Bundesbankpräsident Jens Weidmann | dpa

Leitung der Bundesbank Wer folgt auf Weidmann?

Stand: 22.10.2021 19:28 Uhr

Nach dem angekündigten Rückzug von Bundesbank-Chef Weidmann hat die Debatte um seine Nachfolge begonnen. Zwei Kandidatinnen und zwei Kandidaten gelten als besonders aussichtsreich. Wer steht für welchen Kurs?

Für die künftige Koalition könnte es eine der ersten heiklen Personalfragen neben der Besetzung der Kabinetts werden: Bis zum Jahreswechsel muss die Bundesregierung entscheiden, wer Jens Weidmann an der Spitze der Bundesbank beerbt. Nach zehn Jahren im Amt hatte der 53-jährige Weidmann am Mittwoch angekündigt, Ende 2021 zurückzutreten - sechs Jahre vor dem regulären Ende seiner Amtszeit.

Noch hätten sich die Parteien, die derzeit über eine "Ampel"-Koalition verhandeln, mit dem Thema nicht beschäftigt, erklärte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. Laut Insidern wird wohl erst in zwei Monaten über die Nachfolge Weidmanns entschieden. Bis dahin sollen laut dem derzeitigen Zeitplan die Koalitionsverhandlungen abgeschlossen und die neue Regierung vereidigt sein.

Muss sich die Bundesbank neu ausrichten?

Die Verhandlungspartner SPD, Grüne und FDP scheinen sich indes über die künftige Ausrichtung der Bundesbank noch uneins zu sein. Grünen-Co-Chef Robert Habeck plädiert für eine Notenbank, die "auf der Höhe der Herausforderungen der Zeit" agieren, also unter anderem Klimaschutzaspekte berücksichtigen solle. Die FDP fordert dagegen in erster Linie Kontinuität. "Die Deutsche Bundesbank muss weiter Anwältin einer stabilitätsorientierten Geldpolitik in Europa bleiben", sagte Parteichef Christian Lindner.

Ein Signal für einen zumindest teilweise von den möglichen "Ampel"-Koalitionären gewollten Neuanfang wäre die Besetzung des Chefpostens mit einer Frau. Denn seit Gründung der Bundesbank stand bisher immer ein Mann an deren Spitze.

EZB-Direktorin Schnabel hat gute Chancen

Als aussichtsreiche Anwärterin gilt die 50-jährige Ökonomin Isabel Schnabel. Sie ist seit 2020 Direktorin im EZB-Rat und derzeit neben Weidmann die mächtigste Deutsche in der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie verteidigt die ultralockere Geldpolitik der europäischen Währungshüter gegen die anhaltende Kritik aus Deutschland. Ohne die geldpolitischen Schritte der Zentralbank würde es dem Euro-Raum noch viel schlechter gehen, erklärt sie.

Eine Enteignung der Sparer durch die Niedrigzinspolitik der EZB sieht Schnabel nicht. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte habe es immer wieder negative Realzinsen in Deutschland gegeben. Zudem sei es nicht der Auftrag der EZB, den Sparern auskömmliche Zinsen zu garantieren.

Die Wirtschaftsprofessorin Isabel Schnabel (Aufnahme vom 12.07.2019) | dpa

Die Wirtschaftsprofessorin Isabel Schnabel ist als derzeitige EZB-Direktorin eine des aussichtsreichen Kandidatinnen für die Weidmann-Nachfolge. Bild: dpa

Vermittlerin zwischen Falken und Tauben

Da Schnabel weder eindeutig den Anhängern der harten Geldpolitik, auch "Falken" genannt, noch der lockeren Geldpolitik, "Tauben" genannt, zuzuordnen ist, kann sie zwischen beiden Lagern vermitteln. Das gelang Weidmann als Bundesbank-Chef nicht, weil er stets als Falke wahrgenommen wurde. Nach Ansicht von Ökonomen ist die Einteilung von Falken und Tauben nicht mehr zeitgemäß. Die Geldpolitik sei inzwischen viel mehr in die Stabiliät der Finanzmärkte eingebunden, meint Markus Demary vom Institut der Deutschen Wirtschaft.

Darüber hinaus tritt Schnabel für eine stärkere Berücksichtigung von Klimaschutz in der Geldpolitik ein. Die EZB-Direktorin will die Anleihenkäufe der Währungshüter "grüner" ausrichten. Gegen ihre Nominierung für die Bundesbank-Spitze spricht, dass die künftige Bundesregierung wohl wieder einen deutschen Vertreter für das EZB-Direktorium finden müsste, wenn Schnabel den Job wechselt. Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger oder einer geeigneten Nachfolgerin dürfte schwierig werden.

Claudia Buch als mögliche interne Lösung

Eine personelle Alternative wäre Claudia Buch - als interne Lösung. Die bisherige Bundesbank-Vizepräsidentin kennt die Behörde bestens und könnte problemlos an die Spitze der Bank aufrücken. Die Ökonomin sitzt seit 2014 in der Bundesbank. Zudem ist Buch Expertin für Finanzstabilität - ein Thema, das in der europäischen Geldpolitik immer wichtiger wird.

Die 55-Jährige, die früher zu den Wirtschaftsweisen gehörte und regelmäßig ihre wissenschaftliche Expertise betont, gilt als unpolitisch. Das kann ein Vorteil, aber auch ein Nachteil sein. Gegenüber Weidmann konnte sie sich mit ihrer Position jedenfalls kaum durchsetzen.

Claudia Buch

Claudia Buch, derzeit Vizepräsident der Bundesbank, wäre eine interne Lösung. Dass sie als unpolitisch gilt, könnte ein Vorteil, aber auch ein Nachteil sein.

Buch oder Schnabel - "beide könnten bei der Bundesbank künftig eine größere Rolle spielen", glaubt Gabriel Felbermayr, Direktor des Wifo-Instituts in Wien und vormals Experte beim ifo-Institut. Mit dem Abgang Weidmanns werde es inhaltlich eine Verschiebung bei der Bundesbank geben, wenn auch keine Revolution.

Staatssekretär Jörg Kukies ist Scholz-Vertrauter

Bevorzugter Kandidat des wahrscheinlichen künftigen Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) dürfte Jörg Kukies sein. Der Ökonom ist seit 2018 Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und half Scholz bei der Aufarbeitung des Wirecard-Skandals. Kukies ist auch schon lange in der SPD engagiert. Einst war er Juso-Vorsitzender in Rheinland-Pfalz.

Der 53-Jährige, der gerne Probleme weglächelt, kennt sich im Gegensatz zu Schnabel und Buch bestens in der Bankenwelt aus. Er war jahrelang bei Goldman Sachs tätig und leitete die deutsche Tochter der US-Großbank als Co-Chef. Andererseits hat Kukies keine Notenbank-Erfahrung. Unklar ist auch, ob er Scholz-Vertrauter in einer "Ampel"-Koalition durchsetzbar wäre.

Jörg Kukies | Florian Gaertner/photothek.net
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Jörg Kukies, derzeit Staatssekretär im Bundesfinanzministerium gilt als Vertrauter von Olaf Scholz und hat große Erfahrung in der Bankenwelt - aber nicht bei Notenbanken. Bild: Florian Gaertner/photothek.net M

Ökonom Fratzscher Kandidat bringt EZB-Erfahrung mit

Als weiterer Kandidat im Rennen um den Bundesbank-Chefstuhl wird häufig Marcel Fratzscher genannt. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist einer der bekanntesten Ökonomen in Deutschland und gilt eher als Verfechter einer lockeren Geldpolitik. Fratzscher dürfte auf der Linie der SPD liegen.

