Sonnenaufgang in Schanghai

Jobhopping ist Volkssport in China Heute Lehrer, morgen DJ

Stand: 05.03.2015 12:10 Uhr

Die chinesische Wirtschaft wächst nicht mehr so rasant wie früher. Krisenstimmung ist dennoch nicht angesagt. Arbeitnehmer werden in vielen Branchen nachgefragt - das fördert den schnellen Arbeitsplatzwechsel, auch über Branchengrenzen hinweg.

Von Markus Rimmele, ARD-Hörfunkstudio Schanghai

Fang Yuxiang aus Schanghai hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren so viele verschiedene Jobs gehabt wie andere Leute in einem ganzen Leben. "Ich habe als Chinesischlehrer gearbeitet. Dann in den Staatsmedien im Vertrieb, als Projektmanager bei einer Videoproduktion im Tourismusbereich und anschließend als Vizechefredakteur bei einem Magazin. Jetzt leite ich eine Webseite für den Online-Verkauf von alkoholischen Getränken", erzählt Fang.

Markus Rimmele ARD-Studio Shanghai

Der 36-Jährige wechselt alle paar Monate seinen Job. Nicht etwa, weil er rausgeschmissen wurde und auch nicht, weil die Arbeit so schrecklich war. Er wechselt, weil der neue Arbeitgeber mehr zahlt, die Position etwas besser ist oder auch einfach, weil er es kann. Alle seine Freunde machen es genauso, erzählt er.

"In Schanghai ist alles möglich. Gesellschaft und Wirtschaft sind zwar noch instabil, aber dadurch ergeben sich auch viele Chancen. In meiner Freizeit jobbe ich zusätzlich noch als DJ. Ich glaube, all das ist in Europa kaum zu finden", sagt Fang, der zuvor einige Jahre in London und Rom lebte.

Lasershow am Silvesterabend in Schanghai

In Schanghai sei alles möglich, ist Fang Yuxiang überzeugt - nicht nur am Silvesterabend. (Archivbild)

Stabiles Wirtschaftswachstum

Chinas Arbeitsmarkt steckt voller Dynamik. Premier Li Keqiang hat angekündigt, die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr auf 4,5 Prozent senken zu wollen. Die Zahl erfasst allerdings nur die registrierten Arbeitslosen in den Städten, nicht die Landbewohner.

Natürlich ist nicht alles rosig in China. Firmen in der Billig-Exportindustrie schließen die Tore und entlassen Mitarbeiter. Uni-Absolventen in bestimmten Fächern finden nur schwer Jobs. Doch die Wirtschaft wächst noch immer mit sieben Prozent und braucht neue Arbeitskräfte. Im vergangenen Jahr wurden laut Regierung mehr als zehn Millionen neue Stellen für Menschen geschaffen, die vom Land in die Städte ziehen.

Die Angst vor sozialen Unruhen

"Die Regierung versucht alles, um den Arbeitsmarkt stabil zu halten", sagt der Schanghaier Ökonom Xie Weiyu. "Denn bei hoher Inflation und hoher Arbeitslosigkeit kommt es zu sozialen Unruhen. Bislang haben wir diese Probleme nicht."

Für die Kommunistische Partei ist die Schaffung von Jobs auch immer eine Investition in den eigenen Machterhalt. Die Aussichten stehen gut. Wegen der Ein-Kind-Politik altert die Gesellschaft. Langfristig ist das ein Problem, doch jetzt nimmt es den Druck vom Arbeitsmarkt. Seit 2012 sinkt die Gesamtzahl der Erwerbstätigen im Land. Der Trend wird sich beschleunigen.

"Wir finden niemanden"

Auf einer Jobmesse im westchinesischen Chengdu werben Firmen um Arbeiter - und finden doch keine. "Wir suchen jemanden in der Altenpflege", sagt eine Arbeitsvermittlerin. "Wir bieten 3500 Yuan im Monat. Aber wir finden niemanden." 3500 Yuan sind umgerechnet mehr als 500 Euro.

Bauarbeiter gehen in Peking zu ihrer Arbeit auf einer Baustelle. (Dezember 2014)

Das Jobhopping lohnt sich für Arbeiter in den meisten Bereichen der Wirtschaft: Bauarbeiter in Peking (Dezember 2014)

Viele Arbeitgeber suchen händeringend Leute. In Dongguan im Perlflussdelta zahlt eine Firma ihren Arbeitern ein Belohnungsgeld, wenn sie Bewerber mitbringen. Auch Wanderarbeiter, ganz unten in der Jobpyramide, sind rar geworden. Der Notstand lässt die Löhne steigen, oft um 15 Prozent und mehr jährlich. Inklusive Überstunden verdienen viele Arbeiter schon rund 600 Euro im Monat, ein Vielfaches von dem, was noch vor zehn Jahren üblich war. Auch sie wechseln die Stelle, sobald sich etwas Besseres bietet.

Jobhopping bleibt beliebt

Das Jobhopping lohnt sich quer durch die Schichten. Wer in Schanghai in diesem Jahr in den Bereichen Finanzen, IT, Vertrieb oder Personal den Arbeitgeber wechselt, kann mit einem Gehaltsplus von 20 Prozent rechnen, schätzt die Unternehmensberatung Robert Walters.

Die Gefahren für Chinas Wirtschaft sind groß und doch Theorie. Im realen Alltag ist eine Krise weit weg. "Ich spüre keinen Stimmungswandel bei den Leuten, die ich kenne", sagt Fang Yuxiang. "Alle reden davon, wie gut ihre Aussichten sind. Niemand muss einen Job machen, den er nicht mag."