Techniker arbeiten im Beijing Aerospace Control Center (BACC).  | Bildquelle: dpa

Diskussion in China Arbeiten im "9-9-6"-Takt

Stand: 25.06.2019 09:28 Uhr

Viel Arbeiten - das gehört für die meisten Menschen in China zum Alltag. Einige verfahren nach der "9-9-6"-Formel. Was verbirgt sich dahinter?

Von Markus Pfalzgraf, ARD-Studio Shanghai

Eine Debatte hat die Arbeitswelt in China in letzter Zeit mit bestimmt: Sie lässt sich auf die griffige Formel "9-9-6" bringen. Die Zahlen stehen für: Arbeiten von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, an sechs Tagen der Woche.

Als Verfechter von "9-9-6" hat sich Alibaba-Chef Jack Ma hervorgetan. Der Gründer des Internet-Handelsriesen legt die strengen Maßstäbe auch an sich selbst an. In einer koreanischen Talkshow hatte der selbstbewusste Ma fast schon einen schwachen Moment:

"Ich bereue es, dass ich so hart arbeite und so wenig Zeit mit meiner Familie verbringe. Meine Frau sagt: Du bist nicht mit mir, sondern mit Alibaba verheiratet. Aber das Leben ist so kurz. Es geht um Erfahrung."

Jack Ma | Bildquelle: AFP
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Jack Ma arbeitet viel und bereut es. Zumindest öffentlich.

72 Wochen-Arbeitsstunden - keine Seltenheit

Ma will mit dem Beispiel eines Workaholic vorangehen, und verlangt dieselbe Einstellung von seinen Angestellten. Dabei gibt es in China klare Regeln: Eigentlich gilt eine 40-Stunden-Woche, bei acht Stunden am Tag, an fünf Tagen die Woche - nicht die mehr als 70 Stunden eines Jack Ma. Doch nicht nur bei den schnell wachsenden Internetkonzernen, sondern auch in der klassischen Industrieproduktion, ist die Wirklichkeit eine andere.

Liu Kaiming leitet ein Institut im südchinesischen Shenzhen, das Arbeitsstandards überwacht. "Für Arbeiter kommt ein Großteil ihres Einkommens von Überstunden", berichtet er. "In Städten wir Shenzhen oder Shanghai beträgt der Mindestlohn umgerechnet 300 Euro. Das reicht längst nicht, bei den Lebenshaltungskosten." Zum Überleben seien Überstunden nötig.

Arbeiter der China Railway arbeiten am Linying-Abschnitt der Peking-Xiongan Intercity-Bahn. | Bildquelle: dpa
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Arbeiter der China Railway am Linying-Abschnitt der Peking-Xiongan Intercity-Bahn

Steigende Löhne und steigende Kosten

Das Problem besteht, obwohl die Löhne zuletzt stark gestiegen sind. Die Daten von Liu Kaimings Institut decken sich mit denen der deutschen Außenhandelskammer in Peking: In manchen Regionen Chinas haben sich die Mindestlöhne innerhalb weniger Jahre verdoppelt.

Auch die Reallöhne steigen immer noch, wenn auch nicht mehr ganz so rasant, im Schnitt um zehn Prozent - pro Jahr. Allerdings steigen auch die Kosten.

"Nicht einmal Mindeststandard"

Eine weitere Kehrseite: Firmen in Wirtschaftsregionen wie Shanghai verlegen ihre Produktion schon in südostasiatische Länder, die billiger produzieren können. Doch die Löhne und Arbeitsbedingungen in China selbst haben sich verbessert, auch wenn sie im internationalen Vergleich immer noch niedrig sind, sagt Boy Lüthje. Er ist Volkswagen-Stiftungs-Professor in Guangzhou und erforscht industrielle Beziehungen und soziale Entwicklungen.

"Das ist herrschender Standard. Die Frage ist, ist der chinesische Staat und sind die Gewerkschaften stark genug, willens und in der Lage, die gesetzlichen Standards in den Unternehmen umzusetzen."

Arbeiter am Salzsee von Yuncheng | Bildquelle: dpa
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Arbeiter am Salzsee von Yuncheng

Immerhin - größere Grubenunglücke, wie es sie früher einmal gab, passieren nicht mehr so oft in China. Trotzdem sagt Liu Kaiming, der Arbeitsrechtler in Shenzhen:

"Ich habe kürzlich in fünf Provinzen Fabriken, Steinbrüche und Minen besucht. Die meisten Arbeiter, aber auch Vorarbeiter, haben nicht die geringste Schutzkleidung getragen, nicht einmal den Mindeststandard. Beim Arbeitsschutz ist das Bewusstsein schwach ausgeprägt."

Die Lösung sieht für Liu so aus: Die Arbeiter einbinden, und die Lieferkette strenger überwachen. Doch darauf, sagt Lüthje von der School of Governance in Guangzhou, müssten eben auch die internationalen Geschäftspartner selber achten.

100 Jahre ILO: Arbeitsstandards in China
Markus Pfalzgraf, ARD Shanghai
25.06.2019 09:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Juni 2019 um 05:49 Uhr.

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