Ein Textlaufband informiert, dassŸ ein Konzert für "das Publikum abgesagt" ist. | Bildquelle: picture alliance/dpa

Gutscheinregelung wegen Corona Zwangsdarlehen oder Atempause?

Stand: 11.04.2020 12:17 Uhr

Die Gutscheinregelung für Veranstaltungen, die wegen der Corona-Krise ausfallen, sorgt für Diskussionen. Verbraucherschützer kritisieren den Beschluss scharf. Veranstalter begrüßen die kurze "Atempause".

 Von Ute Spangenberger, SWR

Gene Simmons sitzt seit vier Wochen zu Hause in Beverly Hills und wartet. Er ist der Bassist der legendären US-amerikanischen Hard-Rock-Band KISS und eigentlich gerade auf weltweiter Konzert-Abschiedstour. Seit Jahrzehnten unterhält der inzwischen 70-Jährige sein Publikum mit martialischen Bühnenauftritten und rausgestreckter Zunge. Wie so viele Künstler in diesen Tagen appelliert er eindringlich an die Fans, ebenfalls zu Hause zu bleiben und abzuwarten.

Gene Simmons plant mit KISS im Juni und Juli für vier Konzerte nach Deutschland zu kommen, erzählt er im Interview mit tagesschau.de: "Wir müssen warten. Wir können erst rausgehen zu Sportveranstaltungen oder Konzerten, wenn alles überstanden ist. Vorher nicht, sonst fachen wir das Feuer der Pandemie wieder an. Wenn das Virus weg ist, dann kommen wir wieder nach Europa." Sollten die Konzerte nicht stattfinden können wird diese Ankündigung KISS-Fans freuen, die - wie andere Musikfans auch - viel Geld für Konzertkarten ausgegeben haben.

Die sogenannte Gutscheinlösung, die jetzt vom Bundeskabinett auf den Weg gebracht wurde, erlaubt Veranstaltern, Events nachzuholen, die Pandemie-bedingt abgesagt wurden. Verbraucher, die ihre Gutscheine bis zum 31.Dezember 2021 nicht einlösen, bekämen erst dann ihr Geld zurück.

Gutscheinregelung für Kulturbranche in der Kritik
tagesschau 17:50 Uhr, 11.04.2020, Ute Spangenberger, SWR

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"Ein unverzinstes Zwangsdarlehen"

Eine geplante Regelung, die immer noch für viel Aufregung sorgt, wie Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, weiß: "Die Verbraucherzentralen können davon gerade ein Lied singen, wie Menschen das unfair finden. Sie hätten freiwillig Solidarität geübt, sollen jetzt allerdings dazu verpflichtet werden."

Müller kritisiert die Regelung grundsätzlich. Bei einem Gutschein denke man im ersten Moment, man bekomme etwas geschenkt. "In Wirklichkeit ist es ein Zwangsgutschein, ein Zwangsdarlehen, ein unverzinstes Zwangsdarlehen, das noch nicht mal gesichert werden soll. Anders als im Pauschalreisebereich, wo der Staat mit einer Insolvenzgarantie uns vor den Pleiten möglicherweise schützt, ist das für Veranstaltungen nicht vorgesehen."

"Atempause" für Veranstalter

Konzertveranstalter wie Marek Lieberberg, der unter anderem das Festival "Rock am Ring" verantwortet, begrüßen die Gutscheinlösung. Er sagt, seine Branche sei von Anfang von den Versammlungsverboten betroffen und dies könne noch Monate andauern. "Kultur muss in ihrer Infrastruktur erhalten bleiben", so Lieberberg.

"Die Branche ist damit noch lange nicht gerettet und es sind insbesondere die mittleren und kleinen Unternehmen, die die große Bandbreite der Kultur repräsentieren, denen hier etwas Atemluft verschafft wird. Es ist nicht mehr als eine Atempause." Bis Ende 2021 müssen die Veranstalter die ausgefallenen Veranstaltungen nun nachholen, sonst müssen sie den Käufern von Tickets das Geld zurückerstatten.

Thomas Anders | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Auch Schlagersänger Anders musste Konzerte absagen.

"Auf die Zeit danach einstellen"

Eine schwierige Situation, auch für die Künstler. Viele geraten in finanzielle Schwierigkeiten, vor organisatorischen Herausforderungen stehen alle. Pop- und Schlagersänger Thomas Anders wäre eigentlich gerade von einer Russland-Tour zurückgekommen. Stattdessen sitzt auch er zu Hause in Koblenz.

Viele seiner Konzerte sind bereits verschoben. Die Gutscheinregelung, die den Konzertveranstaltern Luft verschaffen soll, begrüßt er: "Wir müssen uns auf die Zeit danach einstellen. Auch dann wollen die Leute unterhalten werden." Wenn dann aber keiner mehr da sei, um Künstler zu verpflichten, sei niemandem geholfen, sagt Anders.

"Hohe fünfstellige Zahl Arbeitnehmer" betroffen

Peter Klapproth, der in Berlin eine PR-Agentur für den Bereich Musik und Entertainment leitet, betont, warum gerade Konzerte und Tourneen so wichtig für die Branche sind: "Die Situation ist für alle Künstler herausfordernd, da das Tourgeschäft über die vergangenen Jahre hinweg einen immer wichtigeren Teil ihrer Einkünfte generierte, aus denen wiederum viele weitere Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitsplätze entstehen."

Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft rechnet, dass in den deutschen Veranstaltungsunternehmen "eine hohe fünfstellige Zahl Arbeitnehmer" tätig sei. Außerdem seien viele Unternehmen wirtschaftlich abhängig von dem Wirtschaftszweig, etwa Technikdienstleister oder Reinigungsunternehmen. "Hinzu kommen hunderttausende von Arbeitsplätzen in nachgelagerten Bereichen wie Beherbergung und Bewirtung, Transport, Vermarktung und Tourismus, deren Umsätze in erheblichem Maße ihren Ursprung in Live Entertainment-Veranstaltungen haben", so Verbandschef Michow.

Wenn der Kulturbetrieb wieder anläuft, wird sich zeigen, wie begründet die Befürchtung der Verbraucherschützer ist, Kunden könnten auf ihren Gutscheinen sitzenbleiben. Möglicherweise sind dann manche Veranstalter bereits insolvent.

Markenzeichen herausgestreckte Zunge: Der Kiss-Bassist Gene Simmons | Bildquelle: dpa
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Markenzeichen herausgestreckte Zunge: Der Kiss-Bassist Gene Simmons

Bis KISS-Bassist Gene Simmons wieder auf die Bühne darf, hat er einen Tipp fürs Ausharren zu Hause, ganz stilecht, wie es sich für einen Rocker gehört: "Stellt euch vor, da draußen sind Zombies. Jeder Zombie wartet nur darauf, dass ihr rausgeht und dann beißt er euch und ihr werdet auch ein Zombie. Geht nicht raus!"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. April 2020 um 15:08 Uhr.

Korrespondent

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