Abgas kommt aus einem Auto im morgendlichen Berufsverkehr in Düsseldorf. | Bildquelle: dpa

Autobauer zur Diesel-Einigung Umtausch und ein bisschen Nachrüstung

Stand: 02.10.2018 17:34 Uhr

Nach der Einigung der Koalition im Dieselstreit gehen die Vorstellungen der Autobauer auseinander, wie sie die Beschlüsse umsetzen. Klar ist nur: Nicht alle wollen ihren Kunden Hardware-Nachrüstungen anbieten.

Die Bundesregierung hat nach eigenen Angaben noch keine belastbaren Zusagen der Autoindustrie zu einer kompletten Kostenübernahme von Diesel-Nachrüstungen. Verkehrsminister Andreas Scheuer sagte zwar, das Gesamtkonzept der Regierung sei in einer ersten Reaktion positiv aufgenommen worden. Er räumte aber ein, dass einige Hersteller keine Pkw-Nachrüstung anbieten und sich stattdessen auf Umtauschprämien für alte Diesel konzentrieren wollten.

Ein KFZ-Techniker in einer Autowerkstatt hält die Abdeckung vor einem vom Abgasskandal betroffenen TDI-Dieselmotor. | Bildquelle: dpa
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Die Umrüstung alter Dieselfahrzeuge ist eine von zwei Optionen der Bundesregierung.

VW will, dass alle mitmachen

So will Volkswagen seinen Kunden umfassende Umtauschprogramme für alte Diesel anbieten. Mit Blick auf mögliche Hardware-Nachrüstung gehe der Konzern davon aus, "dass die Bundesregierung sicherstellt, dass sich alle Hersteller an den entsprechenden Maßnahmen beteiligen", sagte ein Sprecher. Deren Umsetzung hänge von Lösungen von Nachrüstfirmen ab. Diese Lösungen müssten vorliegen, zugelassen und dauerhaft haltbar sein. "Wir weisen darauf hin, dass mit einer Nachrüstlösung Mehrverbrauch und Komforteinbußen verbunden sind."

Zunächst will VW Dieselbesitzern schnell Umtauschprämien anbieten. Die Prämien sollten im Schnitt bei etwa 4000 Euro für Diesel der Abgasnormen Euro 1 bis Euro 4 liegen - und bei 5000 Euro für Euro-5-Diesel. Sie seien abhängig vom Modell des Kunden. In den laut Bundesregierung besonders betroffenen Städten mit hohen Grenzwertüberschreitungen bei der Luftbelastung will VW fast eine Million Autobesitzer erreichen.

BMW und Opel gegen Nachrüstung

BMW strebt eine ähnliche Lösung an: BMW-Fahrer in Regionen mit hoher Stickoxid-Belastung bekämen 6000 Euro Rabatt, wenn sie ihren Euro-4- oder Euro-5-Diesel durch ein Neufahrzeug ersetzten, sagte ein BMW-Sprecher. Beim Kauf eines jungen Gebrauchten oder eines Vorführwagens zahle der Konzern 4500 Euro Umtauschprämie. Das Angebot gelte rückwirkend ab Montag. Hardware-Nachrüstungen auf Unternehmenskosten lehnt der Konzern jedoch ab. Die von der Koalition ebenfalls vorgeschlagene Nachrüstung alter Dieselautos dauere zu lange. Sie könne Gewicht, Leistung, Verbrauch und CO2-Ausstoß des Autos verschlechtern. Dazu kämen noch Gewährleistungsfragen.

Auch Opel ist gegen Hardware-Nachrüstungen. Sie seien ökonomisch nicht sinnvoll und technologisch nicht ausgereift, teilte die Peugeot-Tochter mit. Opel begründete die Ablehnung ebenfalls damit, dass Nachrüstungen zu lange dauerten.

Daimler will Dieselbesitzern beim Kauf eines neuen Mercedes-Benz-Fahrzeugs bis zu 10.000 Euro Umtauschprämie zahlen. Die Erneuerung des Fahrzeugbestands sei das effektivste Mittel, um die Luftqualität in den Innenstädten schnell weiter zu verbessern und gleichzeitig die individuelle Mobilität der Autofahrer zu sichern, teilte der Konzern mit. Man werde sich aber auch an Hardware-Nachrüstungen beteiligen - wie genau das aussehen wird, steht allerdings noch nicht fest.

