Kohleverarbeitungsanlage in Hejin, China | dpa

Allen Klimazielen zum Trotz China setzt weiter voll auf Kohle

Stand: 24.01.2021 01:17 Uhr

China inszeniert sich gern als Vorreiter beim Klimaschutz: Das Land will bis 2060 CO2-neutral sein. Dabei werden nach wie vor zwei Drittel des Stroms mit Kohle erzeugt - Tendenz steigend.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

China ist das Land, in dem weltweit die meiste Kohle verbrannt wird. Und China ist auch der Weltmeister beim Kohleabbau. Tendenz steigend: Trotz Corona-Krise ist in China 2020 erneut mehr Kohle gefördert worden als im Jahr davor. Damit setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort. Nach Zahlen der chinesischen Statistikbehörde wurden 2020 rund 3,8 Milliarden Tonnen Kohle abgebaut. Diese Zahl ist nicht mehr weit entfernt vom bisherigen Spitzenwert aus dem Jahr 2013. Chinas gesteigerter Bedarf nach Kohle steht in scharfem Kontrast zu den ehrgeizigen Klimaversprechen der politischen Führung.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Staats- und Parteichef Xi Jinping hatte im September bei einer Rede vor den Vereinten Nationen angekündigt, den Klimaschutz in China zu verbessern. Ab spätestens 2030 werde der Ausstoß von CO2 zurückgehen und bis 2060 solle China vollständig CO2-neutral sein. Doch in den vergangenen Monaten haben Chinas staatliche Stromkonzerne zahlreiche neue Kohlekraftwerke in Auftrag gegeben, um den wachsenden Energiebedarf zu stillen und um die coronageschwächte Wirtschaft zu beleben. Die Angst vor steigender Arbeitslosigkeit und gesellschaftlichem Unmut drängen den Klimaschutz in den industriell geprägten Provinzen in den Hintergrund.

Im chinesischen Landesteil Innere Mongolei sollen zum Beispiel neue Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von mehr als zehn Gigawatt gebaut werden. Dort allein wird dann nach Angaben des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) künftig so viel Kohle verbrannt wie in ganz Deutschland - und das, obwohl in dem Landesteil nur 25 Millionen Menschen leben. Das entspricht nicht einmal einem Drittel der Einwohnerzahl Deutschlands.

Klimaschutzexperten fordern Strukturwandel

Analysten und Umweltschutzexperten sind zunehmend skeptisch, ob China die ehrgeizigen Klimaschutzziele der Staatsführung einhalten kann. Li Shuo von der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Beijing macht dafür in erster Linie die Provinz-Regierungen verantwortlich: "Während Chinas Zentralregierung dem Ausstoß schädlicher Klimagase den Kampf angesagt hat und auch die CO2-intensive Industrie zurückdrängen will, ist es bei einigen Provinz-Behörden umgekehrt: Sie haben der Klimapolitik der Zentralregierung den Kampf angesagt." Der wachsende Kohleabbau und das Wachstum anderer CO2-intensiver Industriezweige verletzten ganz klar die Klimaschutzverpflichtungen der chinesischen Führung, sagt Li.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Gewaltenteilung und echten Föderalismus gibt es in China nicht. Die Provinzregierungen sind ausnahmslos von der kommunistischen Zentralregierung in Beijing eingesetzt, somit ist sie letztlich auch verantwortlich für die Klima- und Wirtschaftspolitik in den einzelnen Landesteilen. Klimaexperte Li fordert deshalb einen Strukturwandel in den Provinzen Chinas, die bisher vor allem von Schwerindustrie wie Kohle und Stahl leben: "Die Provinzen in China, die besonders energiehungrig sind, sollten ihre Wirtschaft umstellen", sagt er. Das gelte zum Beispiel für Shanxi und die Innere Mongolei.

Entscheidend dürfte beim Klimaschutz allerdings etwas ganz anderes sein in China: das Thema Energiesparen. Nach wie vor sind die meisten Häuser, Wohnungen und Bürogebäude in China kaum isoliert. Geheizt oder gekühlt wird häufig mit ineffizienten Stromgebläsen - und ein gesellschaftliches Bewusstsein fürs Thema Energiesparen gibt es im bevölkerungsreichsten Land der Welt bisher kaum.