Bauarbeiter auf einer Brücke in Shanghai | AFP

Chinas Bauboom Am Bedarf vorbei

Stand: 19.10.2020 10:20 Uhr

Chinas Wachstum hat seinen Preis - es geht zu Lasten der Umwelt. Viele staatlich geförderte Bauprojekte treffen keinen Bedarf, die Investitionen fließen häufig in CO2-intensive Vorhaben.

Von Tamara Anthony, ARD-Studio Peking

Bagger, Kräne, Bulldozer: Alle 25 Minuten rollt von jeder Produktionslinie ein neues Fahrzeug. XCMG ist Chinas größter Baumaschinen-Hersteller. Seit April arbeiten die etwa 20.000 Angestellten im Hochbetrieb.

Tamara Anthony ARD-Studio Peking

Im Reich der Mitte soll auf Pump die Wirtschaft angekurbelt werden. Doch anders als die EU mit ihrem "Green Deal", setzt China auf ein Konjunkturpaket ohne Ökologieauflagen - das derzeitige Wachstum geht zu Lasten der Umwelt. 477 Milliarden Euro sieht das Konjunkturpaket für Infrastrukturprojekte vor, einen Großteil davon für Eisenbahnstrecken, Straßen und Brücken - CO2 intensive Bauprojekte, deren Nutzen Ökonomen bezweifeln.

Am Bedarf vorbei

Lauri Myllyvirta vom finnischen Center for Research on Energy and Clean Air ist Experte für die chinesische Infrastruktur. Seine Analyse: Die gegenwärtigen Baustellen sind nur gut für die Konjunkturzahlen - gebraucht werden sie nicht. "Aus der Perspektive von vielen Ländern wirkt das verwunderlich. Viele Länder können nicht mal die dringend notwendigen Investitionen leisten. Aber in China gibt es schlicht zu viele Eisenbahnstrecken, Fußballstadien, Industrieparks, Straßen und Brücken."

Die Hälfte der Investitionen, so die Einschätzung des Experten, liege oberhalb des Bedarf. Doch Bauvorhaben sind schnell umzusetzen, bringen auch ungeschultes Personal in Arbeit. Bei mindestens 21.000 Projekten erließ das Umweltministerium die Überprüfung der Umweltauflagen.

Investitionen in erneuerbare Energien, Wasserkraft, Elektrofahrzeuge und Batterien - alles kohlenstoffarme Branchen - bekamen nur ein Drittel der Gelder, so analysiert Myllyvirta.

Die neue Chenjiahe-Brücke, die Teil von Chinas Hochgeschwindigkeitsnetz ist. | picture alliance/dpa

Ein Projekt, das chinesische Behörden feiern: die Chenjiahe-Brücke, die Teil von Chinas Hochgeschwindigkeitsnetz ist. Bild: picture alliance/dpa

Boom bei Kohlekraftwerken

Sogar mit neuen Kohlekraftwerken will China die Wirtschaft ankurbeln. Manch ein Bau wird ganz offiziell als Armutsbekämpfungs-Projekt deklariert. Mindestens 25 Kohlekraftwerke sind in China in Planung. Dabei sind die derzeitigen Werke nur zu etwa 50 Prozent ausgelastet. Das zeige, dass die Neubauten nichts mit der Nachfrage an Elektrizität zu tun haben, erklärt Experte Myllyvirta. "Die Kraftwerke werden gebaut, um Wirtschaftswachstum zu generieren und kurzfristig Arbeitsplätze."

Erst im September überraschte der chinesische Staatsführer Xi Jinping mit der Aussage, sein Land werde bis zum Jahr 2060 kohlenstoff neutral sein. Doch trotz des derzeitigen Baubooms halten Umweltschutzorganisation wie Greenpeace das für realistisch. "Die Ziel wurde anhand von Machbarkeitsstudien der renommierten Tsinghua Universität errechnet", erkärt Myllyvirta. "Letztlich ist der Plan nicht zu ambitioniert. China müsste seine Investitionen in Wind und Solar jährlich nur verdoppeln, dann wäre dieses Ziel erreicht."

Vor allem aber brauche es den politischen Willen. Und zurzeit fehle es genau an dem.

Über dieses Thema berichtete der ARD-Weltspiegel am 18. Oktober 2020 um 19:20 Uhr.