Leere Gefäße, die mit dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer gefüllt waren | AFP

Betriebsärzte Wenn Mittelständler impfen wollen

Stand: 27.04.2021 12:34 Uhr

Bei den Großunternehmen wie Telekom, Evonik oder der Deutschen Bahn sind die Impfstraßen schon eingerichtet. Aber können das auch Mittelständler leisten? Die Vorbereitungen laufen.

Von Ingrid Bertram, WDR

Beim Toilettenpapierhersteller Hakle in Düsseldorf laufen die Maschinen im Dreischichtbetrieb. 250 Mitarbeiter arbeiten hier. Mit der Corona-Krise ist kein Mitarbeiter mehr verzichtbar. Und spätestens, als einer seiner Ingenieure auf der Intensivstation lag, wusste Geschäftsführer Volker Jung: Das soll kein zweiter seiner Mitarbeiter erleben. Seit Januar versucht er schon Impfstoff zu bekommen, aber bisher vergebens.

Ingrid Bertram

Die Zelte für die Impfungen stehen parat, extra Räume sind reserviert und der Betriebsarzt hat Ärzte, die eigentlich schon im Ruhestand sind, für die Impfungen rekrutiert. Im Grunde könnte es losgehen - aber stattdessen ist Geduld gefragt. Ob sich das alles auszahlt? Wahrscheinlich nicht auf dem Papier: 300.000 Euro hat der Betrieb bereits für die PCR-Tests ausgegeben. Die Impfstraße wird sehr viel weniger kosten. Aber Volker Jung glaubt, zwei Drittel seiner Belegschaft seien impfwillig. Denen will er zumindest etwas anbieten. Verlieren will er nämlich keinen.

Überzeugungsarbeit durch Betriebsärzte

Auch Ralf Stoffels muss sich gedulden. Er leitet die Firma BIW Isolierstoffe. Er möchte die Impfung über das Werksarztzentrum organisieren. Darüber würden nicht nur seine 550 Mitarbeiter, sondern sogar das ganze Gewerbegebiet Hagen-Ennepe-Ruhr versorgt werden können. Doch auch hier fehlt der Impfstoff. Dabei ist Ralf Stoffels, der auch Präsident der Industrie- und Handelskammer Nordrhein-Westfalen ist, überzeugt, dass Betriebe viele Menschen mit dem Impfangebot besser erreichen könnten.

"Viele der Arbeitnehmer nehmen die freiwilligen Angebote gar nicht an", sagt Stoffels. Das beobachtet er schon jetzt bei den freiwilligen Tests. Sprich alles, was Zeit kostet und nicht in den Arbeitsalltag passt, wird zu einer Hürde. "Im Betrieb wäre es für viele organisatorisch einfacher, und der Betriebsarzt könnte noch Überzeugungsarbeit leisten." Denn Stoffels Angestellte arbeiten zum Großteil im Schichtbetrieb, kommen aus Osteuropa oder sind Geflüchtete und im Betrieb angelernt. Das Wissen über das Wie und Warum der Impfung ist da oft rudimentär.

Vorerkrankungen meist nicht bekannt

Doch auch wenn einiges für die Immunisierung beim Betriebsarzt spricht - wann die ersten Impfungen in den Unternehmen ankommen, weiß auch Anette Wahl-Wachendorf vom Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte nicht. "Viele Unternehmen stehen in den Startlöchern", sagt die Vizepräsidentin der Organisation. Aber tatsächlich gibt es auch noch einiges zu klären: Zum Beispiel muss in den Betrieben sichergestellt werden, dass sie regelmäßig vom Großapotheken beliefert werden, da die mRNA-Impfstoffe nur wenige Tage im Kühlschrank aufbewahrt werden können. Außerdem steht noch die Klärung aus, wer im Falle von Impfreaktionen oder Nebenwirkungen haftet. "Dafür müsste es jetzt ein grundlegende Staatshaftung geben," so Wahl-Wachendorf.

Und letztlich müsse auch klar sein, dass die Priorisierung im Betrieb nicht mehr automatisch gelte, denn schließlich kann ein Betriebsarzt nach Alter impfen, nicht aber Vorerkrankungen berücksichtigen, da er die in der Regel nicht kennt. Besser wäre es, die als erstes zu berücksichtigen, die die meisten Kundenkontakte hätten, glaubt die Betriebsärztin. Aber vor allem dürfte all das keinen weiteren bürokratischen Aufwand mit sich bringen. Denn jetzt gehe es darum, so schnell wie möglich viele Menschen zu impfen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. April 2021 um 16:20 Uhr.