Großwälzlagerfertigung in Rostock | Bildquelle: dpa

Exporteinbruch Maschinenbau im "Corona-Schock"

Stand: 09.06.2020 04:28 Uhr

Die Stärke der deutschen Wirtschaft - ihre Exportbilanz - ist während der Corona-Krise ein Nachteil. Schon vorher hatten die Maschinenbauer Probleme - doch die haben sich jetzt verschärft.

Von Peter Sonnenberg, SWR

Vier von fünf Maschinen, die in Deutschland produziert werden, gehen ins Ausland. Made in Germany zieht, das ist gut für die deutsche Wirtschaft und für die Maschinenbaubranche. Wenn allerdings auf der ganzen Welt die Grenzen zu sind, dann wird die starke Exportorientierung zur Hypothek.

Die Auftragsbücher im Maschinen- und Anlagenbau sind nicht leer, denn das Abarbeiten von Aufträgen dauert hier oft Jahre. Doch es kommen deutlich weniger Neuaufträge rein - fast ein Drittel weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Branche lebt von Investitionen ihrer Kundschaft - doch wer investiert schon, wenn er noch nicht weiß, wohin sich eine galoppierende Weltwirtschaftskrise gerade entwickelt?

Industrie wird sich breiter aufstellen

Fehlende Absatzmöglichkeiten wegen der wochenlang geschlossenen Grenzen sind nur die eine Seite des Problems, die andere sind auseinandergebrochene Lieferketten. Denn wo nichts herauskommt, da geht auch nichts rein - und ohne Vorprodukte lässt sich auch die einfachste Maschine nicht bauen. Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), sieht schon jetzt deutliche Spuren, die Corona in der Branche hinterlässt.

Der "Corona-Schock" mit der Erkenntnis, dass Lieferketten fragil sind, führe dazu, "dass in wichtigen Märkten und Regionen verstärkt eigene Lieferketten aufgebaut werden", sagt Wiechers. Das sei zunächst teuer, aber langfristig gut für die Unternehmen, die dann nicht mehr auf Importe angewiesen wären. Internationalen Zulieferern dagegen, wie denen in Deutschland, mache es das Geschäft kaputt.

Sämtliche Industriebranchen hätten allerdings auch schon vor Corona "unter einem zunehmenden Nationalismus und Protektionismus rund um den Globus" gelitten: "Die fortgesetzte Abkehr vom freien Welthandel ist ein spürbarer Wachstumsdämpfer und bringt am Ende nur Verlierer hervor."

Risikosplitting kann helfen

Frank Konrad, Geschäftsführer des Spezialmaschinenherstellers Hahn Automation in Rheinböllen im Hunsrück, bestätigt diese Entwicklung. Seine Firma konzentrierte sich noch vor Jahresfrist zu 95 Prozent auf Automotive Lösungen, also digitale Entwicklungen für die Automobilindustrie.

Da die jedoch schon mehr als ein Jahr vor Corona in der Krise steckte, suchte man sich bei Hahn neue Betätigungsfelder. "Sie können es auch Risikosplitting nennen", sagt Konrad. Er rettete seinen Betrieb mit dieser Strategie vor dem branchenübergreifenden Abschwung.

20 Prozent des Geschäfts generiert der international aufgestellte Mittelständler mit 400 Mitarbeitern jetzt aus medizintechnischen Produkten - und traf damit exakt die aktuelle Nachfrage. Damit konnte Hahn die 15 Prozent Auftragsrückgang bei Automotive nicht ausgleichen, aber abmildern - und hofft, bis 2022 seinen Gewinn wieder auf Vorkrisenniveau schrauben zu können.

"Selbst mit treuen Kunden nicht unverletzlich"

"Natürlich spüren wir Corona auch sehr heftig, denn selbst als Top-Player mit treuen Kunden sind wir nicht unverletzlich gegenüber der Situation auf dem Weltmarkt." Es fehle der enge Austausch mit den Kunden. "Telefonate können Face-to-face-Geschäfte nicht ersetzen." Selbst wenn man Aufträge abarbeiten könne und Maschinen fertigstellen, können man nicht ausliefern. "Und wenn wir sie ausliefern könnten, könnten unsere Mitarbeiter sie vor Ort nicht in Betrieb nehmen, weil sie keine Dienstreisen unternehmen dürfen."

Das heißt, derzeit müssen viele Lieferungen verschoben werden, was auch die Rechnungsstellung nach hinten verschiebt. Probleme bringt das spätestens dann, wenn ein Kunde in der Zwischenzeit pleitegehen sollte.

Kapazitätsanpassungen - so nennt die Industrie das, wenn die Jobs ihrer Leute nicht mehr sicher sind - gab es auch bei Hahn Automation. Aber bis jetzt nur in Form von Kurzarbeit, weil das Serviceteam nicht mehr reisen kann. Entlassungen solle es nicht geben, zu wertvoll seien die aufwendig ausgebildeten Fachkräfte.

Es braucht auch einen "strukturpolitischen Wumms"

Ralf Wiechers vom Branchenverband VDMA sieht den deutschen Maschinenbau durch Corona an einem Scheideweg. Ob man die Fachkräfte werde halten können, hänge zum einen davon ab, ob die Pandemie eingedämmt werde oder ob es zu weiteren Lockdowns komme. "Zum anderen brauchen wir zur langfristigen Arbeitsplatzsicherung auch einen 'strukturpolitischen Wumms', um die vielfältigen wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen zu meistern."

Der Staat solle Freiräume für die Industrie schaffen, in denen Forschung und Innovation möglich seien, damit der Digitalisierungsschub, den nicht nur die Gesellschaft, sondern auch der Maschinenbau gerade erfährt, die Betriebe auf Dauer wettbewerbsfähig mache, sagt Wiechers.

Positive Impulse will auch Frank Konrad für Hahn Automation aus der Krise mitnehmen. Seine Firma ist dabei, den Ausbau ihrer Standorte in den USA und Asien voranzutreiben. Dort zu produzieren, mache unabhängiger von politischen Handelsbarrieren. "Deutschland", sagt Konrad, "soll sich auf seine Stärken als Technologiestandort konzentrieren, dann können sich das Land und seine Branche, so wie schon mehrfach in der Geschichte, auch aus dieser Krise herauskämpfen."

Über dieses Thema berichtete SWR Aktuell Baden-Württemberg am 26. Mai 2020 um 19:30 Uhr.

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