zusammenschlusses beigetragen", teilte die IG-Metall-Bezirksleiterin Berlin-Brandenburg, Birgit Dietze, mit.

Fusion unter Auflagen

Die EU-Wettbewerbshüter hatten im vergangenen Juli grünes Licht für den Deal gegeben. Der neue Verbund muss Produktionsanlagen abgeben, unter anderem am Standort Hennigsdorf bei Berlin. Laut "Handelsblatt" gibt es derzeit exklusive Gespräche mit dem tschechischen Unternehmen Skoda Transportation zur Übernahme des Alstom-Werks im elsässischen Reichshoffen, der Fahrzeugbaureihe Coradia-Polyvalent sowie der in Henningsdorf entwickelten Bombardier-Plattform Talent 3.

Bombardier ist freilich nur die zweite Wahl für Alstom. Vor rund zwei Jahren war eine zunächst geplante Fusion zwischen Alstom und der Zugsparte von Siemens am Widerstand der EU-Wettbewerbshüter gescheitert. Dieses Veto hatte zu erheblicher Verstimmung in Berlin und Paris geführt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. Januar 2021 um 19:23 Uhr.