Kumpel in Prosper-Haniel | Bildquelle: REUTERS

Abschied von der Steinkohle Schichtende

Stand: 21.12.2018 14:31 Uhr

Bottrop, Prosper-Haniel und Steinkohle - mehr als 50 Jahre lang gehörten diese drei Begriffe einfach zusammen. Ab heute ist Schicht im Schacht. Und nicht nur für die Bergleute endet eine Ära.

Von Ingo Zamperoni, tagesthemen

Der Druck auf den Ohren wird mit jedem Meter heftiger. Mit zwölf Metern pro Sekunde saust der Korb im Schacht 10 hinab in die Tiefe. Sein Ziel: Sole 7 der Zeche Prosper-Haniel bei Bottrop auf 1229 Metern unter der Erdoberfläche. Hier beginnt eine andere Welt.

Bis zum Spätsommer haben die Kumpel hier unten noch Steinkohle abgetragen, sich mit wuchtigen Hobeln tief ins Gestein gegraben, mit modernster Bergbautechnik und jahrzehntelanger Erfahrung. Dann war das Jahressoll erreicht, das letzte Gramm "Grubengold" aus einer deutschen Zeche gefördert. Der Rückbau begann.

Kumpel der Zeche Prosper-Haniel | Bildquelle: AP
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Bis zum Spätsommer haben die Kumpel in der Zeche Prosper-Haniel bei Bottrop noch Steinkohle abgetragen.

Das Ende des Steinkohleabbaus im Ruhrgebiet, in Deutschland, kam nicht überraschend über Nacht. Sie haben sich vorbereiten können auf diesen Moment. Aber nun, da er da ist, wächst die Wehmut, auch bei Steiger Andreas Schreiter: "Mir blutet das Herz. Ich bin hier im Bergwerk groß geworden, und mir fällt das sehr schwer. Sehr schwer."

Öl und Kohle aus dem Ausland

Der Niedergang der Steinkohle begann schon Ende der 1950er-Jahre. Das Öl und vor allem die billigere Kohle aus dem Ausland ließen eine Zeche nach der anderen schließen. Die Kumpel kämpften um ihre Arbeitsplätze, um Subventionen, um den Erhalt ihrer Traditionen. Doch das Zechensterben war nicht aufzuhalten. 2007 beschlossen Politik und Wirtschaft das Ende - aber immerhin ein sozial verträgliches. Kein Bergmann sollte "ins Bergfreie" fallen.

Dennoch: Den eigenen Arbeitsplatz abzuwickeln - das fällt keinem der Kumpel leicht. Aber genau das tun sie auf den 90 Kilometern, mit denen sich das Streckennetz der Zeche Prosper-Haniel durch das Gestein verästelt. Föderbänder, Kabel, Transportwagen - alles was nicht niet- und nagelfest ist, muss wieder nach oben gebracht werden. Der Rückbau geht zügig voran, wird aber noch Monate dauern, lange nachdem die letzten Abschiedsreden und Zeremonien verhallt sind.

Kohle war immer mehr als nur ein Energieträger, es war die Grundlage des westdeutschen Wirtschaftswunders. Und Kumpel sein, das war immer mehr als nur ein harter, gefährlicher Job. "Die gemeinsame, harte Arbeit unter erschwerten Bedingungen führt dazu, dass die Leute zusammengeschweißt werden, dass sie richtig zueinander stehen", sagt Steiger Holger Stellmacher.

Kumpel der Zeche Prosper-Haniel | Bildquelle: dpa
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Unter Tage tragen alle die gleiche Kluft.

Auf den Lärm folgt absolute Stille

Unter Tage sind alle gleich, heißt es etwas pathetisch, aber nicht nur, weil alle die gleiche Kluft tragen und der Kohlestaub sich wie ein vereinheitlichender, dunkler Schleier über jedes Gesicht legt. Die Kumpel kamen erst aus der Region, dann kamen sie aus Ostpreußen, später aus Polen, Jugoslawien, Griechenland, Italien und der Türkei, aber egal woher - jeder musste sich auf den anderen verlassen können. Das hat auch die Gesellschaft und den Zusammenhalt über Tage geprägt.

So lange der Rückbau läuft, läuft auch die "Dieselkatze" noch. Eine an einer Deckenschiene aufgehängte Schwebebahn, um Mensch und Material durch den Stollen zu transportieren. Mit ohrenbetäubendem Lärm ruckelt sie durchs Bergwerk, bis zu der Stelle, dem "Streb", in dem das letzte Stück Steinkohle in Deutschland gefördert wurde.

Nun schottet eine sechs Meter dicke Betonwand den Eingang ab. Eine notwendige Maßnahme zur Absicherung, falls es dahinter später mal zu Explosionen kommen sollte. Nur noch eine Röhre führt hindurch, die dann zugeschraubt wird, wenn wirklich alles raus ist. Dort, wo noch wenige Wochen zuvor die Reißzähne des tonnenschweren Hobels die glänzende Steinkohle herausbrachen, wo Hitze, Staub und lautes Getöse herrschten, regiert jetzt absolute Stille. Und wenn man die Grubenlampen ausschaltet: kohlschwarze Dunkelheit.

Bald wird Grubenwasser einsickern

Die wuchtigen Stempel, die sich gegen die mehr als 1200 Meter Erdschicht darüber stemmen, damit der Streb nicht einstürzt, werden auf ewig hier unten bleiben. Zu aufwändig wäre ihr Rückbau gewesen. Aber bald wohl wird hier das Grubenwasser einsickern und alles fluten. Damit es nicht hochsteigt und das höher liegende Grundwasser kontaminiert, muss es abgepumpt werden und der Pegel auf einer Sicherheitstiefe von 650 Metern gehalten werden. Für immer. Auch das gehört zu den sogenannten Ewigkeitsaufgaben, die die RAG-Stiftung übernimmt. Der Steinkohle-Abbau in Deutschland mag fortan Geschichte sein, die Folgen dieses Bergbaus bleiben eine permanente Aufgabe.

Eingang der Zeche Prosper-Haniel | Bildquelle: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX
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Der Eingang der Zeche Prosper-Haniel

"Auf!", rufen die Kumpel sich im Vorbeigehen zu, die gebräuchliche Abkürzung des traditionellen Grußes im Revier "Glückauf!", während sie in den Korb in Schacht 10 wieder zusteigen. Das Gitter kracht ins Schloss, langsam zieht der Korb an und saust immer schneller wieder hoch. Wieder Ohrendruck, da hilft auch keine Prise Schnupftabak, die die Kumpel hier gerne herumreichen.

Was wird dort oben bleiben von dieser Welt unter Tage? Dass die Traditionen, die Gemeinschaft, der gesellschaftliche Kitt des Bergbaus da oben, über Tage, erhalten bleiben, das hoffen sie auf Prosper-Haniel, der letzten Zeche Deutschlands. Und, dass Schalke 04 irgendwann wieder Meister wird.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 20. Dezember 2018 um 22:15 Uhr.

Korrespondent

Ingo Zamperoni  | Bildquelle: SWR/Carolin Saage Logo NDR

Ingo Zamperoni, NDR

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