Eine Passantin mit Mund-Nasenschutz geht an einem TUI-Reisebüro vorbei.  | Bildquelle: dpa

Reisebüros und Corona "Wir verdienen höchstens Peanuts"

Stand: 12.05.2020 04:47 Uhr

Reisebüros sind seit Wochen vor allem damit beschäftigt, ihr eigenes Geschäft abzuwickeln. Erholung ist nicht in Sicht, Hoffnung macht allenfalls das Deutschland-Geschäft. Aber davon profitiert nicht jeder.

Von Michael Lehmann, SWR

Seit 25 Jahren betreibt die Finnin Terttu Jauss "Tuja-Reisen" - ein kleines Reiseunternehmen in Baden-Württemberg. Zusammen mit drei festangestellten Mitarbeiterinnen und einigen Teilzeitkräften hat sie sich auf Skandinavien-Touren spezialisiert. Viele Tausend Nordland-Liebhaber haben bei ihr in den vergangenen Jahren Hundeschlitten-Touren durch Finnisch-Lappland, Langlauf-Urlaube in Schweden oder Städtereisen in baltische Ländern gebucht.

Doch seit Mitte März kämpft Jauss mit "Tuja-Reisen" ums Überleben, auch wenn sich das am Sitz des Unternehmens, einem gemütlich eingerichteten Reihenhaus im schwäbischen Benningen am Neckar, nicht so anfühlt.

Beschäftigt mit Stornierungen

Das kleine Reiseteam ist seit Wochen vor allem mit Stornierungen bereits gebuchter und bezahlter Flugreisen beschäftigt. "Wir waren am Anfang natürlich nur schockiert", erzählt Reiseunternehmerin Jauss, "und waren nur damit beschäftigt, den Schaden zu begrenzen. Wir versuchten, die Flüge so zu stornieren, dass wir alles rückerstattet bekommen. Den Leistungsträger in Lappland, also Hotels und Veranstalter zu informieren, dass wir nicht kommen - und die Frage der Storno-Kosten möglichst auf später zu vertagen." Ihr Betrieb sei innerhalb von vier Tagen "praktisch zu gewesen" - und die Reiseunternehmerin ziemlich ratlos. Viele Kunden wollten Ihr Geld möglichst schnell zurück.

Zigtausende Euro musste sie aus der Firmenkasse so zurückerstatten, wie es das deutsche Reiserecht vorsieht. Gleichzeitig bekam sie von einigen Airlines die bereits überwiesenen Flugkosten nicht erstattet. "Finnair" als teilweise staatliches Unternehmen bezahlte ihr das Geld für Flugtickets relativ schnell zurück. Die Lufthansa bisher nicht.

Experten wie der Verbandssprecher der Reisebüro-Allianz QTA, Thomas Bösl, fordern ein neues Abrechnungsmodell für die Branche. "Wir brauchen eine Anpassung für das laufende Geschäftsjahr - die aktuellen Provisionstabellen könnten nicht bestehen bleiben", so Verbandssprecher Bösl. Für die laufende Saison setzt der Reisebüro-Verband auch auf Auto- und Bahnreisen.

Hoffnung erst auf das Wintergeschäft

Doch Jauss von "Tuja-Reisen" muss für ihre Reiseangebote in Skandinavien vor allem weiter auf den Flugverkehr setzten. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass kleinere Unternehmen wie wir solche Puffer haben, dass sie monatelang ohne neues Einkommen über die Runden kommen. Wir sind größtenteils nur Winter-Anbieter. Ich werde die nächsten Reisen - wenn Corona nicht noch mal zurückkommt - frühestens im Dezember durchführen. Die Abrechnung kommt dann im Januar, sprich: Vor Januar nächsten Jahres verdiene ich höchstens Peanuts."

Die laufenden Kosten kann sie im Moment mit Umsätzen nicht decken. Jauss hat gut gewirtschaftet in den letzten Jahren und damit einen gewissen Puffer. Das Kurzarbeiter-Geld vom Staat, so sagt sie, habe ihre Arbeitsplätze bisher gerettet. Für sie selbst und ihren Mann rechnet sie in diesem Jahr mit null Einkommen. Sie hofft, dass sie ihr kleines Team irgendwie durchbringen kann.

Noch ist Optimismus da

Mitarbeiterin Elisabeth Mareite textet in diesen Tagen an neuen Seiten für den Internet-Auftritt des Unternehmens. "Das sind sehr gemischte Gefühle im Moment bei mir", erzählt sie, einerseits habe sie große Angst, was die Zukunft für die Reisebranche bringen wird. Aber es gebe auch Hoffnung, weil sie an der Homepage für den kommenden Winter arbeite und das mache sie schon auch zuversichtlich, dass dann wieder gereist werden kann.

Wie ernst die Lage in der Reisebranche ist, zeigten die am Wochenende veröffentlichten Umfragen des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft. Verbandspräsident Michael Frenzel sieht danach rund zwei Drittel der Reiseunternehmen kurz- bis mittelfristig durch Insolvenz bedroht. Der Verband hat einen Umsatzverlust von fast elf Milliarden Euro bis Mitte Juni durch ausgefallene Reisen für knapp 11.000 Reisebüros und rund 2300 Reiseveranstalter in Deutschland errechnet.

Auch die Reisebranche hofft auf Staatsgelder

Terrtu Jauss steht vor der größten Bewährungsprobe ihres Lebens. Andere in ihrem Alter, so erzählt es die 66-jährige Reiseunternehmerin, denken über einen möglichst sanften Übergang ins Rentnerleben nach. Sie musste Mitte März auf ungeahnt dramatische Weise nochmals die Ärmel hochkrempeln und hofft jetzt, dass die Bundesregierung mit Hilfsgeldern der Reisebranche bald noch intensiver helfen kann.

"Es kann nicht sein, dass bei höherer Gewalt die Fluggesellschaften und die Reiseveranstalter die Dummen sind und den Schaden alleine begleichen müssen. Denn wir haben den Schaden auch nicht verursacht. Genauso wenig wie unsere Kunden. Deshalb müsse es eine Lösung geben. Und die, das weiß auch Reiseunternehmerin Jauss, würde weitere Millionen-Hilfsgelder aus der Staatskasse kosten.

Über dieses Thema berichtete das Hamburg-Journal am 29.04. 2020 um 19:30 Uhr.

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