Flugbegleiterinnen der Gesellschaft Turkish Airlines am Flughafen Esenboga in Ankara. | STR/EPA-EFE/Shutterstock

Corona-Reisebeschränkungen Unverständnis in Ankara

Stand: 29.08.2020 01:40 Uhr

Die neuen Beschränkungen für Reisende aus Krisengebieten bereiten nicht nur der deutschen Luftfahrtbranche Sorgen. Auch in der Türkei ist man mit der deutschen Regelung unzufrieden. Denn die trifft auch Geschäftsreisende.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Wer in den vergangenen Wochen aus der Türkei nach Deutschland reisen wollte, musste innerhalb von 48 Stunden vor dem Abflug einen Covid-19-PCR Test machen lassen. Nur mit einem negativen Testergebnis durfte man in die Maschine. Abhängig von der Verordnung des jeweiligen Bundeslandes, in das man flog, musste man nach Ankunft das Ordnungs- oder Gesundheitsamt am Reiseziel informieren.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Im besten Fall bestätigte ein Beamter die Befreiung von der 14-tägigen Quarantäne aufgrund des negativen Testergebnisses. Eine bilaterale Regelung zwischen Berlin und Ankara, die dazu führte, dass im August der Reiseverkehr zwischen der als Risikogebiet eingestuften Türkei und Deutschland wieder zu einer gewissen Normalität zurückkehrte.

Ein herber Rückschlag für Luftfahrt- und Touristikbranche

Die jetzt beschlossene Maßnahme von Bund und Ländern, dass vom 1. Oktober an alle aus Risikogebieten Einreisende pauschal in Quarantäne müssen und erst ab dem fünften Tag einen von der Quarantäne befreienden Test machen können, ist für die deutsche Wirtschaft, die Luftfahrtindustrie und den Tourismussektor ein herber Rückschlag.

Thilo Pahl, Geschäftsführer der Außenhandelskammer in Istanbul, atmete auf, als Berlin und Ankara im Juli das Reglement eines negativen Covid-19-Testergebnisses als Voraussetzung für den Flug von der Türkei nach Deutschland vereinbarten.

Man habe "nach der Zeit des Lockdowns in den Startlöchern" gestanden, so Pahl. Die jetzt beschlossene pauschale Quarantäne nach der Einreise aus einem Risikogebiet bedeute für "Geschäftsreisen nahezu das Aus". Das sei "weltweit ein riesen Problem" und behindere "eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft", warnt der Außenhandelsexperte.

Mann mit Maske am Flughafen | dpa

Die Luftfahrt- und Touristikbranchen befürchten massive Einbußen. Bild: dpa

"Bisherige Test stellen Sicherheit her"

Deniz Ugur, CEO des Reiseunternehmens Bentour, schüttelt über die Neuregelung nur noch den Kopf. Bentour ist nach TUI der größte Anbieter von Pauschalreisen in die Türkei. Eine sehr gute Regelung werde jetzt aufgehoben, so Ugur. Viele Deutsche hätten sich aufgrund der Covid-19-Tests vor der Heimreise wohl gefühlt, weil sie gewusst hätten, dass sie mit einem negativen Testergebnis gesund zurückkehren.

In Antalya seien Tests durch Hotelärzte oder am Flughafen angeboten worden. Der Test in der Türkei habe Sicherheit hergestellt, so Ugur. Die neue Regelung reduziere die Sicherheit, weil sich viele Rückkehrer in der Quarantäne "nicht in den Keller setzen", so der Touristikexperte. Die Menschen würden nun ungetestet vom Flughafen mit der Bahn nach Hause fahren und im Anschluss trotz Quarantäne in den Supermarkt gehen, um sich zu versorgen.

Sowohl für die Luftfahrt- als auch für die Reiseindustrie sei das ein massiver Schlag. Die Lufthansa musste bereits mit erheblichen Steuergeldern gerettet werden, so Ugur. Die Politik habe durch die pauschale Quarantäne für bestimmte Branchen die nächste Krise provoziert.

Warnung vor wirtschaftlichen Folgen

Mathias von Randow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, warnt vor einem erneuten Lockdown des Reisegeschehens. "Mehr als 80 Prozent des Flugverkehrs ab Deutschland" blieben mit der Regelung von Oktober an blockiert. Dabei sah die Branche die zwischen Berlin und Ankara vereinbarte Methode als Chance, auch den transatlantischen Flugverkehr wieder möglich zu machen.

"Wir haben darauf hingewiesen, dass Covid-19-Tests vor dem Abflug nach Deutschland probate Mittel sein können, um das Einschlepprisiko zu minimieren und damit die Quarantänepflicht nach der Ankunft in Deutschland zu umgehen", so eine Verbandssprecherin gegenüber tagesschau.de.

Verwunderung auf türkischer Seite

In Ankara wundert man sich über die Entscheidung von Bund und Ländern, die das bisherige Abkommen obsolet machen soll. Mustafa Erkan, früherer Abgeordneter im niedersächsischen Landtag und Berater des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu, kritisiert: "Ab dem 1. Oktober wird ein eingespieltes System ausgehebelt, das nebenbei die deutschen Testlabore entlastet hat."

Er empfiehlt Berlin, das Prinzip nicht abzuschaffen, sondern "als Vorbild für Verabredungen mit anderen Staaten zu machen." Laut Erkan wurden in den letzten Wochen mehr als 200.000 PCR-Tests in der Türkei für Rückreisende nach Deutschland durchgeführt. Die wenigen positiv Getesteten seien vor Ort behandelt worden und konnten nach der Genesung ausreisen.

Am Ende entscheiden die Bundesländer

Was von Oktober an letztendlich gilt, ist aber offenbar noch gar nicht sicher - denn jedes Bundesland kann selbständig entscheiden, wie es mit aus Risikogebieten Einreisenden verfährt. Das bayerische Gesundheitsministerium erklärt auf Nachfrage:

Ob und wieweit eine Quarantäne für Einreisende aus Risikogebieten am 1. Oktober in Bayern bestehen wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Die Staatsregierung trifft die Maßnahmen anhand des jeweiligen Infektionsgeschehens in Abwägung mit anderen betroffenen Interessen.