Die Zentrale der Volkswagen Nutzfahrzeugtochter Traton

Lkw-Sparte von Volkswagen Tratons riskanter Börsengang

Stand: 28.06.2019 18:20 Uhr

Volkswagen braucht Geld, viel Geld, um die angekündigte E-Offensive finanzieren zu können. Dazu hat der Konzern heute einen Teil seiner Lkw-Sparte an der Börse verkauft. Der Zeitpunkt für einen solchen Schritt ist jedoch alles andere als günstig.

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Die Aussichten für die Weltwirtschaft trüben sich ein, die Wachstumsraten gehen zurück, und immer mehr Unternehmen erwarten einen Gewinnrückgang. Dennoch bringt Volkswagen heute seine Lkw-Sparte Traton an die Börse - allerdings mit teils erheblichen Abstrichen zu den ursprünglichen Plänen.

Eigentlich sollte die Lkw-Sparte schon im März an den Aktienmarkt gehen. Das Vorhaben wurde aber mit Verweis auf das schwache Marktumfeld kurz vorher überraschend auf Eis gelegt. In Wirklichkeit soll sich das Interesse der Investoren in Grenzen gehalten haben, so dass das Vorhaben abgeblasen wurde. Beim zweiten Versuch entschied sich VW daher, zunächst nur einen kleinen Aktienanteil an die Börse zu bringen.

ARD-Börse: Großer Busbahnhof – vor dem Börsengang von Traton

28.06.2019 22:20 Uhr

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Abstriche beim Börsengang

Maximal 11,5 Prozent von Traton sollen in neue Hände kommen. Traton-Vorstandschef Andreas Renschler hatte zunächst ein Erlös von bis zu sechs Milliarden Euro für 25 Prozent vorgeschwebt. Investmentbanker bezeichneten das aber als zu ehrgeizig. "Investoren nutzen aus, dass Volkswagen nun Fortschritte bei seinem Umbau zeigen muss", sagte ein Insider. Um den Börsengang abzusichern, hatte Volkswagen den schwedischen Pensionsfonds AMF Pensionsforsäkring AB als Ankeraktionär gewonnen, der allein für 200 Millionen Euro bei Traton einsteigt.

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Und um genügend Abnehmer für die 57,5 Millionen zum Verkauf angebotenen Aktien zu finden, musste Volkswagen seine Preisvorstellungen nach unten revidieren. Der Platzierungspreis war auf 27 Euro je Stück festgesetzt worden. Das ist auch der erste Kurs am Freitagmorgen. Damit hält sich das Interesse an der Lkw-Aktie in Grenzen. Mit gut 1,5 Milliarden Euro fließen knapp 400 Millionen Euro weniger in die Kasse des Autobauers als ursprünglich maximal erhofft.

Unabhängiger werden

Dabei hatte der Wolfsburger Automobilkonzern bei der Bewertung der Holding für MAN und die schwedische Scania bereits Abstriche gemacht: Innerhalb der verengten Preisspanne kommt der Nutzfahrzeug-Konzern auf einen Börsenwert von 13,5 bis 14 Milliarden Euro.

Traton wurde als Muttergesellschaft der Lkw- und Bushersteller MAN und Scania gegründet, um das Nutzfahrzeuggeschäft des Konzerns unabhängiger von Entscheidungen aus Wolfsburg zu machen. Vor allem Spartenchef Renschler soll massiv auf den Börsengang gedrängt haben, um das Unternehmen gegenüber den Konkurrenten Daimler und Volvo finanziell zu stärken und mittels Zukäufen zu einem "Global Champion der Transportbranche" auszubauen.

Teil der neuen VW-Strategie

Denn weltweiter Marktführer der Branche ist Daimler. Mit einem Marktanteil von 33 Prozent ist Traton lediglich in Europa die Nummer eins und belegt mit 37 Prozent auch den Spitzenplatz in Brasilien. Im ersten Quartal steuerte das Europa-Geschäft mit insgesamt 41.200 Lkws und Bussen 72 Prozent des Konzernabsatzes bei, auf Brasilien entfielen 18,2 Prozent.

Während Traton seine Marktstellung ausbauen will, konzentriert VW-Chef Herbert Diess den Wolfsburger Konzern stärker auf das automobile Kerngeschäft. Auf der Hauptversammlung kündigte er eine Überprüfung des eigenen Firmenportfolios an. "Wir überprüfen, ob wir noch der beste Eigentümer für die unterschiedlichen Geschäfte sind." Mit dem Börsengang von Traton hat VW nun einen Anfang auf diesem Weg gemacht.

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Verkehrswende kostet viel Geld

Ob sich das Geschäft auch für die Anleger lohnt, bleibt abzuwarten. Denn neben den sich verschlechternden Konjunkturaussichten ist die Lkw-Branche ebenso von der von den Grünen geforderten Verkehrswende betroffen wie die Pkw. Vor allem die Entwicklung elektrischer Antriebe wird viel Geld verschlingen. Allerdings steht die Branche weit weniger am Pranger als die Pkw-Hersteller, denn Lkws bleiben nach Ansicht von Experten auf lange Sicht alternativlos.

Auch Traton-Chef Renschler ist überzeugt, dass Lkws auch künftig noch gebraucht werden. Wenn die Leute sich beschwerten, warum so viele Laster auf den Straßen herumführen, antwortete er vor einigen Wochen in einem Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Ihr seid die Nachfrage, wie werden die Supermärkte sonst voll über Nacht? Daran wird sich nichts ändern, außer die frischen Orangen kommen eines Tages aus dem Drucker."

Zyklisches Geschäft

Allerdings ist das Lkw-Geschäft extrem zyklisch, also konjunkturabhängig. Das könnte in den nächsten Monaten für heftigen Gegenwind für Traton sorgen, haben sich doch die Perspektiven für die europäische Wirtschaft, allen voran der deutschen erheblich verschlechtert. So ist die Industrieproduktion der Euro-Zone im April um 0,5 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken. Das war der sechste Rückgang in acht Monaten. Entsprechend rückläufig dürfte sich der Lkw-Absatz entwickeln.

Gut möglich also, dass sich Traton, statt sich der Expansion zu widmen, zunächst auf die engere Verzahnung der beiden Marken MAN und Scania konzentrieren muss. Dabei dürften sich erhebliche "Synergieeffekte" heben lassen. Hinter diesem Marketingsprech verstecken sich meist Einsparungen und Stellenstreichungen.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. Juni 2019 um 10:00 Uhr.

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