Eine Pflegerin läuft Seite an Seite mit einer älteren Bewohnerin durch den Flur eines Altenpflegeheims. | dpa

Tarifvertrag in Altenpflege Caritas unter Druck

Stand: 08.03.2021 03:59 Uhr

Der Berufszweig der Pflegekräfte benötigt dringend eine Aufwertung. Darin sind sich alle einig. Ein Tarifvertrag für die Altenpflege scheiterte aber ausgerechnet an der Caritas. Jetzt ist dort der Ärger groß.

Von Tilmann Kleinjung, BR

"Nach dem Klatschen kommt die Klatsche" hieß es bei der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di am Tag nach der Entscheidung der Caritas - in Anspielung auf die Solidaritätsbekundungen in der Corona-Krise. Altenpflegefachkraft Tatjana Sambale hatte am Tag nach dem Aus des Flächentarifvertrags Frühdienst. "Es war schon ein harter Frühdienst", erzählt sie. "Mit den Kolleginnen Dienst zu tun, die sich abrackern, die alles tun. Und zu wissen, dass man wirklich einen Schritt nach vorne gemacht hätte. Und dann kam dieses Aus."

Tilmann Kleinjung

Sambale arbeitet in einem Nürnberger Pflegeheim in privater Trägerschaft. Sie ist Betriebsratsvorsitzende und engagiert sich bei ver.di dafür, dass alle Pflegekräfte - egal ob bei einem kirchlichen oder privaten Arbeitgeber - unter vergleichbaren Bedingungen beschäftigt sind. Vor allem die Bundesregierung wollte einen branchenweit gültigen Tarifvertrag, den Bundesarbeitsminister Hubertus Heil als allgemeinverbindlich erklären kann.

Caritas erhebt Einspruch

Auf den letzten Metern ist der Tarifvertrag am Einspruch der Caritas, dem katholischen Wohlfahrtsverband in Deutschland, gescheitert: "Dem können wir nicht zustimmen, weil der einfach hinter den Erwartungen zurückbleibt", sagt Norbert Altmann von der Caritas. Er hält den Caritas-Tarif in der Altenpflege für deutlich besser. Die Caritas zahle höhere Löhne, habe bessere Arbeitszeitregelungen. Kurz: Man will sich nicht nach unten anpassen.

Auch wenn es nicht so klingt - Altmann spricht für die Arbeitgeberseite bei der Caritas. Seine Sorge: Wenn es einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für alle gibt, drücken die Pflegekassen die Preise - "dass künftig Kostenträger sagen: Hier gibt es einen allgemeinverbindlichen Tarif, wir finanzieren euch nur noch diesen allgemeinverbindlichen Tarif."

Wettbewerbsvorteil für kirchliche Träger

Es gebe noch einen weiteren Grund für die Weigerung der Caritas, sagt Sambale. Die Caritas habe wenig Interesse, das Lohngefälle auszugleichen. denn es verschaffe ihr bei der Suche nach Personal einen Vorsprung: "Bei einem Pflegemarkt, der gerade leergefegt ist, ist das ein Wettbewerbsvorteil", sagt Sambale. "Aber es ist in der Fläche für Leute, die aus verschiedensten Gründen bei privaten Anbietern arbeiten, eine schlechte Entwicklung."

"Die Stimmung ist gerade sehr sparsam", sagt Thomas Rühl, Sprecher der Caritas-Mitarbeiter. "Wir sind auf der Mitarbeiterseite noch sehr entsetzt über das Abstimmungsverhalten unserer Dienstgeberseite letzte Woche. Und wir sind im Moment nicht in der Lage, mit denen zu kommunizieren."

Ablehnung schadet Image

Rühl hat in der Arbeitsrechtlichen Kommission der Caritas vergeblich für den Flächentarifvertrag geworben. Er sah die hohen Caritas-Standards nicht in Gefahr - sehr wohl aber das Image des katholischen Wohlfahrtsverbandes: "Wie blöd muss man sein, das so zu machen? Es gab und gibt im Umfeld dieses Tarifvertrags eine Menge Player, die diesen Tarifvertrag nicht wollten." Allen voran private Anbieter, die von den niedrigen Lohnkosten profitieren.

Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche haben im zurückliegenden Corona-Jahr immer wieder eine gerechte Bezahlung in der Pflege angemahnt. Am Ende haben sich die großen Träger und Einrichtungen der Caritas durchgesetzt. Auch gegen Widerstand im eigenen Verband. Caritas-Präsident Peter Neher schimpft: Der Beschluss "schadet der Glaubwürdigkeit der Caritas", denn er verhindere "eine höhere Entlohnung von vielen Pflegekräften außerhalb der Caritas und das mitten in einer Pandemie, die diesen Menschen unheimlich viel abverlangt".

Die Entscheidung "untergräbt die Gemeinwohlorientierung der Caritas", schreiben auch Deutschlands katholische Sozialethiker. Damit werde dem ohnehin "schon angeschlagenen gesellschaftlichen Ansehen der katholischen Kirche" weiterer Schaden zugefügt.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 08. März 2021 um 06:55 Uhr.