Die Umtauschprämie, deren genaue Höhe vom Fahrzeugtyp abhängen soll, gibt es in den 14 von der Bundesregierung benannten besonders betroffenen Regionen mit hohen Grenzwertüberschreitungen. Wer einen gebrauchten Mercedes kauft, soll bis zu 5000 Euro Prämie erhalten.

Lob von Söder, Kritik von der FDP

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder lobte die Kompromisse der Koalitionsspitzen grundsätzlich - wenn auch vorsichtig. "Die Grundsignale sind schon richtig", sagte er. Söder hob hervor, dass Dieselfahrer nicht belastet würden und dass es ein abgestimmtes System gebe, welches Fahrverbote vermeiden solle.

Die FDP sieht dagegen noch viele offene Fragen. Die Maßnahmen gegen drohende Dieselfahrverbote gingen immerhin in die richtige Richtung, sagte FDP-Chef Christian Lindner. Allerdings sei eine Einigung verkündet worden, ohne vorher mit der Autoindustrie über die von ihnen verlangten Beiträge zu sprechen. Außerdem werde möglicherweise viel Steuergeld verschwendet, weil die zweifelhaften Verfahren zur Messung der Luftschadstoffe bislang nicht überprüft worden seien.

Die Minister Scheuer (links) und Schulze während der Pressekonferenz | Bildquelle: REUTERS
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Die Minister Scheuer (links) und Schulze lobten in der Pressekonferenz die Einigung, die die Koalition im Dieselstreit gefunden hat.

Umwelthilfe: "Weiter im Würgegriff der Dieselkonzerne"

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH), die auf bessere Luft in mehreren Städten geklagt und Fahrverbote erwirkt hatte, sieht in dem Kompromiss eine "doppelte Nulllösung". "Drei Jahre warten Millionen unter giftigen Dieselabgasen leidende Menschen nun auf das Tätigwerden einer Bundesregierung, die sich weiter im Würgegriff der Dieselkonzerne befindet", kritisierte Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch.

Den von Fahrverboten betroffenen Autobesitzern verweigere die Bundesregierung weiter eine wirksame Hilfe. Sie könnten nicht ihren Diesel zurückgeben und sich den Kaufpreis beziehungsweise einen um 20 Prozent erhöhten Zeitwert erstatten lassen. "Auch die sogenannte Umtauschprämie ist ein Muster ohne Wert", meinte Resch. "Es geht der Bundesregierung dabei ausdrücklich nicht um saubere Neufahrzeuge." Wichtig scheine nur, dass diese formal nicht von Fahrverboten betroffen seien.

Bei der Nachrüstung von Motoren sei die Bundesregierung mit ihren Forderungen gescheitert. Die Automobilindustrie sei nicht bereit, die Kosten für den Austausch verbindlich zu übernehmen - "die Bundesregierung erwartet dies nur", kritisierte Resch. Auch der Gewährleistung verweigerten sich die verantwortlichen Hersteller. Resch betonte, die Luftqualität werde dadurch kaum verbessert - weitere Fahrverbote drohten.

Fahrverbot in Stuttgart wahrscheinlich

Stuttgart kündigte bereits an, dass es trotz des Diesel-Konzepts der Bundesregierung zum Jahresbeginn 2019 voraussichtlich die geplanten Fahrverbote für ältere Autos geben werde. Die zum 1. Januar vorgesehenen Maßnahmen müssten wahrscheinlich gehalten werden, sagte Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich da groß etwas ändert." Er bezeichnete das Ergebnis als durchwachsen. Einige Elemente brächten Fortschritte, andere seien unklar, unvollständig oder unzureichend.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte, wenn die geplanten Umtauschpläne für Diesel-Autos so zögen wie erwartet, werde sich die Zahl der vom Fahrverbot betroffenen Diesel der Euronorm 4 und schlechter deutlich reduzieren. Ob später auch Verbote für Diesel der Euronorm 5 nötig seien, werde man im ersten Halbjahr 2019 sehen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Oktober 2018 um 16:00 Uhr.

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