Ein Boeing 787 mit dem TUI-Logo | Bildquelle: picture alliance / dpa

Vor Hauptversammlung Viel Zündstoff bei TUI

Stand: 11.02.2020 06:45 Uhr

Wegen des Boeing-737-MAX-Debakels sind die Erträge der Tui eingebrochen. Darunter litt auch das Top-Management, das weniger verdiente. Ein neues Vergütungssystem soll das ändern. Aktionärsschützer sind entsetzt. Auf der heutigen Hauptversammlung droht Ärger.

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Von wegen Gute-Laune-Branche! Beim Aktionärstreffen der Tui heute in Hannover dürfte miese Stimmung herrschen. Denn Europas größter Reisekonzern schwächelt plötzlich, nachdem es jahrelang rund lief. Im Geschäftsjahr 2018/19 halbierte sich der Gewinn nahezu von 727,7 Millionen auf 416,2 Millionen Euro. Das Flugverbot für den Mittelstreckenjet Boeing 737 MAX hinterließ Spuren. Tui hat 15 Flugzeuge des Typs in der Flotte und musste Ersatzmaschinen mieten.

Auch Spanien-Geschäft drückt Gewinn

Da es bisher nicht danach aussieht, dass die Unglücksflieger vor Sommer wieder abheben dürfen, drohen im laufenden Geschäftsjahr weitere Belastungen. Zusätzlich rund 130 Millionen bis 400 Millionen Euro könnten anfallen.

Auch ohne den Boeing-Effekt hat Tui Probleme. Im Veranstaltergeschäft schwinden die Erträge. Vor allem in Spanien blieb die Tui auf ihren Hotelkapazitäten sitzen. Letztlich musste Europas größter Reisekonzern die Zimmer in spanischen Hotels zu Billigpreisen verramschen.

Weitere Kursinformationen zu Tui

Am Aktienkurs lässt sich die Tui-Misere ablesen. Die Papiere fielen in den letzten drei Monaten um knapp 20 Prozent. Im Sommer 2019 rutschten sie gar auf ein Sieben-Jahres-Tief von 7,77 Euro.

Tui-Chef muss kräftige Gehaltseinbußen hinnehmen

Friedrich Joussen
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Tui-Chef Friedrich Joussen

Leidtragender des Gewinneinbruchs war Tui-Chef Fritz Joussen. Seine Vergütung sank auf 1,1 Millionen Euro. 2018 hatte er noch 5,5 Millionen Euro verdient.

Schuld daran ist ist das vor zwei Jahren von den Aktionären abgesegnete Vergütungssystem. Es sieht Bonusleistungen für den Tui-Chef vor, wenn die Erträge um mindestens zehn Prozent steigen. Weil die Ertragsziele klar verfehlt wurden, ging Joussen nun bei sämtlichen Bonusprogrammen leer aus.

Altes Vergütungssystem soll wieder eingeführt werden

Das findet der neue Aufsichtsratschef Dieter Zetsche offenbar ungerecht. Die derzeit bestehende variable Vergütung verfehle ihre Anreizfunktion, schrieb der oberste Chefkontrolleur und ehemalige Daimler-Chef im Brief an die Tui-Aktionäre. Das Entlohnungskonzept habe seinen Zweck nicht erfüllt, meint er.

Daimler AG-Chef Dieter Zetsche
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Tui-Aufsichtsratschef Dieter Zetsche

Nun will "Dr Z" das Vergütungssystem reformieren, damit die Top-Manager der Tui wieder angemessener entlohnt werden. Er bittet die Aktionäre, auf der Hauptversammlung die erst vor zwei Jahren geänderten Vergütungsregeln wieder rückgängig zu machen - frei nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt!"

Aktionärsschützer lehnen Zetsches Vorstoß ab

Aktionärsschützer und einflussreiche Aktionärsvertreter reagieren erbost. Sie wollen die Boni-Pläne des Tui-Chefkontrolleurs nicht hinnehmen. "Falls uns nicht überzeugende Argumente vorgelegt werden, tendieren wir zur Ablehnung", sagte Alexander von Vietinghoff-Scheel von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) im "Handelsblatt".

Auch Ingo Speich, Leiter für Corporate Governance bei der Dekabank, kritisiert die Pläne. "Tui hat derzeit ein vernünftiges Vergütungssystem mit einer relativ hohen variablen Komponente", sagte er dem "Handelsblatt". Er sehe keinen Grund, warum die fixe Vergütung steigen sollte.

Alexej Mordaschow
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Alexej Mordaschow

Ob der Tui-Aufsichtsrat mit seinem Vorstoß durchkommt, ist ungewiss. Die Großaktionäre wie die Familie Mordaschow (Unifirm Ltd.) oder die spanische Touristikkette Riu haben sich bisher nicht geäußert, wie sie abstimmen werden.

"Tui ist kerngesund!"

Viel dürfte auch davon abhängen, wie gut sich Vorstandschef Joussen den Aktionären gegenüber in der jetzigen schwierigen Situation präsentiert. Die Tui habe in einem für die Touristikindustrie schwierigen Jahr operative Stärke gezeigt, betonte Joussen bei Vorlage der Jahresergebnisse im Dezember. "Die Tui ist kerngesund", erklärte Aufsichtsratsboss Zetsche.

Tatsächlich sieht sich Tui als Profiteur der Thomas-Cook-Pleite. Nach Einschätzung von Joussen werde sich in Großbritannien jeder dritte ehemalige Thomas-Cook-Kunde für die Tui entscheiden. Für das Reisegeschäft 2020 ist der Tui-Chef optimistisch. Ende Dezember lagen die Buchungen für den Winter vier Prozent im Plus. Im gesamten Geschäftsjahr werde das Wachstum im mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich liegen.

Wie stark die gegenwärtige Corona-Krise das Geschäft beeinträchtigt, wird sicherlich ebenfalls auf dem Aktionärstreffen thematisiert werden.

Joussen: Klimadebatte bremst die Reiselust nicht

Einen "Greta-Effekt" erwartet der Top-Manager derweil nicht. "Die Menschen werden auch in Zukunft reisen, sie wollen die Welt sehen, daran ändert auch die Klimadebatte wenig", prophezeit Joussen. Der Manager, der aus der Telekombranche kam, will Tui zum Digitalunternehmen umbauen. In den letzten fünf Jahren hat sich die Tui bereits vom Reiseveranstalter zum profitablen Hotel- und Kreuzfahrtkonzern gewandelt.

Weniger Dividende

Beim Blick auf die Dividende spüren die Tui-Aktionäre aber momentan wenig von diesem Wandel. Sie werden für das abgelaufene Geschäftsjahr wohl nur eine Ausschüttung von 54 Cent je Aktie erhalten - 18 Cent weniger als ein Jahr zuvor. Künftig könnte es sogar noch weniger werden, da die Tui die Dividendenpolitik ändert. Statt 60 Prozent sollen ab 2021 nur noch 35 bis 40 Prozent des Gewinns ausgeschüttet werden. Kleiner Trost: Eine Mindestzahlung von 35 Cent wird garantiert.

Ob das reicht, um die enttäuschten Tui-Aktionäre zu besänftigen, wird sich bei der Hauptversammlung in der Tui-Arena zeigen. Es wird kein leichter Tag für "Dr Z" und Tui-Boss Joussen werden.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. Februar 2020 um 11:00 Uhr.

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