Türkische Lira

Währung in der Krise Türkische Lira weiter auf Talfahrt

Stand: 20.08.2020 06:35 Uhr

Die türkische Währung hat ihre anhaltende Talfahrt weiter beschleunigt und erreicht immer neue Tiefststände - mit gravierenden Folgen für die Wirtschaft. Ein Ende ist nicht in Sicht, solange die Zentralbank nicht drastisch handelt.

Von Till Bücker, boerse.ARD.de

Die türkische Lira fällt und fällt. Nachdem die Währung in den zurückliegenden Wochen immer neue Tiefstände erreicht hatte, kostete ein Dollar in dieser Woche über 7,40 Lira - so viel wie nie zuvor. Gleichzeitig wurde auch für den Euro ein Spitzenwert von 8,82 Lira gezahlt.

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Zu Jahresbeginn waren es noch 5,95 Lira für einen Dollar und 6,67 Lira für einen Euro gewesen. Damit hat die Lira gegenüber der europäischen Währung fast 24 Prozent und zum Dollar knapp ein Fünftel an Wert verloren.

Das Land schlittert immer tiefer in eine neue Währungskrise. Neben der Corona-Pandemie, die die Türkei aufgrund weggebrochener Einnahmen aus dem Tourismus hart trifft, droht dies die wirtschaftliche Schwäche weiter zu verschärfen.

Türken horten Dollar und Gold

Da die eigene Währung immer weniger wert ist, investiert die türkische Bevölkerung derzeit massenhaft in Gold und überrennt die Händler, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. Offenbar seien einige Türken sogar bereit, ihre Autos zu verkaufen, um an weiteres Edelmetall zu kommen.

In den vergangenen Wochen seien die Bestände an "harten" Vermögenswerten wie Gold oder auch Dollar um 15 Milliarden Dollar auf einen Rekordwert von fast 220 Milliarden Dollar geklettert. Schon seit der letzten Währungskrise 2018 horten die Türken ausländische Devisen. Diese machen nach Angaben der türkischen Zentralbank fast die Hälfte aller Einlagen aus.

Das zeigt, wie wenig die Türken an einen baldigen Ausweg glauben. Heimische Banken haben inzwischen aus Sorge vor Engpässen eine Gebühr für Barabhebungen in ausländischen Währungen eingeführt.

Gravierende Folgen

Die Leidtragenden des Lira-Verfalls sind insbesondere die türkischen Bürger. Ausländische Güter werden teurer, was die Inflation steigen und den Geldwert dahinschmelzen lässt.

Volkswirtschaften können durchaus auch von einer schwachen Währung profitieren. Exporteure bekommen für ihre Waren mehr Lira. Auch der Tourismus kann befeuert werden, weil Urlauber innerhalb des Landes weniger Geld für Hotels und Geschäfte ausgeben müssen.

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Ab einem gewissen Grad überwiegen aber die negativen Auswirkungen. Während Inflation und sinkende Kaufkraft Unternehmen und Exporteure hemmen, kommt besonders der Kapitalmarkt unter Druck.

Kommt es zum Banken-Run?

Staat und Konzerne in der Türkei hatten sich bereits in der Vergangenheit stark in Dollar und Euro verschuldet. Derzeit haben Banken in der Türkei laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) Kredite in Höhe von 148 Milliarden Dollar und von 110 Milliarden Euro vergeben. Der Großteil davon kommt aus dem Ausland: Die Ratingagentur S&P rechnet mit einem Drittel.

Schuldenzinsen und Rückzahlungen lassen sich mit dem Lira-Verfall immer schwerer aufbringen. Auch die Aufnahme neuer Schulden wird immer schwieriger, da das Vertrauen der Kreditgeber in die Zahlungsfähigkeit der türkischen Schuldner schwindet.

Kommt es aufgrund der Lira-Abwertung zu Kreditausfällen, haben nicht nur die heimischen Banken ein riesiges Problem. Die EZB-Bankenaufsicht macht sich mit Blick auf Institute mit starkem Engagement in dem Land laut einem Bericht der "Financial Times" zunehmend Sorgen über eine Ansteckungsgefahr auch in Europa. Die Situation sei aber noch nicht kritisch.

