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US-Wahl und die Börsen Hängepartie wäre "Horror-Szenario"

Stand: 03.11.2020 06:36 Uhr

Die Welt blickt heute in die USA. Die Amerikaner wählen ihren Präsidenten. Für die Börse wäre ein Sieg von Joe Biden das bevorzugte Szenario. Auch mit einer Wiederwahl von Donald Trump könnte sie leben. Schlimmer wäre ein Wahlchaos mit wochenlanger Ungewissheit - wie einst 2000.

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Umfragen zufolge ist die Wahl schon so gut wie gelaufen. Der Demokrat Biden liegt aktuell mit klarem Vorsprung vor Amtsinhaber Trump. Die Webseite FiveThirtyEight etwa, die zahlreiche Umfragen auswertet, sieht Biden bei 52 Prozent der Stimmen, Trump bei nur 43,2 Prozent. Auch in den entscheidenden Bundesstaaten hat der 78-jährige Herausforderer die Nase vorn. So führt Biden in Pennsylvania mit über vier Prozentpunkten vor Trump.

Um Präsident zu werden, braucht ein Kandidat die Stimmen von 270 Wahlleuten. Es kommt also darauf an, wie viele Bundesstaaten mit wie vielen Wahlleuten ein Kandidat gewinnt. Die landesweite Stimmenmehrheit spielt keine Rolle.

Showdown in Florida

Zum Zünglein an der Waage könnte mal wieder Florida werden. Im Sonnenstaat sind 29 der 270 Wahlmänner-Stimmen zu holen - so viele wie in New York. Nur Kalifornien und Texas haben noch mehr Wahlmänner. In den letzten 14 Wahlen galt mit einer Ausnahme (1992) immer die Regel: Wer Florida gewinnt, zieht ins Weiße Haus ein.

Aktuell sieht es nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen in Florida aus. Sollte es zu einem knappen Vorsprung Bidens kommen, ist es gut möglich, dass Trump das Wahlergebnis anficht und möglicherweise die Briefwahl für verfälscht erklärt. Schon im Wahlkampf hat der streitbare Republikaner mehrfach vor massivem Wahlbetrug gewarnt und offen gelassen, ob er das Ergebnis akzeptiert.

Donald Trump, Joe Biden |

Donald Trump, Joe Biden

Ficht Trump die Briefwahl an?

Ein solches Wahlchaos-Szenario wäre Gift für die Börse. Wochenlang dürfte dann Unklarheit herrschen, wer jetzt die Macht im Oval Office übernimmt. Am Ende müsste womöglich das Supreme Court einschreiten - und könnte Trump Recht geben. Schließlich besteht das oberste Gericht inzwischen mehrheitlich aus konservativen Richtern.

Für Vermögensverwalter Jens Ehrhardt macht es am Ende aus Sicht der Anleger keinen großen Unterschied, wer die Wahl gewinnt. Das wirkliche Risiko sei ein knappes Ergebnis, das keine der beiden Seiten akzeptiert, ohne die Gerichte einzuschalten, warnte er unlängst im Interview mit dem "Handelsblatt". Ein sehr knappes Wahlergebnis mit juristischem Nachspiel "würde einen kurzfristigen Rückschlag für die Aktienmärkte bedeuten", meint Michel Heise, Chefökonom von HQ Trust. Und bei Jupiter Asset Management heißt es, die Marktvolatilität werde zumindest so lange hoch bleiben, bis das Wahlergebnis definitiv feststehe.

Ungewisser Wahlausgang als größtes Risiko für die Börsen

Auch andere Aktienstrategen befürchten ein Szenario, in dem es keinen klaren Sieger und eine lange Phase der Unsicherheit gibt. "Wenn am 3. November die Zahlen nicht eindeutig ausfallen, wenn eine oder gar beide Seiten Unregelmäßigkeiten beim Wahlablauf sehen, wenn die Briefwahlstimmen erst später dazu gezählt werden, dann ist ein solches Horror-Szenario möglich", meint Michael Jensen von Moventum Asset Management. In diesem schlimmsten Fall "sollte man Leerverkäufe tätigen und sich dann mit viel Gold in die Berge zurückziehen", rät er.

