Wizz Air

Billigflieger Wizz Air Rivale aus Osteuropa

Stand: 02.11.2020 16:25 Uhr

Wer von Billig-Airlines redet, denkt nicht zuletzt an Ryanair. Aber der ungarische Konkurrent Wizz Air zählt längst zu den Großen der Branche und sieht sich als Nummer eins in Mittel- und Osteuropa. Wie wird Wizz durch die Krise kommen?

Von Thomas Spinnler, boerse.ARD.de

Über Kampfpreise und Lockangebote den Flieger vollkriegen: In Zeiten wie diesen gerät die Billigflieger-Strategie bei Easyjet, Ryanair oder Wizz an ihre Grenzen. Die aktuellen Quartalszahlen von Ryanair zeigen, wie hart das Unternehmen im Sommer von den Reisebeschränkungen getroffen wurde. Die Passagierzahlen sanken dramatisch, und damit auch Umsatz und Gewinn.   

Der seit dem Jahr 2004 operierende ungarische Billigflieger Wizz wurde bislang zu den Airlines gezählt, die die Pandemie verhältnismäßig gut überstehen. Zu Beginn der Corona-Krise versuchte Wizz mit der Lage anders umzugehen als die etablierte Fliegerei. Während die Konkurrenz äußerst defensiv agierte, wollte Wizz weiter expandieren.

Wizz sei die am schnellsten wachsende und grünste Airline Europas, wie das Marketing verspricht – und die größte Low Cost Airline-Gruppe in Zentral- und Osteuropa. Mitten in der Krise nahm die Fluggesellschaft neue Basen beispielsweise in Rumänien in Betrieb und öffnete neue Routen.

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Nachfrage mit "ultra-niedrigen Preisen ankurbeln"

Vorstandschef Józséf Váradi nutzte die Gelegenheit, sich und sein Unternehmen so gut wie möglich zu verkaufen: Für Wizz werde die Erholung nach der Corona-Krise nur etwa ein Jahr dauern, für die Branche insgesamt sicher zwei bis drei, wird der Firmenchef in Branchenmedien zitiert.

In Zeiten von Rezessionen habe sich gezeigt, dass Billigflieger besonders florierten: "Wir sind zuversichtlich, dass wir das Geschäft schnell hochfahren können, die Nachfrage mit ultra-niedrigen Preisen ankurbeln und zu einer lebhaften Erholung von Reisen und Tourismus in unserem Markt beitragen werden", sagte Váradi.

Wizz Air-CEO József Váradi
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Wizz Air-CEO József Váradi: Ein Freund offener Worte

Der Manager ist sich sicher, dass die gesamte Branche schrumpfen werde, indem rein privat finanzierte Airlines eingingen. Nationale Champions hingegen würden von ihren Heimatländern am Leben gehalten, die damit "gutes Geld schlechtem Geld" hinterherwürfen. Lufthansa hatte beispielsweise Staatshilfen in Höhe von neun Milliarden Euro kassiert.  

Kontroversen gesucht und gefunden  

Wer sich die mutigen Aussagen Váradis betrachtet, fühlt sich deshalb an andere schillernde Spitzenkräfte der Billigflieger-Branche erinnert. Es gibt durchaus Parallelen zum Boss von Ryanair, Michael O'Leary. Genau wie der berühmte CEO-Kollege scheut sich Váradi nicht, die Medien zu benutzen, um seine Airline bekannt zu machen. Aggressives Gebaren ist für Billigflieger natürlich traditionell Teil des Geschäftsmodells in Medien und Markt.

Michael O'Leary
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Ryanair-Chef Michael O'Leary kann ebenfalls gut austeilen

Der ungarische Geschäftsmann sucht die Kontroverse und findet sie: In einem Interview mit dem Branchenportal "Aerotelegraph" im Juni dieses Jahres äußerte er sich auch zum Thema Gewerkschaften. Sie zerstörten das Geschäft: "Das ist auch eines der Probleme bei Lufthansa. Wenn die Gewerkschaften versuchen, uns zu erwischen, dann schließen wir einfach die Basis und ziehen weiter."

"Hochmotiviertes, professionelles Management"

Um die Kosten im Keller zu halten und die Kunden durch niedrige Preise zu ködern, ist das Zahlen niedriger Löhne ein wichtiger Faktor. Ansonsten stehen für das Wizz-Team aber ethische Werte und Teamarbeit an vorderster Stelle, heißt auf der Website des Unternehmens: "Die Führungskompetenz und das Motivationstalent des hochmotivierten, professionellen und multikulturellen Management-Teams sind die treibenden Kräfte und die entscheidenden Erfolgsfaktoren für das Geschäftsmodell von Wizz."

Jeder fünfte der rund 5.000 Wizz-Beschäftigten müsse um seinen Job bangen, hatte die Nachrichtenagentur Reuters Anfang August berichtet. Unternehmensangaben zufolge arbeiten aktuell mehr als 4.200 Menschen für die Fluggesellschaft.

Geringere Stückkosten

Auch die Flieger bestimmen über die Kosten: Die Flugzeuge der Wizz-Flotte sind im Schnitt nur 5,5 Jahre alt. Sie besteht ausschließlich aus Flugzeugen der Airbus 320-Familie. Einer Studie des Analysehauses Bernstein zufolge, aus der "Aerotelegraph"zitiert, werde Wizz aufgrund der Flottenzusammenstellung in den 2020er-Jahren die Billigairline mit der niedrigsten Kostenbasis bleiben.

Wizz Air
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Wizz Air-Maschine mit Gangway

Ein Schlüssel sei der Airbus A321 Neo, der in den 20er-Jahren einen großen Teil der Wizz-Flotte ausmachen werde. Diese Maschine sei besonders effizient und werde dabei helfen, die Stückkosten zu drücken.

Bald schlägt die Stunde der Wahrheit

Wizz Air sei die am defensivsten aufgestellte Fluggesellschaft Europas, schrieb Bernstein-Analyst Daniel Roeska in einer brandaktuellen Studie unter Verweis auf die grassierende Corona-Pandemie. Allerdings sei auch sie nicht gegen deren Auswirkungen immun.

Wie sehr das Unternehmen in den Monaten von Juli bis September getroffen wurde, erfahren die Anleger an diesem Donnerstag, wenn Wizz die Halbjahreszahlen präsentieren wird. Es dürfte ein schwieriges Halbjahr gewesen sein: Unternehmensangaben zufolge sanken beispielsweise die Passagierzahlen im September von 3,81 Millionen im Jahr 2019 auf 1,56 Millionen.    

Im vorvergangenen Quartal war das Ebitda um 95 Prozent auf 8,9 Millionen Euro eingebrochen. Unter dem Strich stand ein Verlust von 57 Millionen Euro.

Quelle: boerse.ard.de
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