Sonnenuntergang im Finanzviertel Lujiazui in Shanghai, China. | REUTERS

Ausländische Firmen in China Viel Wachstum, weniger Offenheit

Stand: 23.09.2021 10:24 Uhr

In China aktive europäische Unternehmen sehen sich mit Problemen konfrontiert: China schotte sich ab, statt sich - wie seit Jahren versprochen - zu öffnen. Beim Wachstum sind viele Firmen aber optimistisch.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Auf den ersten Blick laufen die Geschäfte europäischer Firmen in China gut. Viele Unternehmen meldeten zuletzt wieder Rekorde bei Umsatz und Gewinn in der Volksrepublik - und das werde zunächst wohl auch so weitergehen, schätzt die Europäische Handelskammer.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

"Für China läuft es wirtschaftlich sehr gut. Aber die Essenz unseres Positionspapiers ist: Es könnte noch besser laufen", sagt Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China. Er beklagt, dass die Staats- und Parteiführung die Volksrepublik zunehmend nach innen wende und die Wirtschaft des Landes tendenziell vom Rest der Welt abschotte.

Das sei ein besorgniserregender Trend, denn die kommunistische Führung setze so die Innovationskraft Chinas aufs Spiel. Damit würden Wachstumschanchen verschenkt, findet Wuttke.

Wenn man die benachbarten Volkswirtschaften Südkorea, Japan oder Taiwan in Vergleich zu China setze, sei zu erkennen, dass jeweils 30 bis 40 Jahre nach Beginn der wirtschaftlichen Öffnung China fast identisch stark gewachsen ist wie die anderen Volkswirtschaften - bezogen aufs Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Nun aber sehe man, dass die Volksrepublik im Vergleich zurückfalle.

Chinas Erfolgsstory, die durch die riesige Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen offensichtlich ist, überdeckt im Grunde die Tatsache, dass China einen Reformbedarf hat. Diesen Reformansatz sehen wir kaum noch.

Chinesische Führung spricht weiter von Reformkurs

Das steht in klaren Widerspruch zu den Berichten staatlicher chinesischer Medien und zu den Beteuerungen von Vertretern der kommunistischen Führung. Sie wiederholen seit Jahren, dass China die Ende der 1970er-Jahre eingeleitete Politik der Öffnung und der Reformen vorantreiben werde.

Wuttke reagiert darauf mit Schulterzucken: "Gut, damit muss man leben. Wir haben dafür ein schönes englisches Wort kreiert: 'Promise fatigue', also die Müdigkeit, immer die selben Versprechen zu hören, und dann kommt da aber nichts."

Druck auf europäische Handelskammer?

Die Europäische Handelskammer in China veröffentlicht einmal im Jahr einen Bericht zur Stimmungslage der ausländischen Unternehmen in China. Der wichtigste Lobbyverband europäischer Firmen vertritt rund 1700 Unternehmen, die in China aktiv sind. Dazu zählen kleine Mittelständler aber auch große Konzerne wie BP, Siemens, L'Oréal, Bayer und Volkswagen.

Seit Jahren prangert die Europäische Handelskammer Probleme in China an - viel offener, direkter und ehrlicher, als es die Unternehmen selbst tun. Ausländische Firmen trauen sich in der Regel nicht, auch nur ansatzweise etwas Kritisches zu sagen, weil sie wirtschaftliche Nachteile fürchten.

Dem Vernehmen nach steigt inzwischen auch der politische Druck auf die Europäische Handelskammer: Kritik an ihrer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik lässt sich Chinas die Staats- und Parteiführung noch weniger gefallen lassen als in der Vergangenheit.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. September 2021 um 09:00 Uhr.