Interview

Fertigung eines Minis im britischen Oxford | Bildquelle: AFP

Britische Autoindustrie "Wir wollen im Binnenmarkt bleiben"

Stand: 20.09.2018 20:01 Uhr

Die britische Autoindustrie schlägt Alarm: Der Brexit bringe in jedem Fall Verschlechterungen für sie. Im Interview mit tagesschau.de lobt der Verbandschef Hawes Binnenmarkt und Zollunion - und widerspricht der eigenen Regierung.

Mike Hawes | Bildquelle: picture alliance / empics
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Verbandschef Hawes lobt Binnenmarkt und Zollunion.

Die Wahrscheinlichkeit ist gewachsen, dass es zu einem ungeordneten, harten Brexit kommt. In diesem Fall würde laut britischer Automobilindustrie ein Wagen aus eigener Produktion in Europa um 3000 Euro, eins aus der EU in Großbritannien mindestens 1700 Euro teurer - allein wegen der dann anfallenden Zölle. Mehr als 850.000 Jobs hängen in Großbritannien an der Autoindustrie. BMW will im Monat nach dem Austritt sein Werk vier Wochen ruhen lassen, Land Rover kündigte bereits Kurzarbeit an. In Brüssel sprach tagesschau.de mit dem Chef des britischen Verbandes der Autohersteller und -händler, SMMT, Mike Hawes.

tagesschau.de: Es gibt die Sorge, dass sich EU und Vereinigtes Königreich nicht einigen können, es im Bezug auf den Brexit zu keinem "Deal" kommt. Was hieße das für die Autoindustrie?

Mike Hawes: Wir wissen nicht, wie die Zukunft für Großbritannien und Europa aussehen wird. Was wir aber wissen, ist, dass wir uns vollkommen in die europäische Automobilindustrie integriert haben: Wir haben Teile, die jeden Tag die Grenzen überqueren. 1100 Lastwagen fahren alleine jeden Tag durch den Kanaltunnel, um britische Automobilwerke auszustatten. Europa ist unser größter Exportmarkt.

Uns wäre es lieber, wenn das Vereinigte Königreich in der Zollunion und dem Binnenmarkt bleiben würde. Wenn wir uns anschauen, wie hier Autos gebaut werden: Wahrscheinlich kommt mehr als die Hälfte der Teile, die in diese Autoproduktionsanlagen gehen, aus dem Rest Europas. Wir exportieren jährlich etwa 1,3 Millionen Fahrzeuge. Mehr als die Hälfte davon gehen in den Rest der EU. Wir sind also absolut verflochten. Alles, was die Beziehung zwischen Großbritannien und Europa beeinflusst, wird nicht nur die Seite Großbritanniens beeinflussen. Es wird auch die europäische Seite beeinflussen, bis zu einem gewissen Grad.

Was als nächstes passiert: Wir versuchen, einen Deal zu bekommen, der uns so viele Vorteile wie möglich von denen sichert, die wir momentan genießen, als Teil des Binnenmarkts und der Zollunion. Wir erkennen dabei an, dass wir austreten: Die Regierung ist in diesem Punkt sehr klar.

BMW-Mini-Produktion in Oxford | Bildquelle: AFP
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BMW-Mini-Produktion in Oxford - viele der Wagen gehen in die EU.

tagesschau.de: Immer wieder hieß es bei den Brexit-Anhängern, das Vereinigte Königreich werde nach dem Austritt Vorteile haben. Stimmt das?

Michael Hawes: Wir wissen eins: Welcher Deal auch immer kommt, er wird, was uns betrifft, nicht so gut sein, wie das, was wir jetzt haben, als Teil des Binnenmarktes und der Zollunion. Das hat für unsere Branche wirklich gut funktioniert: Wir sind erfolgreich und attraktiv für Investoren, wachsen und exportieren nach Europa und in den Rest der Welt. Die Möglichkeit eines "No Deals" erfüllt die Automobilindustrie mit Angst. Und wir stellen fest, dass unsere Branche bei der Regierung nicht viel Gehör findet.

tagesschau.de: Und wenn es keinen Deal gibt?

Mike Hawes: Das ist für die britische Automobilindustrie keine Option. Es würde mehr Reibungen und Kosten verursachen. Wir müssen sicherstellen, dass wir weiter so wettbewerbsfähig wie möglich agieren können. Die britische Regierung arbeitet momentan an verschiedenen Szenarien für den Fall, dass ein "No Deal" eintritt. Das ist nicht das angestrebte Ergebnis und wir glauben auch nicht, dass es das wahrscheinlichste ist. Aber wie in jedem Geschäft muss man auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Und das tut die Industrie momentan auf beiden Seiten.

tagesschau.de: Die Regierung lehnt ein weiteres Referendum über den Brexit ab. Was meinen Sie, sollte es angesichts der immer klarer zu erwartenden Probleme nicht doch ein weiteres Referendum geben?

Mike Hawes: Ob das noch einmal überdacht wird, wird man sehen. Es ist nicht das erste Mal, dass wir ein Referendum haben, seit Großbritannien Teil der EU ist. Das Vereinigte Königreich hatte großen Einfluss auf die Entwicklung des Binnenmarktes und für unsere Industrie. Wir haben wirklich davon profitiert. Aber wir leben in einer demokratischen Welt. Und die Demokratie des Referendums besagt, dass das passiert, was die Mehrheit will, auch wenn es eine relativ kleine Mehrheit ist.

Das Interview führte Michael Grytz, ARD-Studio Brüssel.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 20. September 2018 um 21:03 Uhr.

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