Als früherer EZB-Abteilungsleiter für internationale wirtschaftspolitische Analysen bringt Fratzscher langjährige Notenbank-Erfahrung mit. In der aktuellen Diskussion über den Umgang der Europäischen Zentralbank mit den steigenden Verbraucherpreisen vertritt er die Auffassung, dass die Inflation im kommenden Jahr in Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit eher zu gering als zu hoch ausfallen werde. Eine dauerhaft hohe Inflation sei sehr unwahrscheinlich, weil eine dauerhaft boomende Wirtschaft die Voraussetzung dafür wäre, so seine Einschätzung.

Marcel Fratzscher | picture alliance/dpa

DIW-Präsident Marcel Fratzscher ist einer der bekanntesten Ökonomen in Deutschland und gilt eher als Verfechter einer lockeren Geldpolitik. Bild: picture alliance/dpa

Eine Fülle weiterer möglicher Kandidaten

Neben den vier genannten Namen werden auch weitere Kandidaten für den Chefposten der Bundesbank gehandelt. So könnte beispielsweise Veronika Grimm, die seit 2020 Mitglied im Sachverständigenrat ist, Weidmann-Nachfolgerin werden. Ähnlich wie Schnabel steht sie für eine Neuausrichtung der Geldpolitik im Zeichen des Klimawandels. Grimm gehörte zu den Mitiniatoren der Mitte der Woche vorgestellten "Deutschlands neue Agenda", die der künftigen Bundesregierung Empfehlungen liefert.

Veronika Grimm | Sachverständigenrat

Veronika Grimm, Mitglied im Sachverständigenrat, stünde für eine Neuausrichtung der Geldpolitik. Bild: Sachverständigenrat

Eher Außenseiterchancen haben andere Top-Ökonomen wie Lars Feld, Professor für Wirtschaftspolitik an der Uni Freiburg und Leiter des Walter-Eucken-Instituts. Er war bis 2021 zehn Jahre lang Mitglied im Sachverständigenrat. Auch der Frankfurter Wirtschaftsweise Volker Wieland taucht unter den Namen der potenziellen Weidmann-Nachfolger auf. Der 55-jährige Wieland ist ausgewiesener Geldmarktexperte und organisiert die viel beachtete Geldpolitik-Konferenz "The ECB and its wachers".

Jakob von Weizsäcker mögliche Alternative

Aus dem Hause des amtierenden Bundesfinanzministers Scholz wird neben Staatssekretär Kukies auch dem Chefökonom Jakob von Weizsäcker der Job des Bundesbank-Präsidenten zugetraut. Als Sozialdemokrat saß er fünf Jahre lang im Europäischen Parlament. Zudem hat der Großneffe des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker bei der Weltbank in Washington gearbeitet und in der Brüsseler Denkfabrik Bruegel ein Modell für europäische Gemeinschaftsanleihen mitentwickelt.

Eines gilt bei allen derzeit gehandelten Kandidatinnen und Kandidaten als sehr wahrscheinlich: Ein geldpolitischer Falke im Stile Weidmanns wird der nächste Mann oder die nächste Frau an der Spitze der Bundesbank voraussichtlich nicht sein.

Bundesbankpräsident

Der Präsident oder die Präsidentin der Bundesbank steht an der Spitze des Vorstands der Zentralbank. Die jeweilige Bundesregierung entscheidet darüber, wer das Amt übernimmt, indem sie einen Kandidaten oder eine Kandidatin vorschlägt. Die formelle Ernennung für eine Amtszeit von normalerweise acht Jahren ist dann Aufgabe des Bundespräsidenten. Nach Ablauf der acht Jahre kann auf Vorschlag der Bundesregierung eine weitere achtjährige Amtszeit folgen - so wurde Jens Weidmann im Jahr 2019 für eine zweite Amtszeit ernannt, die regulär erst 2027 geendet hätte. Aufgrund der Position an der Spitze der Bundesbank gehört der Präsident oder die Präsidentin automatisch dem EZB-Rat an, dem wichtigen Entscheidungsgremium der Europäischen Zentralbank.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Oktober 2021 um 13:44 Uhr.