Touristen unter Sonnenschirmen am Stand in Mexiko. | Bildquelle: picture alliance/dpa

Tourismusbranche "Zunehmende Verunsicherung der Kunden"

Stand: 09.03.2020 08:30 Uhr

Die Tourismusbranche steht vor dem Beginn der Sommersaison und eines ist bereits sicher: Es kommen turbulente Monate auf sie zu. Die Cook-Pleite ist kaum verarbeitet, schon könnte das Coronavirus weitere Lücken in die Reihen reißen.

Von Thomas Spinnler , boerse.ARD.de

"Gestiegene Buchungszurückhaltung" hat der Deutsche Reiseverband (DRV) jüngst festgestellt. Selbst auf Mallorca, einer der liebsten Urlaubsinseln der Deutschen, brechen derzeit die Touristenzahlen ein. "Wir stellen eine zunehmende Verunsicherung bei den Kunden fest", sagte DRV-Präsident Norbert Fiebig. "Je länger die Krise anhält, desto stärker wird die Reisebranche betroffen sein", prognostiziert er. Wie sich die Krise wirklich auf den Umsatz auswirken wird, lässt sich nicht seriös abschätzen.

"Marktanteile werden neu aufgeteilt"

Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse gerät fast in Vergessenheit, dass ein großer Name unter den Reiseveranstaltern in diesem Jahr verschwunden ist: Thomas Cook hatte im vergangenen September Insolvenz angemeldet und damit tausenden Urlauber die Ferien vermiest.

Leerer Strand in Antalya | Bildquelle: REUTERS
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Touristen liegen am leeren Strand von Antalya.

Für die Konkurrenz sind es häufig gute Nachrichten, wenn ein Wettbewerber ausfällt. "Grundsätzlich gibt es am Markt genug Kapazitäten", meint Wolfgang Donie, der für die Nord/LB die Reisebranche beobachtet. "Der Marktanteil von Thomas Cook wird gerade neu verteilt, jeder will ein Stück vom Kuchen abhaben", stellt Donie fest. So habe beispielsweise der deutsche Marktführer Tui in der Wintersaison explizit vom Ausfall Thomas Cooks profitiert, meint der Experte.

"Lücke noch nicht ausgefüllt"

Und die Sommersaison? "Die Zahlen zeigen: Die Lücke, die Thomas Cook im Markt gerissen hat, ist noch nicht vollständig ausgefüllt", sagt Fiebig. Aber vor allem: Die Verunsicherung wegen des Virus werde noch wochenlang andauern, meint Donie. Aber eines könne man bereits jetzt schon sagen: "Es wird ein margenschwaches Reisejahr, denn es ist eine Renaissance der Last-Minute-Reisen zu erwarten."

Natürlich warten derzeit viele Kunden mit der Buchung ihres Urlaubs, sie wollen aber grundsätzlich trotzdem in diesem Jahr verreisen. Das preisaggressive Last-Minute-Geschäft wird deshalb dazu führen, das die Gewinnspanne schrumpft.

Reisebüros wechseln den Eigentümer

Auch bei den Reisebüros hat sich mit der Pleite einiges geändert. Der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof hatte im vergangenen Oktober 106 der mehr als 120 Thomas-Cook-Reisebüros übernommen. Außerdem hatte sich der bayerische Reisekonzern Raiffeisen Touristik Group (RTK) im Oktober Anteile des insolventen Kooperationspartners Thomas Cook Deutschland an der Reisebürokooperation Alpha Reisebüropartner gesichert, an der beide Unternehmen jeweils 50 Prozent hielten. Zusammen hatte man 700 Reisebüros gemeinsam geführt.

RTK ist nach eigenen Angaben mit rund 4.000 Reisebüros die größte Reisebürokooperation Europas und bündelt einen Umsatz von 3 Milliarden Euro. Kaum bekannt dürfte sein, dass ein Ägypter eine wichtige Rolle auf dem Reisemarkt spielt: Vor sechs Jahren übernahm Samih Sawiris mit knapp 75 Prozent die Mehrheit an der Raiffeisen Touristik Group.

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Samih Sawiris
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Vor sechs Jahren übernahm Samih Sawiris mit knapp 75 Prozent die Mehrheit an der Raiffeisen Touristik Group

Sawiris ist der jüngste von drei Söhnen des Onsi Sawiris, der 1972 in Ägypten das Unternehmen Orascom gründete. Die Unternehmensgruppe ist in der Telekommunikation, im Baugewerbe und in der Tourismusbranche tätig, die das Geschäftsfeld von Samih ist. Zusammen dürfte das Vermögen der Brüder deutlich mehr als zehn Milliarden Dollar betragen. Kapital ist also hinreichend vorhanden, um am Markt mitzuspielen.

Mittlerweile hat RTK den frisch übernommenen 50-Prozent-Anteil an Alpha-Reisebüropartner an den Reiseveranstalter Schauinsland-Reisen weiterverkauft, den fünftgrößten Flugreisen-Veranstalter Deutschlands. Der Reiseveranstalter Tui unterstütze die Kooperation, heißt es dazu in der Pressemitteilung.

Die Branche hat also versucht, die Thomas-Cook-Pleite so zügig wie möglich zu verarbeiten. Aber mit dem Coronavirus konnte natürlich niemand rechnen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass weitere Reise-Unternehmen in einen Schieflage geraten, wenn die Buchungen tatsächlich ausblieben, meint Donie. "Das Virus kann der Branche richtig wehtun", unterstreicht der Experte. Starke Unternehmen würden davon profitieren.

Aber für Reisende, die vielleicht irgendwann wieder irgendwo festsitzen, sind neue Pleiten keine guten Aussichten.

Quelle: boerse.ard.de
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