Hochhäuser in London | Bildquelle: picture alliance / empics

Britische Wirtschaft Die Ruhe vor dem Brexit-Sturm?

Stand: 11.01.2019 10:43 Uhr

Die aktuellen britischen Konjunkturdaten zeigen: Das Wirtschaftswachstum hält zwar trotz der Brexit-Sorgen an, schwächt sich aber ab. Und das dicke Ende dürfte noch bevorstehen.

Am kommenden Dienstag, den 15. Januar, sollen die Abgeordneten über das Abkommen abstimmen, das Premierministerin Theresa May mit Brüssel ausgehandelt hat. Eine Niederlage für May gelte als sicher, meint nicht nur Klaus Stopp, Head of Market Making Bonds der Baader Bank. „Sollte Großbritannien dann freilich in eine Situation ohne Deal mit Brüssel hineinschliddern, drohen chaotische Verhältnisse“, warnt Stopp. Großbritannien will sich am 29. März von der EU trennen.

Eine wesentliche Frage ist natürlich, wie die Konjunktur reagieren wird. Zuletzt gab es durchaus auch positive Signale von der britischen Wirtschaft. Im dritten Quartal war diese um 0,6 Prozent gewachsen und hielt sich damit vor dem Brexit klar besser als etwa die deutsche Wirtschaft mit einem Minus von 0,2 Prozent. Im November hat sich das Wachstum zwar deutlich abgeschwächt, doch das Plus von 0,2 Prozent liegt über den Erwartungen.

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Allerdings sollte man auch im Blick haben, dass sich die britische Konjunktur seit dem Brexitvotum vor zwei Jahren zumindest bis zum dritten Quartal 2018 insgesamt schwächer entwickelt hat als Deutschland und sogar Frankreich. Dazu passt, dass die Industrieproduktion im November gegenüber dem Vormonat um 0,4 Prozent gefallen ist, während Volkswirte einen leichten Anstieg prognostiziert hatten.

Ein Zwischenhoch vor dem Einbruch?

Dagegen ist der britische Einkaufsmanagerindex im Dezember auf den höchsten Stand seit einem halben Jahr gestiegen. Aber Experten warnen: Dahinter steckten lediglich Unternehmen wie Privatpersonen, die vor dem Brexit beginnen würden, Waren zu horten. Das würde bedeuten, die britische Wirtschaft befände sich lediglich in einem Zwischenhoch. Ein Ende des Höhenflugs könnte unmittelbar bevorstehen.

Nach einem ersten Dämpfer sehen aktuelle Daten vom britischen Einzelhandel aus. Die britischen Einzelhändler haben ihren Umsatz im wichtigen Weihnachtsgeschäft erstmals seit der Finanzkrise 2008 nicht steigern können. Angaben von Barclaycard zufolge legten die gesamten Konsumausgaben im Dezember nur noch um 1,8 Prozent zu, der kleinste Zuwachs seit mehr als zweieinhalb Jahren. Werde die Inflation berücksichtigt, seien die Konsumausgaben real sogar gesunken.

Achtung, die Mega-Rezession droht!

In der Tat sind Fachleute ziemlich einhellig der Einschätzung, dass ein „Chaos-Brexit“ die Konjunktur stark belasten würde: Ende November hatte die Bank of England in diesem Falle vor einer Mega-Rezession gewarnt. Laut Notenbankchef Mike Carney würde ein harter Brexit würde die britische Wirtschaft härter treffen als die Finanzkrise.

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Frau mit Brexit-Schriftzug auf einer Papiertasche

Auch die Analysten der Rating-Agentur S&P malen ein finsteres Bild. In einer aktuellen Studie zum britischen Bankensektor sprechen sie von „überwältigenden Abwärtsrisiken“ für die Wirtschaft. Der aus einem ungeordneten Brexit resultierende Schock könnte UK in die Rezession stürzen und zu steigenden Privat- und Unternehmensinsolvenzen führen. Immerhin seien die britischen Banken solide aufgestellt und könnten den drohenden Turbulenzen wohl widerstehen, so die S&P-Experten.

Bayern und die Brexit-Folgen

Hierzulande sind die Sorgen ebenfalls groß, schließlich ist Großbritannien einer der wichtigsten deutschen Handelspartner. Wiederholt haben Wirtschaftsverbände vor den Folgen eines Chaos-Brexits gewarnt. Laut BDI-Präsident Dieter Kempf sind deutsche Unternehmen mit rund 120 Milliarden Euro und weit über 2.000 Beteiligungen im Vereinigten Königreich engagiert. Massive Unwägbarkeiten wären laut Kempf die Folge eines ungeordneten Ausstiegs, eine britische Rezession würde auch an Deutschland nicht unbemerkt vorüberziehen, so der Industriepräsident.   

Die Experten des Ifo-Instituts haben im Auftrag der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern eine Studie veröffentlicht. Sie sehen besondere Belastungen für Bayerns Industrie. Ein harter Brexit würde die Wirtschaftsleistung Bayerns langfristig um etwa 1,4 Milliarden Euro pro Jahr schmälern. „Aufgrund des hohen Anteils der Industrie an der Wertschöpfung und ihrer starken internationalen Verflechtung ist die Wirtschaft im Freistaat besonders vom Brexit betroffen“, sagt IHK-Präsident Eberhard Sasse.

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Entscheidend sei laut Christian Apelt, Analyst bei der Helaba, also eine Einigung über ein Austrittsabkommen. Bei Erfolg tritt eine Übergangsphase bis voraussichtlich Ende 2020 in Kraft, in der sich das aktuelle Verhältnis Großbritanniens zur EU quasi nicht ändert, schreibt. Die deutschen Industriefirmen schätzen laut einer Umfrage des Ifo-Instituts die Wahrscheinlichkeit für einen ungeregelten Brexit übrigens auf durchschnittlich 43 Prozent.

ts/lg

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Januar 2019 um 13:42 Uhr.

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