Fragen und Antworten

Abgase aus einem Auspuff | Bildquelle: dpa

FAQ zu Abgasstudie Wieso sind Pkw dreckiger als Laster?

Stand: 06.01.2017 17:54 Uhr

Es ist schwer zu glauben, aber kleine Diesel-Pkw stoßen deutlich mehr Schadstoffe aus als große Busse und Lastwagen. Wie ist so etwas technisch möglich? Und was bedeutet das für die Atemluft in Ballungszentren?

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Von Martin Gent, WDR-Wissenschaftsredaktion

Was hat das ICCT herausgefunden?

Mehrere Untersuchungen belegen einen länger bekannten Fakt: Neue Dieselautos schaffen auf dem Prüfstand die Abgasnorm Euro 6, viele Modelle werden auf der Straße aber zur Stickoxid-Schleuder. Im Schnitt liegen die NOx-Werte um etwa das Siebenfache über der Abgasnorm. Die Umweltforscher des International Council on Clean Transportation (ICCT) berufen sich für Pkw auf einen Bericht des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) vom April 2016. Die Daten für Busse und Lkw (Abgasnorm Euro VI) kommen auch vom KBA und von einem finnischen Forschungszentrum.

Demnach stoßen moderne Lkw und Busse im Schnitt etwa 200 Milligramm Stickoxide pro Kilometer aus, Dieselautos mit Euro-6-Norm aber rund 500 Milligramm. Sprich: Ein moderner Truck braucht zwar fünfmal so viel Diesel-Kraftstoff, hat aber einen deutlich niedrigeren Schadstoffausstoß als ein einzelner neuer Diesel-Pkw.

Werner Eckert, SWR, über die Ergebnisse der ICCT-Studie
tagesschau24 15:00 Uhr, 06.01.2017

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Wieso haben Lkw und Pkw unterschiedliche Emissionen?

Das ICCT nennt "unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen" als Grund. Bei Lastwagen und Bussen brachte die 2013 eingeführte Abgasnorm Euro VI einen Riesenfortschritt. Die Abgastests wurden erheblich verschärft und Schlupflöcher geschlossen. Eingeführt wurde ein strengerer Prüfzyklus. Damit die Fahrzeuge nicht darauf optimiert werden, wird nach Angaben des ICCT an zufällig ausgewählten Punkten im sogenannten Motorkennfeld nachgemessen. Außerdem erfolgt eine Schadstoff-Kontrolle nicht nur bei der Einführung eines neuen Fahrzeugtyps, sondern auch mit mobilen Messgeräten im praktischen Betrieb. Über sieben Jahre bzw. 700.000 Kilometer Fahrstrecke können stichprobenartige Nachkontrollen stattfinden.

Verglichen damit sind die Vorschriften bei Pkw regelrechte Schönwettertests. Nach der derzeit gültigen Euro-6-Norm gibt es nur Labormessungen mit "sorgfältig vorbereiteten" Prototypen. Nachtests bei Autos in Kundenhand beziehungsweise im Realbetrieb müssen die Hersteller bislang nicht befürchten.

Welche technischen Unterschiede gibt es zwischen Lkw und Pkw?

Hinsichtlich der Motor- und Abgastechnik gibt es zwischen Lkw und Pkw keine prinzipiellen Unterschiede, betonen die Experten des ICCT. Bei Lkw und Bussen wird in aller Regel eine Abgasrückführung (AGR) mit einem Harnstoff-Katalysator (SCR-System) kombiniert. Die Systeme können so eingestellt werden, dass die Abgase in nahezu jeder Fahrsituation sauber sind.

SCR-Systeme finden sich auch in Diesel-Pkw. Offenbar wird die für die Abgasreinigung erforderliche Harnstoff-Lösung ("AdBlue") aber nicht in jedem Fall ausreichend dosiert. Konsequenz: ein erhöhter NOx-Ausstoß. Deshalb führt ein SCR-System nicht zwingend zu sauberen Abgasen. Andererseits kann auch ein preisgünstigerer Speicherkat (LNT-Technik) einigermaßen erfolgreich sein. Ein Problem ist, dass bei vielen Pkw die Abgasreinigung bei niedrigeren Temperaturen ausgeschaltet wird.

ICCT-Studie zu Stickoxiden bei Diesel-PKW
Justus Kliss, RBB, 06.01.2017, tagesschau 15:00 Uhr

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Was bedeuteten die Abgase für Atemluft in den Städten?

Probleme macht in vielen Städten ein spezieller NOx-Stoff, das Stickstoffdioxid (NO2). Im Jahr 1999 wurde für NO2 ein Grenzwert festgelegt, der seit 2010 europaweit gilt. Laut Umweltbundesamt misst die Mehrzahl der verkehrsnahen Luftmessstationen in Deutschland höhere Werte als die erlaubten 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft.

Die Europäische Umweltagentur führt auf die Stickstoffdioxid-Belastung allein in Deutschland rund 10.000 vorzeitige Todesfälle zurück. Nach der aktuellen ICCT-Studie dürften Autos die Hauptursache für zu viel NOx in vielen deutschen Städten sein.

Können Straßentests für Diesel-Pkw die Lösung sein?

Die Euro-6-Norm für Pkw wird ab September 2017 schrittweise verschärft. Neue Automodelle müssen dann auch im praktischen Fahrbetrieb nach den Real-Driving-Emissions-Vorschriften (sogenannter RDE-Test) bestimmte Grenzwerte einhalten. Allerdings scheiterten strenge Vorgaben für die zu erreichenden RDE-Testwerte im Oktober 2015 am Veto der Autoländer in der EU. Bundeskanzlerin Angela Merkel soll sich nach einem Bericht des "Spiegel" direkt an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gewandt haben. Deshalb gibt es vorerst relativ lasche Grenzwerte (168 Milligramm Stickoxide pro Kilometer) für den RDE-Test, der weiter nur an vom Hersteller bereitgestellten Prototypen durchgeführt wird.

Bedauernd stellen die ICCT-Experten fest, dass nach derzeitigen Plänen die Abgasprüfung für Pkw auch nach 2017 noch nicht so konsequent sein wird, wie die 2013 eingeführten Regeln für Lkw und Busse. Angemahnt werden vor allem Nachtests an zufällig ausgewählten Serienfahrzeugen auf der Straße.

Gibt es auch saubere Dieselautos?

Ja, die gibt es, sie sind aber selten. 2016 wurden von Automobilclubs (ADAC), Autozeitschriften ("Auto Motor und Sport"), Umweltverbänden (DUH), und Behörden (KBA, Französische Behörden) zahlreiche Stickoxid-Messungen im Realbetrieb durchgeführt. Bei den meisten Modellen zeigten sich enorm hohe Emissionen.

Einzelne Dieselautos konnten aber mit niedrigen Abgaswerten überzeugen. Dazu gehörten zum Beispiel die Mercedes E-Klasse mit dem neuen Dieselmotor OM654 oder einige VW-Modelle mit dem Motor EA288. Aber: Gute Messwerte sind keine Garantie für sauberste Abgase bei allen Fahrzeugen mit diesem Motor. Wie der Fall des Seat SUV Ateca im September 2016 zeigte, passen die Hersteller die Abgastechnik an einzelne Modelle und Motorkonfigurationen an. Was auch bedeuten kann, dass ein teurer SCR-Katalysator nicht immer eingebaut wird.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Januar 2017 um 17:00 Uhr.

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