Inflation, fehlende Geldgeber, Konflikte

Die Gründe für den Absturz der Lira sind vielfältig. Da ist zum einen die wieder zweistellige Inflation, die im Juli bei 11,76 Prozent im Vergleich zum Vorjahr lag. Weil sich der Leitzins auf 8,25 Prozent beläuft, ist der Realzins negativ. Das macht Anlagen in Lira nicht gerade attraktiv für Investoren.

Die Zurückhaltung von Devisenbringern wie Touristen und Kapitalgebern ließ das Leistungsbilanzdefizit im Mai auf 3,7 Milliarden Dollar steigen. Im ersten Halbjahr ging die Zahl ausländischer Besucher um 75 Prozent zurück. Auch die Exporte brachen in den ersten sieben Monaten um fast 14 Prozent ein.

Türkisches Forschungsschiff Oruc Reis
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Seit Anfang letzter Woche ist das türkische Forschungsschiff "Oruc Reis" südlich von Rhodos unterwegs

Dazu kommt die generelle Sorge um die robuste Außenpolitik des Landes. Mit Griechenland befindet sich die Türkei schon seit Jahren im Streit um Gasvorkommen im Mittelmeer. Nun sucht das türkische Forschungsschiff "Oruc Reis", das seit vergangener Woche südlich von Rhodos unterwegs ist und von fünf Kriegsschiffen der türkischen Marine begleitet wird, nach Erdgas in dem Gebiet. Griechenland sieht das als Verletzung seiner Souveränität.

Inzwischen hat sich die Situation so zugespitzt, dass viele eine militärische Auseinandersetzung zwischen den Nato-Partnern fürchten. Daneben ist die Türkei in mehreren Konfliktregionen engagiert, vor allem in Syrien, im Irak, in Libyen und Aserbaidschan.

Erdogan will keine Zinserhöhung

Bis Juli hatte die türkische Zentralbank noch mit 65 Milliarden Dollar versucht, die Lira durch den Kauf der eigenen Devise mit eigenen Währungsreserven zu stützen. Gebracht hat die Maßnahme wenig. Nun sind die Reserven mehr oder weniger aufgebraucht - auch wegen Corona.

Recep Tayyip Erdogan
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Präsident Erdogan wendet sich gegen Zinserhöhungen

Recep Tayyip Erdogan spielt den Absturz der Lira derweil herunter. "Schwankungen passieren immer wieder, so etwas kommt und geht", sagte der türkische Präsident zuletzt. Die Erhöhung des Leitzinses zur Bekämpfung der Inflation scheint kein wahrscheinliches Mittel zu sein - im Gegenteil. Jüngst forderte Erdogan weitere Senkungen, um die Wirtschaft billig anzukurbeln.

Maßnahmen zeigen nicht gewünschte Wirkung

Im Gegensatz dazu sind sich die meisten Experten einig: Eine Erhöhung der Zinsen ist das einzige Mittel. "Wenn die türkische Zentralbank die Zinsen nicht drastisch erhöht, geht der Abwärtsdruck weiter", betont auch Commerzbank-Analystin Antje Praefcke im Gespräch mit boerse.ARD.de. Denn der Markt wisse, dass die freien Devisenreserven von etwa elf Milliarden Dollar bei weitem nicht ausreichen, um die Lira zu stützen.

Antje Praefcke
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Antje Praefcke, Devisenanalystin bei der Commerzbank

"Der Markt fordert ein klares Signal", so die Expertin weiter. Aufgrund der hohen Inflationsraten und des negativen Realzinses sei das die einzige hilfreiche Möglichkeit. Mit ihren bisherigen unkonventionellen Methoden durch die Hintertür mit Einschränkungen für die heimischen Banken, Dollar zu kaufen, höheren Hinterlegungen bei Swap-Geschäften und Gebühren für die Bargeldabhebungen von ausländischen Währungen versuche die Zentralbank, Liquidität aus dem Markt zu nehmen und die Dollarisierung in der Türkei zu verhindern.

Doch das zeige nicht die gewünschte Außenwirkung, meint Praefcke: "Die Zentralbank steckt in der Klemme und ob sie politisch unabhängig handeln kann, ist zumindest fragwürdig." Deshalb liegt die Prognose der Commerzbank für den Lira-Kurs im September bei 8,50 pro Dollar und 10,20 pro Euro. Solange die Zentralbank nicht drastisch handelt, bleibe das Risiko einer Abwärtsspirale bestehen. Und damit verharrt die Lira weiter im Krisenmodus.

Quelle: boerse.ard.de
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