Falls nach der Wahl kein klares Ergebnis vorliege, würden sich Investoren vermutlich in Scharen als "sicherer Hafen" geltenden Anlagen wie Gold oder US-Schatzpapiere zuwenden, sagt Markt-Strategin Kristina Hooper von der Investmentgesellschaft Invesco. Auch der japanische Yen und der US-Dollar könnte von der Unsicherheit profitieren.

Erinnerung an das Jahr 2000

Für Anleger wäre eine wochenlange Hängepartie nach US-Wahlen ein Déjà-Vu-Erlebnis: Bereits im Jahr 2000 gab es einen einmonatigen Rechtsstreit um das Wahlergebnis in Florida. Damals ergab die maschinelle Nachzählung einen hauchdünnen Vorsprung von 537 Stimmen für George W. Bush. Daraufhin ließ Herausforderer Al Gore die Stimmen per Hand nachzählen. Erst der Oberste Gerichtshof stoppte die Nachzählung und beendete den Rechtsstreit. Bush gewann die Stimmen der Wahlleute Floridas und wurde US-Präsident.

George W. Bush und Al Gore (r.) |

George W. Bush und Al Gore (r.) im Jahr 2000

Das Wahlchaos belastete die Börsen: Der S&P 500 sackte vom 7. November bis Ende November 2000 um gut zehn Prozent ab, die Nasdaq brach gar um 20 Prozent ein. Der Dax gab ebenfalls um rund zehn Prozent nach.

S&P 500 vs. Dax |

S&P 500 vs. Dax 7. November bis 28. November 2000

Ein noch längeres Wahlchaos gab es 1876. Damals gewann der Demokrat Samuel Tilden mit nur einer Stimme Vorsprung vor dem Republikaner. Weil die Ergebnisse aus vier südlichen Bundesstaaten umstritten waren, warfen sich die beiden Parteien sich gegenseitig Wahlbetrug vor. Der Kongress verständigte sich auf das Einsetzen einer Kommission, um den Wahlsieger zu bestimmen. Sie machte letztlich im März 1877 den republikanischen Kandidaten Hayes zum Präsidenten. Die US-Börsen verloren in diesem Zeitraum gut zehn Prozent.

Was passiert, wenn Trump nicht das Weiße Haus räumt?

Würde sich das Wahlergebnis 2020 ebenfalls um mehrere Monate hinziehen, sind Turbulenzen an der Wall Street wahrscheinlich. Das wohl düsterste Szenario wäre, wenn Trump eine Niederlage nicht anerkennen würde und sich weigern würde, auch nach Ausschöpfung des Rechtswegs abzutreten. Damit befänden sich die USA in einer Verfassungskrise ohne Gleichen. Biden hatte im Juni gesagt, er sei "absolut überzeugt", dass das Militär Trump notfalls aus dem Weißen Haus eskortieren würde, falls dieser nicht freiwillig gehe. Schlimmstenfalls würde es zu Protesten und Ausschreitungen im ganzen Land kommen, und Trump könnte das Kriegsrecht ausrufen, um das Militär einzusetzen. So etwas ist in der US-Geschichte aber noch nie vorgekommen.

Donald Trump |

Donald Trump mit Mund-Nase-Schutz

Anlagestratege Heinz-Werner Rapp, Gründer und Leiter des FERI Cognitive Finance Institute, befürchtet, dass das Wahlergebnis, egal wie es ausfällt, die innere Spaltung der USA noch deutlich verstärken werde. "Sollte Donald Trump die Wahl klar gewinnen, werden die USA in den nächsten Jahren zu einer autokratischen Bananenrepublik. Bei unklarem Ergebnis wird Trump die Wahl anfechten und damit eine tiefe Verfassungskrise auslösen", glaubt er. Sollte hingegen tatsächlich Joe Biden gewinnen, "werden militante Trump-Anhänger das Land dauerhaft in gefährliche Konflikte verstricken", prophezeit Rapp.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. November 2020 um 07:41 Uhr in der Wirtschaft.