Arbeiter montieren die Glasfront im Frankfurter Bahnhof

Experten zwischen Bangen und Hoffen "Wirklich besorgt über die Situation"

Stand: 22.01.2008 18:08 Uhr

Noch ist völlig offen, ob der Kurssturz an den Aktienmärkten den Beginn einer weltweiten Rezession einläutet, die auch Deutschland mit in den Abwärtsstrudel reißt, wie Pessimisten befürchten. Die EU-Finanzminister betonten bei einem Treffen in Brüssel, das Fundament der Wirtschaft im Euro-Raum sei solide. Jean-Claude Juncker, Vorsitzender der Minister der Eurozone, sagte, die Finanzmärkte reagierten derzeit irrational und folgten einem Herdentrieb. Doch sei nicht mit einem globalem Börsencrash zu rechnen. "Ich sehe dieses Risiko nicht. Europa und die Euro-Zone sind in einer deutlich besseren Verfassung als die US-Wirtschaft." Das betonte auch der slowenische EU-Ratsvorsitzende Andrej Bajuk. Allerdings räumte er ein: "Wir sind wirklich besorgt über die Situation."

Jean-Claude Juncker

Luxemburgs Premier- und Finanzminister Jean-Claude Juncker rechnet nicht mit einem globalen Börsencrash.

"Der Aufschwung ist vorbei"

Wirtschaftsexperten sind uneins über die Folgen des Kursrutsches an den Weltbörsen und der US-Hypothekenkrise. DIHK-Chef-Volkswirt Volker Treier sagte der "Berliner Zeitung", für Deutschland und Europa müsse mit einer Wachstumsverlangsamung gerechnet werden, "die aber keine Überraschung und bereits prognostiziert worden ist". Es werde keinen Abschwung geben.

Arbeiter montieren die Glasfront im Frankfurter Bahnhof

Wird sich der Aufschwung in Deutschland in diesem Jahr abgeschwächt fortsetzen?

Der Chef des gewerkschaftsnahen Düsseldorfer Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Gustav Horn, befand dagegen: "Der Aufschwung ist vorbei." Horn rechnet wegen der aktuellen Krise auch nicht damit, dass in diesem Jahr noch zusätzliche Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen werden können, "sondern eher welche wegfallen". Er erwartet zudem Finanzierungsprobleme bei den Unternehmen.

"Jagd nach Rendite" Grund für Finanzmisere

Dem widersprach Bundesbank-Präsident Axel Weber. "Es gibt in Deutschland viele Institute mit genügend freiem Kapital", sagte Weber dem Wirtschaftsmagazin "Focus-Money". "Auch wird der Wettbewerb dafür sorgen, dass die Unternehmen weiterhin Kredite zu vernünftigen Zinssätzen bekommen." Das erste oder zweite Quartal dürfte Weber zufolge eine deutliche Entspannung der Märkte bringen. Voraussetzung sei jedoch, dass "die Banken die bisherige Salamitaktik bei der Offenbarung ihrer finanziellen Belastungen beenden und eine weit reichende Transparenz herstellen", sagte der Bundesbank-Präsident.

Bundesbank-Präsident Axel Weber

Bundesbank-Präsident Axel Weber rechnet mit einer Enspannung der Märkte in den nächsten Monaten.

Den Grund für die Finanzmisere sieht Weber bei den Geschäftsbanken: "Deren Jagd nach Rendite ging oft zu Lasten eines ordentlichen Risikomanagements und hat die Kreditvergabestandards aufgeweicht", kritisierte er. Dies und mangelnde Transparenz bei etlichen innovativen Finanzprodukten seien ursächlich für die Finanzmarktturbulenzen seit Sommer 2007.