Thyssenkrupp-Werk in Duisburg

Entscheidung in NRW Land steigt nicht bei ThyssenKrupp ein

Stand: 15.10.2020 13:53 Uhr

Die deutsche Stahlindustrie leidet in der Corona-Pandemie unter Nachfrageeinbrüchen. Gewerkschaften fordern daher Staatshilfen für den schon seit längerer Zeit kriselnden Industriekonzern Thyssenkrupp - bislang ohne Erfolg.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet lehnt einen Staatseinstieg bei Thyssenkrupp ab. "Das sehe ich – nach derzeitigem Stand – nicht", sagte der CDU-Politiker der "Wirtschaftswoche" laut Vorabbericht am Donnerstag.

Armin Laschet
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Armin Laschet

Allerdings sei der Stahl für die deutsche Wirtschaft und die Wertschöpfungsketten systemrelevant, betonte Laschet. "Deshalb müssen wir alles tun, damit wir in Deutschland weiter Stahl produzieren können." Seiner Einschätzung nach sei es aber sinnvoller, die Umstellung bei der Produktion auf sogenannten grünen Stahl zu fördern, als sich am Unternehmen selbst zu beteiligen.

"Staatsbeteiligung eine Option"

Auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) rechnet nicht mit einer schnellen Entscheidung über mögliche Staatshilfen für Thyssenkrupp. "Jetzt beginnt der Prozess der konkreten Betrachtung in dieser Situation", sagte Scholz am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Es brauche eine sorgfältige Prüfung, die etwas Zeit in Anspruch nehmen werde. Konkreter wollte der SPD-Kanzlerkandidat nicht werden.

Olaf Scholz
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Bundesfinanzminister Olaf Scholz

Die Chefin des angeschlagenen Konzerns, Martina Merz, kann sich dagegen für die Forderung der IG Metall nach einem Staatseinstieg bei der schwächelnden Stahlsparte erwärmen - will sich aber auch weitere Möglichkeiten offenhalten: "Eine Staatsbeteiligung ist eine Option. Aber eine Staatsbeteiligung kann auch einhergehen mit anderen Optionen."

Scholz sagte, die Bundesregierung habe die Voraussetzung geschaffen, um notfalls bei Konzernen auch mit Eigenkapital einzusteigen. Das ist bislang nur bei der Lufthansa geschehen. Mit Dutzenden Firmen wird aber über Hilfen aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) beraten. In diesem stehen 100 Milliarden Euro für Eigenkapital-Beteiligungen bereit. "Das ist dann in jedem Einzelfall sorgfältig zu prüfen", so der Finanzminister.

Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz
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Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz

Die IG Metall und der Betriebsrat von Thyssenkrupp Steel Europe hatten das Land NRW und den Bund aufgefordert, sich an dem Stahlgeschäft zu beteiligen. Die deutschen Maschinenbauer fürchten bei einem Einstieg des Staates beim schwächelnden Stahlkonzern jedoch negative Auswirkungen auf den Wettbewerb.

Thyssenkrupp-Aktie weiter auf Talfahrt

Thyssenkrupp steckt tief in der Krise. Die Stahlsparte hat allein in den ersten neun Monaten des abgelaufenen Geschäftsjahres 2019/20 (per Ende September) einen Verlust von rund 700 Millionen Euro eingefahren. Die Aktie des einstigen Dax-Konzerns rutscht kontinuierlich ab. Seit Anfang 2018 verlor das Papier mehr als 84 Prozent an Wert. Im vergangenen Jahr musste Thyssenkrupp daher den Dax verlassen.

Nach dem Corona-Crash im März setzte der Titel zur Erholung an - allerdings nur kurz. Am Donnerstag führten die Thyssenkrupp-Anteile ihren seit Wochen nahezu ungebrochenen Kursabstieg mit einem Minus von mehr als fünf Prozent fort.

Weitere Kursinformationen zu Thyssenkrupp

Das Unternehmen leidet unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie, weil die Nachfrage wichtiger Kunden wie der Automobilindustrie eingebrochen ist. Im Zuge einer Teilung des Geschäftsbereichs ab Oktober sollen deshalb rund 800 Stellen in dem Bereich gestrichen werden, davon 500 in Deutschland. Grund sei "ein durch die Corona-Krise drastisch verschärfter Einbruch bei Auftragseingang und Umsatz". Dazu kommen hausgemachte Probleme und Management-Fehler.

Schwache Prognosen für die Branche

Auch die Zukunft sieht vorerst düster aus. So wird sich die deutsche Stahlindustrie nach Einschätzung des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung nur langsam von den Corona-Folgen erholen. Im kommenden Jahr sei deshalb noch einmal mit dem Abbau von rund 3.000 Arbeitsplätzen in der Branche zu rechnen, prognostizierten die Konjunkturexperten in ihrem zu Beginn der Woche veröffentlichten "Stahlbericht".

Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburg
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Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburg

Nach Einschätzung von Branchenkennern wird die Rohstahlerzeugung in Deutschland in diesem Jahr wegen Einbruch der Industrieproduktion um 15 Prozent sinken. Im nächsten Jahr werde die Produktion zwar wieder um 10,9 Prozent auf 37,5 Millionen Tonnen steigen. Damit werde das Vorkrisenniveau aber auch 2021 noch deutlich verfehlt. Insgesamt dürften die Erzeugungskapazitäten im kommenden Jahr laut RWI lediglich zu gut 75 Prozent ausgelastet sein.

Struktureller Umbruch nötig

Doch ist es nicht nur die Pandemie, die die deutsche Stahlindustrie vor große Herausforderungen stellt. Daneben machen der Branche auch strukturelle Probleme zu schaffen. Der Stahlbedarf werde voraussichtlich auch deshalb sinken, weil deutsche Automobilhersteller im Übergang zur E-Mobilität ausländische Märkte verstärkt durch Produktionsstätten vor Ort bedienen.

Die Stahlindustrie muss daher aus Sicht der Bundesregierung ihre Position gegenüber internationalen Konkurrenten verbessern. Dafür seien neue "Wettbewerbsmodelle" nötig, sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums am Montag in Berlin.

Um die Herausforderungen mit Überangeboten auf den internationalen Märkten und dem stärkeren Klimaschutz zu meistern, seien viele Investitionen auf dem Weg zu "grünem Stahl" nötig. Hier werde der Staat mit öffentlichen Geldern Anreize setzen.

tb

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete WDR 5 Profit am 13. August 2020 um 18:04 Uhr.

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