Verschiedene Pillen liegen verteilt auf US-Dollarscheinen. | Bildquelle: dpa

US-Pharmaindustrie Die Fusionitis boomt

Stand: 29.01.2019 06:45 Uhr

Die Pharmaindustrie strotzt derzeit vor Selbstbewusstsein. Trotz Kritik von Präsident Donald Trump haben seit Jahresbeginn mehrere Hersteller in den USA die Medikamentenpreise angehoben. Mit dem Geld könnten sie weitere Milliarden-Übernahmen stemmen.

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Das "Pharma-Jahr" hat mit einem Paukenschlag begonnen. Für rund 74 Milliarden Dollar schluckt der US-Konzern Bristol-Myers Squibb die Biotech-Firma Celgene. Es ist einer der größten Pharma-Deals der Geschichte. Schon 2018 hatte der japanische Arzneimittelhersteller Takeda für 59 Milliarden Dollar den irischen Rivalen Shire geschluckt.

Kein Wunder, "Big Pharma" schwimmt derzeit in Geld. Die Branchen-Riesen wie Pfizer und Merck & Co sitzen auf Cash-Reserven von jeweils mehr als zehn Milliarden Dollar.

Preisanhebungen von über sechs Prozent

In diesem Jahr winken neue Einnahmen. In den USA, mit einem Anteil von 41 Prozent der wichtigste Pharma-Markt der Welt, haben Anfang Januar die Pharmafirmen viele ihrer Produkte um durchschnittlich 6,3 Prozent angehoben, hat der Software-Dienstleister RX Saving Solutions in einer Studie ermittelt. Vor allem Allergan drehte kräftig an der Preisschraube. Mehr als die Hälfte der Allergan-Produkte verteuerten sich. Auch Bayer erhöhte die Preise für sechs Medikamente.

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Vorreiter war Branchenprimus Pfizer. Bereits im November kündigte der Viagra-Hersteller Preiserhöhungen für 41 Arzneimittel für dieses Jahr an. Mitte Juli hatte Pfizer noch eine Preisanhebungs-Runde aufgeschoben, nachdem US-Präsident Trump interveniert hatte. "Pfizer und andere sollten sich schämen, dass sie die Medikamentenpreise ohne Grund erhöht haben", twitterte er verärgert. Und drohte der Branche mit den Worten: "Wir werden antworten!"

Kurz vor den Zwischenwahlen kündigte Trump einen Plan zur Senkung der Medikamentenpreise an. Das Vorhaben gilt aber nur für Arzneien, die in den Arztpraxen ausgegeben werden. Nicht betroffen sind Medikamente, die in Apotheken vertrieben werden.

Trump legt sich mit der Pharmabranche an

Trump wirft der Pharmaindustrie vor, auf Kosten der US-Steuerzahler ein Vermögen zu erwirtschaften. Es sei unfair, dass die Amerikaner für das gleiche Medikament deutlich mehr zahlten als Patienten in anderen Ländern, erklärte er. Wohl fast nirgendwo in der Welt sind die Medikamente so teuer wie in den USA. Der Durchschnittsamerikaner muss pro Jahr gut 1.100 Dollar für Pillen und sonstige Arzneien hinblättern - mehr als das Doppelte, was der Durchschnittsbrite ausgibt (497 Dollar).

Tatsächlich haben die Pharmakonzerne in den USA große Freiheiten bei der Preisgestaltung. Anders als in Deutschland oder in der Schweiz gibt es keine zentrale staatliche Behörde, die die Preise nach der Zulassung eines Präparats kontrolliert.

Pfizer-Chef Ian Read
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Pfizer-Chef Ian Read

Schuld an den hohen Preisen seien nicht die Hersteller, sondern die Krankenkassen, die die Selbstbeteiligung erhöht hätten, meint dagegen Pfizer-Chef Ian Read. Außerdem handele es sich bei den Medikamentenpreisen um Listenpreise. Darauf gebe es oft Rabatte. Der Effekt von Preiserhöhungen auf den Umsatz dürfte sich somit in Grenzen halten.

Langfristig könnten die Preise fallen

Die Argumentation des Pfizer-Chefs kann Donald Trump nicht besänftigen. Der US-Präsident kämpft unverdrossen weiter gegen die Pharmalobby. Er erwarte, dass es zu massiven Preisrückgängen in diesem Jahr kommen werde, betonte er Anfang Januar. Analysten sehen denn auch inzwischen die Preisdebatte in den USA als eines der großen Risiken für die Pharmabranche. Experten der Bank HSBC prophezeiten kürzlich, dass 2030 die Pharmapreise in den USA um 30 Prozent fallen dürften gegenüber dem Niveau von heute.

Noch geht es "Big Pharma" ganz gut. Die Hersteller bringen immer mehr Wirkstoffe auf den Markt. Im vergangenen Jahr wurde allein in den USA mit 59 Erstzulassungen für neue Substanzen ein Rekord erzielt.

2018 dürften die 15 führenden Konzerne den Umsatz weltweit um durchschnittlich 2,6 Prozent auf rund 550 Milliarden Dollar gesteigert haben, schätzt der Datendienst Bloomberg. Für dieses Jahr gehen Analysten von einem Plus von 2,7 Prozent aus.

Branche konsolidiert sich

Doch gleichzeitig muss die Pharmabranche mit Patentabläufen und einem zunehmenden Wettbewerb kämpfen. Deshalb setzt "Big Pharma" auf Zukäufe von innovativen Biotech-Firmen. So schluckte Novartis im vergangenen Jahr den Gentherapie-Spezialisten Avexis, GlaxoSmithKline übernahm das US-Biotech Tesaro. Und Eli Lilly erwarb Loxo Oncology.

Siegfried Bialojan, Pharma-Experte bei der Unternehmensberatung EY, kann sich weitere große Übernahmen in diesem Jahr vorstellen. Gerade bei neuen Therapien wie T-Zellen, Stammzellen oder den neuartigen Gentherapien mit Crispr seien klassische Pharmahersteller noch nicht so gut aufgestellt, sagte er in der "Süddeutschen Zeitung".

Crispr als neuer Innovationstreiber?

Peer Schatz, Chef der Biotech-Firma Qiagen, schwärmt von Crispr als "nächster Technologierevolution". Mit der Genschere Crispr/Cas9 können Wissenschaftler Teile des Erbguts löschen und ersetzen. Dadurch lassen sich möglicherweise eines Tages Erkrankungen wie Malaria und schwere Erbkrankheiten wie Mukoviszidose oder Muskeldystrophie verhindern.

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Die anhaltende Fusionitis könnte an der Börse für neue Fantasie sorgen. 2018 zählten Pharma-Aktien zu den großen Gewinnern an der Wall Street. Die Papiere von Pfizer stiegen auf Ein-Jahres-Sicht um rund 20 Prozent, die Titel von Merck & Co legten im selben Zeitraum gar um fast 30 Prozent zu.

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Quelle: boerse.ard.de
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