Älterer Herr am Laptop | Bildquelle: picture alliance / Bildagentur-o

Digitale Rentenübersicht Wie ein Puzzle

Stand: 16.11.2020 19:27 Uhr

Zwei Drittel der Deutschen wissen nicht, wie viel Geld ihnen im Alter zur Verfügung stehen wird. Die Bundesregierung will das mit einem digitalen Portal ändern, bleibt aber auf halber Strecke stehen.

Von Iris Marx, tagesschau.de

Es ist eine Premiere in diesem Bundestagsausschuss: Die Anhörung der Experten erfolgte ausschließlich digital. "Fast störungsfrei bis auf ein paar Kinderkrankheiten", lobte der Vorsitzende Matthias Bartke (SPD) fast schon etwas erleichtert den knapp zweistündigen Ablauf. Deutschland und Digitalisierung haben in vielen Bereichen ein noch schwieriges Verhältnis. Bei dem Thema, über das die Experten digital berichtet haben, ist es besonders problematisch.

Studie belegt große Unkenntnis über finanzielle Situation im Alter

"Wir haben in einer Pilotstudie 2017 mit mehreren Zehntausend Teilnehmern herausgefunden, dass gut zwei Drittel von ihnen keinen Überblick über ihre zukünftige Rente haben", sagte der Wirtschaftswissenschaftler Andreas Hackethal von der Goethe Universität Frankfurt den Ausschussmitgliedern. Hackethal verdeutlicht die Vorsorgesituation vieler Menschen mit einem Puzzle. Es gebe kein vollständiges Bild mehr, womit man im Alter tatsächlich planen könne, so der Experte. Die verschiedenen Bausteine müssten übersichtlich zusammengefügt werden.

Vor allem mit den "Reformen der frühen 2000er Jahre hat sich der Blick auf die Alterssicherung in Deutschland verändert: Stand zuvor fast ausschließlich die gesetzliche Rente im Fokus, wird seither auch die ergänzende betriebliche und auch die private Altervorsorge für den Einzelnen im Alter bedeutsamer", bestätigen die Experten der Deutschen Rentenversicherung Bund diese Entwicklung. Die Einführung einer digitalen Rentenübersicht soll das Problem lösen und mehr Transparenz schaffen.

Rentenübersicht soll auf Online-Portal abrufbar sein

"Bürgerinnen und Bürger sollen künftig gebündelt Informationen über ihre gesetzliche, betriebliche und private Alterssicherung auf einem internetbasierten Portal abrufen können", beschreiben SPD und Union ihren Gesetzesentwurf. "Nur wer Bescheid weiß, kann gut vorsorgen", begründet der zuständige Bundesarbeitsminister Hubertus Heil die Vorlage. Zur Umsetzung soll bei der Deutschen Rentenversicherung Bund eine "Zentrale Stelle für die digitale Rentenversicherung" geschaffen werden. Vorgenommen hatte sich die Große Koalition das bereits in ihrem Koalitionsvertrag. Es brauchte sehr viel Zeit, um es zu konkretisieren.

Umsetzen soll das Portal die Deutsche Rentenversicherung Bund mit Hilfe der persönlichen Steueridentifikationsnummer. Dabei werden auch eine mögliche Erwerbsminderung oder Ansprüche im Hinterbliebenenfall berücksichtigt, so der Plan. Die Sachverständigen der Deutschen Rentenversicherung begrüßen das Vorhaben "uneingeschränkt", heißt es in ihrer Stellungnahme.

Hubertus Heil | Bildquelle: HAYOUNG JEON/POOL/EPA-EFE/Shutte
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"Nur wer Bescheid weiß, kann gut vorsorgen", sagt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil zu der geplanten digitalen Rentenübersicht, an der es auch Kritik gibt.

Wichtige Anwartschaften werden nicht berücksichtigt

Die Opposition im Bundestag ist hingegen etwas verhaltener. "Das Anliegen ist ehrenwert, allerdings wird das angestrebte Ziel nur zum Teil erreicht", sagt Matthias W. Birkwald (Die Linke) zu tagesschau.de. Ansprüche aus berufsständigen Versorgungswerken wie etwa das der Ärzte, Architekten oder Rechtsanwälte und auch die Beamtenversorgung würden nicht berücksichtigt, so Birkwald.

Auch FDP-Arbeitsmarktexperte Johannes Vogel sieht hier ein Problem: "Wir selbst haben schon vor Jahren ein digitales Vorsorgekonto vorgeschlagen", so Vogel zu tagesschau.de. "Aber eben mit sämtlichen Ansprüchen aus Fonds, Immobilien und auch den Versorgungswerken". Als sogenanntes best-practice-Beispiel nennt Vogel Dänemark.

"Dänemark hat bereits vor fünf Jahren eine Schnittstelle für die verschiedenen Versorgungsmodelle geschaffen. Über 60 Prozent der Dänen nutzen dieses App-basierte Angebot." Der Vorschlag der Bundesregierung sei daher unbefriedigend, aber immerhin ein Anfang. Die Entwicklung dürfte ohnehin noch Jahre beanspruchen. Auch das hätten die Beispiele der Nordeuropäer gezeigt.

Besonders sensibel: der Datenschutz

"Uns ist wichtig", betonte der Experte der Deutschen Rentenversicherung Reinhold Tiede, "dass das Portal vor allem auch datenschutzkonform ist." Ein früherer Versuch, Arbeitnehmerdaten mit dem sogenannten ELENA-Verfahren zu digitalisieren, waren vor Jahren nach heftiger Kritik gescheitert. "Wir hatten das schon einmal. Wir wollen nicht, dass das noch mal passiert", mahnte Tiede. Auch das digitale Rentenportal wird den strengen Anforderungen gerecht werden müssen.

Das Gesetz wird demnächst noch einmal im Bundestag beraten. Erst in knapp zwei Jahren nach Inkfrafttreten des Gesetzes soll die digitale Rentenübersicht in einer ersten Betriebsphase dann an den Start gehen.

Autorin

Iris Marx  | Bildquelle: Tanja Schnitzler Logo tagesschau.de

Iris Marx, tagesschau.de

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