Essenausgabe in einer New Yorker Tafel | Bildquelle: AFP

Suppenküchen in New York "Alle kommen hierher"

Stand: 15.11.2020 04:00 Uhr

Schätzungen zufolge hat inzwischen jeder vierte New Yorker nicht genug Geld, um sich dauerhaft gesund zu ernähren. Die Pandemie lässt Hunger und Armut in einer der reichsten Städte der Welt grassieren.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Die Masbia Soupkitchen in Flatbush ist eine Mischung aus Suppenküche und Tafel. Es gibt mehrfach am Tag warme Mahlzeiten, vor allem aber Lebensmittel zum Mitnehmen. Alexander Rapaport hat Masbia - hebräisch für "sättigen" - hier 2009 eröffnet. Die Folgen der Finanzkrise hatten auch diese Gegend Brooklyns damals schwer getroffen.

"Seitdem gab es immer wieder Katastrophen, etwa beim Hurricane Sandy, als der Andrang hier groß war", sagt Rapaport. "Aber so etwas wie jetzt hat es noch nie gegeben." Der Bedarf sei um 500 Prozent gestiegen, und das bereits seit Monaten. "Am Anfang der Pandemie war die Schlange zum Teil hunderte Meter lang und ging die ganze Straße runter und um die Ecke."

Doch dann hätten sich die lokalen Einzelhändler beschwert. Jetzt gibt es ein neues System. "Die Leute schreiben eine SMS mit dem Wort 'Essen' und bekommen dann einen Termin. Dadurch haben wir eine digitale Schlange - alle zehn Minuten kommen eine Handvoll Menschen", sagt Rapaport.

Das Geld reicht oft nur für Miete oder Essen

So wie Masooma Tahir. Die Mutter von zwei Kindern kam kurz vor Ausbruch der Pandemie aus Pakistan nach New York. "Was ich bekomme, reicht meist für fünf bis sechs Tage", sagt sie. "Anfangs bekam man nur alle drei Wochen einen Termin. Jetzt jede Woche. Das hilft sehr."

Masoomas Mann hat zwar inzwischen eine Job an einer Tankstelle - doch das Geld reicht nicht für beides, Miete und Essen. Also holt sie jede Woche wenigstens die Grundnahrungsmittel wie Eier und Reis hier. Genauso wie Moshe Law, der mit seiner Familie in der Nachbarschaft lebt. "Hier wird man nicht diskriminiert", sagt er. Und manchmal gebe es sogar ein warmes Essen: "Das schätzen wir sehr."

Tüten mit Lebensmittel warten in New York auf ihre Verteilung an Bedürftige | Bildquelle: AFP
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Tüten mit Lebensmittel warten in New York auf ihre Verteilung an Bedürftige. In der Corona-Pandemie hat die Armut in der Stadt noch einmal zugenommen.

Corona verschärft die Armut

Der Hunger macht alle gleich. Und so steht der orthodoxe Jude Moshe zusammen mit der Muslima Masooma aus Pakistan und der Christin Irma aus Lateinamerika für Essen an. Irma erzählt, dass sie in der Krise ihren Job verloren habe. "Das Büro, in dem ich geputzt habe, hat wegen Corona geschlossen. Jetzt sagen sie, ich müsse warten." Wenn wieder bessere Zeiten kämen, könne sie die Stelle wiederhaben: "Vielleicht."

Wie Irma haben etwa eine Million New Yorker in der Krise ihren Job verloren - und damit oft auch die Lebensgrundlage. Die Arbeitslosenunterstützung reicht meist nicht einmal, um die horrenden New Yorker Mieten zu bezahlen. Der letzte Ausweg ist für viele der Gang zu Einrichtungen wie der Masiba Soupkitchen, in der Julie Larosa als ehrenamtliche Mitarbeiterin sieben Tage die Woche hilft.

"Es kommen alle hierher", sagt sie. "Mütter mit zehn Kinder. Alleinstehende alte Menschen. Manche Leute sind so stolz, dass sie nur kommen, wenn es dunkel ist, damit sie keiner sieht. Wir versorgen hier alle Menschen. Jedenfalls versuchen wir das."

Im Frühjahr, auf dem Höhepunkt der Corona-Welle in New York, war der Andrang so groß, dass vielen Suppenküchen und Tafeln das Essen ausging. Inzwischen steckt die Stadt Hunderte Millionen Dollar in die Programme - und das, obwohl sich die meisten Suppenküchen bisher überwiegend aus Spenden finanziert haben.

"Eindrucksvoller Job" in der Pandemie

"New York City hat da einen eindrucksvollen Job gemacht", sagt Nick Freudenberg. Er ist Professor an der City University. "Die Stadt hat schnell verschiedene Programm gestartet: zum einen Geld für die Suppenküchen gegeben, zum anderen dafür gesorgt, dass die Schulen, auch wenn sie geschlossen hatten, Mahlzeiten für die Kinder und ihre Familien ausgegeben haben." Drittens sei ein Lieferdienst eingerichtet worden für Alte, Behinderte und für all diejenigen, die Angst haben, sich mit Corona anzustecken, wenn sie das Haus verlassen.

Als Direktor des Urban Food Policy Institute befasst sich Freudenberg seit Jahren mit dem Hungerproblem in einer der reichsten Städte der Welt. Es sei wichtig, sich klarzumachen, dass das Problem nicht neu ist: "Schon vor der Pandemie litten bis zu 1,2 Millionen Menschen in New York unter ungesicherter Nahrungsmittelversorgung."

Dauerhaft helfen nur höhere Löhne

Freudenberg geht davon aus, dass es inzwischen mindestens zwei Millionen sind, die nicht genug Geld haben, um sich dauerhaft gesund ernähren zu können. Das ist fast jeder vierte New Yorker. "Diese unsichere Versorgung in New York und in den ganzen USA liegt daran, dass die Menschen nicht genug Geld haben, sich Essen zu kaufen, die Miete zu bezahlen und ihre Gesundheitsversorgung zu finanzieren. Sie haben keine Arbeit, die das alles finanzieren könnte", sagt der Wissenschaftler.

Eineinhalb Millionen New Yorker sind deshalb auf Suppenküchen, Tafeln und andere Programme angewiesen. Wertvolle und notwendige Angebote, die allerdings auf Dauer nicht nachhaltig seien: "Die langfristige Lösung wäre, dass die Menschen genug Geld verdienen, um sich ihr Essen im Laden zu kaufen." Ein Notfallsystem, wie es die Stadt aufgebaut habe, sei die Antwort auf eine Krise. "Aber es wird nicht die Probleme lösen, die wir in New York City schon so lange haben. Diese unsichere Nahrungsmittelversorgung gab es schon vor der Pandemie - und wir befürchten, sie wird es auch danach weiter geben."

 

Hunger in einer reichsten Städte der Welt – Millionen New Yorker auf Suppenküche
Peter Mücke, ARD New York
13.11.2020 14:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. November 2020 um 12:41 Uhr.

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