Der Victoria Tower in London | Bildquelle: AFP

Drohender No-Deal-Brexit "Uhr für britische Unternehmen tickt"

Stand: 19.10.2020 09:19 Uhr

Die Chancen für ein neues Abkommen zwischen der EU und Großbritannien schwinden. Die Regierung in London fordert nun die Unternehmen des Landes auf, sich auf die Folgen eines No-Deal-Brexit vorzubereiten.

Die britische Regierung hat die Unternehmer des Landes aufgerufen, sich für einen EU-Austritt des Landes ohne Folgeabkommen zu wappnen. Sie kündigte ein Schreiben an etwa 200.000 Firmen an, die Handel mit der EU treiben. Darin würden die neuen Zoll- und Steuervorschriften erläutert, teilte die Regierung mit.

"Täuschen Sie sich nicht: In nur 75 Tagen gibt es Änderungen und die Uhr für die Unternehmen tickt", erklärte der britischen Kabinettsminister Michael Gove. Alle müssten nun zusammenarbeiten, damit Großbritannien die neuen Chancen nutzen könne, die sich "aus einer unabhängigen Handelsnation mit Kontrolle über ihre eigenen Grenzen, Hoheitsgewässer und Gesetze" ergeben würden.

Kritik der britischen Handelskammer

Die britische Handelskammer (BCC) macht die Regierung für die mangelnde Vorbereitung der Unternehmen auf die drohende neue Situation ohne Abkommen mit der EU veranwortlich. "Angesichts der dreifachen Belastung durch ein Wiederaufleben des Coronavirus, verschärfter Beschränkungen und eines ungeordneten Austritts aus der EU nach der Übergangszeit ist es kein Wunder, dass Unternehmen Schwierigkeiten haben, sich vorzubereiten", sagte BCCC-Generaldirektor Adam Marshall.

Die Unternehmen seien es leid, immer neue "Klippen und Fristen" zu umschiffen, während sie infolge der Corona-Pandemie mit grundlegenden Herausforderungen zu kämpfen hätten. Er hoffe weiterhin auf ein Abkommen mit der EU. "Ein Deal würde den Unternehmen mehr Klarheit bringen, damit sie planen können".

EU-Chefunterhändler reist nach London

Um die festgefahrenen Verhandlungen über das Handelsabkommen mit Großbritannien doch noch fortzusetzen, reist EU-Chefunterhändler Michel Barnier heute erneut zu Gesprächen nach London. Er und der britische Verhandlungsführer David Frost werden nach Angaben der EU-Kommission über das weitere "Format" der Gespräche diskutieren.

Am Freitag hatte Großbritanniens Premierminister Boris Johnson weitere Verhandlungen für sinnlos erklärt, sollte die EU ihre Position nicht "grundsätzlich ändern". Am Sonntag sagte Kabinettsminister Gove, dass die Tür für einen Pakt nach dem Brexit noch offen stehe. Allerdings müsse die EU in einigen wichtigen Fragen umschwenken. "Wir sagen sicherlich nicht, dass wir nicht mit ihnen reden können, wenn sie ihre Position ändern."

Käme es zu keinem Kompromiss, würde elf Monate nach dem EU-Austritt Großbritanniens doch noch ein "harter Brexit" mit gravierenden Folgen für die Wirtschaft Realität. Denn zum Jahreswechsel verlassen die Briten nach einer Übergangsphase auch den EU-Binnenmarkt und die gemeinsame Zollunion. Hauptstreitpunkte mit Brüssel sind faire Wettbewerbsbedingungen, die Kontrolle eines künftigen Abkommens und die Fangrechte für EU-Fischer in britischen Gewässern. 

Britische Regierung drängt Unternehmen sich auf Brexit vorzubereiten
Imke Köhler, ARD London
19.10.2020 16:41 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete rbb Inforadio am 16. Oktober 2020 um 16:05 Uhr.

Darstellung: