Mitarbeiter bei der Arbeit in der Merck-Pharma-Produktion (Archivbild) | dpa

Chemie- und Pharmabranche Tarifverhandlungen zur Unzeit

Stand: 21.03.2022 02:32 Uhr

Heute starten in Hannover die Verhandlungen für einen neuen Tarifvertrag in der Chemie- und Pharmabranche. 580.000 Arbeitnehmer sind davon betroffen. Der Zeitpunkt für die Gespräche könnte kaum ungünstiger sein.

Von Peter Sonnenberg, SWR

Der Reflex von Gewerkschaften ist es, in Tarifverhandlungen zurückzuschauen und, sofern vorhanden, Wachstumsraten der Branche zu bemühen, um dann ein Stück vom Kuchen für die Belegschaft zu fordern. Die Zahlen aus dem vergangenen Jahr könnten kaum bessere Argumente liefern: Die Branche erwirtschaftete 225 Milliarden Euro - ein Plus von knapp 18 Prozent. Die Produktion stieg laut Verband der chemischen Industrie (VCI) um gut fünf Prozent und die Erzeugerpreise legten um mehr als neun Prozent zu.

Peter Sonnenberg

Arbeitgeber schauen eher, und das meist skeptisch, in die Zukunft. Rohstoffe und Energiekosten machten es den Unternehmen zunehmend schwerer, wäre ihre Argumentation. Und auch hier wird der Verhandlungsführer beeindruckende Zahlen vorlegen: 85 Prozent der Unternehmen geben laut VCI an, die Preissteigerungen nicht oder nur teilweise an ihre Kunden weitergeben zu können. 70 Prozent klagen schon jetzt über gravierende Probleme durch die hohen Kosten und mehr als die Hälfte der Betriebe erwartet einen Rückgang von Umsatz und Produktion.

Seit Kriegsbeginn ist alles anders

Wenn der Arbeitnehmer-Verhandlungsführer Ralf Sikorski von der IG BCE also einen "nachhaltigen Erhalt der Kaufkraft", sprich einen Inflationsausgleich plus Wertschätzung der Schichtarbeit sowie ein Konzept für mobile Arbeit, fordert, wie die Gewerkschaft es am 22. Februar intern beschlossen hat, dann hatte sie dafür gute Gründe - am 22. Februar.

Am 24. Februar begann Russland seinen Krieg gegen die Ukraine und jetzt ist, auch in der Chemieindustrie, alles anders. Und aus diesem Grund gibt es diesmal, anders als am Beginn anderer Tarifverhandlungen, auch noch keine konkrete, in Prozenten ausgedrückte Forderung der Gewerkschaft.

"Eine Situation maximaler Unsicherheit"

"Wir befinden uns in einer Situation maximaler Unsicherheit. Die wirtschaftlichen Folgen der Ukraine-Krise sind schon jetzt dramatisch, vor allem bei Rohstoffen und Energie", sagt Hans Oberschulte, Personalchef der BASF und erstmals Verhandlungsführer der Arbeitgeberseite. "Der Krieg in der Ukraine und seine Folgen machen eine grundsätzliche Neubewertung der Lage erforderlich. Auch für die Tarifpolitik ist die Welt seit dem 24. Februar eine andere."

Oberschulte spielt an auf ein Embargo für Gas- und Ölimporte aus Russland, das zumindest andiskutiert ist. Das Ausbleiben dieser Rohstoffe würde unbestreitbar zu einer deutlichen Drosselung der Produktion in weiten Bereichen der Branche führen und die Umsätze massiv dahinschmelzen lassen. Deutliche Lohnerhöhungen schließt der Manager aus: "Eine Zeit maximaler Unsicherheit ist definitiv nicht die Zeit für dauerhafte Tabellenerhöhungen."

"Diese ungute Konstellation bringt uns Tarifparteien jetzt doppelt in die Verantwortung", stellt Ralf Sikorski von der IG BCE für beide Seiten fest. "Wir müssen eine Lösung finden, die der unsicheren ökonomischen Lage ebenso gerecht wird wie dem berechtigten Wunsch der Menschen nach Kaufkraftsteigerung." Aber möglicherweise nicht schon in diesem Frühjahr.

Ein Abschluss bei ungewissen Zukunftsaussichten?

Es ist im Moment völlig offen, ob sich die politische Lage - und damit die Voraussetzung für eine kalkulierbare Wirtschaftsentwicklung - schnell wieder normalisiert oder wir erst am Anfang einer Epoche stehen, in der die Wirtschaft für die Menschen zweitrangig wird. Vor dieser Ausgangslage stellte die Gewerkschaft vergangene Woche die Frage in den Raum, ob man die Tarifverhandlungen nicht vielleicht schnell unterbrechen werde, um sie erst fortzuführen, wenn die weltpolitische Lage sich entspannt: "Deshalb sind wir im Zweifel auch bereit, eine Brücke zu bauen über das Tal der Unsicherheit", so Ralf Sikorski.

Die Arbeitgeberseite scheint für diese Überlegung jedenfalls offen zu sein. Hans Oberschulte sagte dazu: "Beide Seiten müssen dazu zunächst intern das Für und Wider einer solchen Lösung abwägen. Hinzu kommt die Frage, wie diese Brücke konkret aussehen könnte. In der aktuellen außergewöhnlichen Lage schließen wir jedenfalls keine Option im Vorfeld aus."

Kein Inflationsausgleich auf Kosten von Arbeitsplatzstabilität

"Im Grunde müssten sie über Lohnkürzungen verhandeln", sagt Professor Hajo Weber vom Institut für Modernisierung (IMO). Er beschäftigt sich mit Entwicklungsprozessen in Gesellschaft und Arbeitsmarkt. "In Japan würde in einer solchen Situation nicht über Lohnsteigerungen gesprochen, weil die am Ende zu Entlassungen führen könnten. Anders als hier, gilt die Belegschaft in Japan als eine große Familie und in Krisenzeiten verzichten bis hoch zum Top-Manager alle auf einen Teil ihres Gehalts, um das Ganze zu retten."

Weber sieht die Branche in einem gewaltigen Umbruch, herbeigeführt durch die Energiewende und die Veränderungen in der Automobilbranche, von der viele Chemieunternehmen abhängen. Dieser Umbruch erfordere jetzt Investitionen, für die aber vor dem Hintergrund steigender Energie- und Rohstoffpreise immer weniger Spielraum bliebe.

Vertagen der Lohnfragen könnte sinnvoll sein

"Für die Gewerkschaften ist das eine extrem eklige Situation", so Weber weiter. Denn auch wenn zurzeit alles teurer werde, sei nicht die Zeit für einen Inflationsausgleich oder sogar mehr. Und für ihn hat das nur unter anderem auch mit dem Krieg in der Ukraine zu tun. Mehr aber mit den aktuellen Erfordernissen, den Anschluss nicht zu verlieren, an den Umstieg auf neue Energieträger.

Da könnte die "Brücke über das Tal der Unsicherheit", wie die IG BCE sie ins Spiel gebracht hat, doch vielleicht die schlaueste Lösung sein. Lohnfragen zu vertagen, bis die Lage überschaubarer wird und jetzt nur über drängende Nebenschauplätze zu sprechen. Über flexible Arbeitsplatzgestaltung beispielsweise, bessere Zulagen für Schichtarbeiter oder eine Nachwuchsinitiative gegen den Fachkräftemangel.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. März 2022 um 07:38 Uhr.