Die Hauptzentrale des Thyssenkrupp Konzern in Essen. | Bildquelle: dpa

Thyssenkrupp Erst DAX-Aus - dann Zerschlagung?

Stand: 05.09.2019 07:50 Uhr

Das Ende von Thyssenkrupp im Dax ist besiegelt. Es ist eine Zäsur – und ein Symbol für den Niedergang des einst so mächtigen Industrieriesen. Ist jetzt eine Zerschlagung die Lösung aller Probleme?

Von Angela Göpfert, boerse.ARD.de

Steelworks-Rennrad von Thyssenkrupp
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Steelworks-Rennrad von Thyssenkrupp

Ein Rennradfahrer rast durch ein Hüttenwerk. Im Hintergrund sprühen Funken. Gut erkennbar ist auch das Logo auf dem Fahrradrahmen – Thyssenkrupp. Die Botschaft des Werbevideos ist klar: Das Rennrad mit dem Stahlrahmen soll Emotionen wecken.

Doch in der Wirtschaft und an der Börse geht es in erster Linie um nackte Zahlen. Und die sind im Falle Thyssenkrupps verheerend: Binnen Jahresfrist hat die Thyssenkrupp-Aktie mehr als 40 Prozent ihres Werts eingebüßt. Im August fiel sie auf den tiefsten Stand seit 2003.

Jetzt ist Thyssenkrupp sogar aus der Top-Liga der deutschen Börsenwerte, dem Dax, ausgeschieden - eine Zäsur, denn der Industriekonzern war seit Anbeginn 1988 im deutschen Leitindex vertreten.

Schrumpfender Börsenwert

Wer bei Marktkapitalisierung oder Börsenumsatz nicht mehr zu den Top 40 gehört, kann den Regeln zufolge aus dem Leitindex fliegen. Bei beiden Werten sah es für die Essener schon lange nicht mehr gut aus. Der Konzern mit seinen weltweit mehr als 160.000 Mitarbeitern wird an der Börse nur noch mit knapp sieben Milliarden Euro bewertet.

Thyssenkrupp
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Die Thyssenkrupp-Aktie - ein Trauerspiel

Zum Dax-Abstieg hatte Konzernchef Guido Kerkhoff bereits eine Art Vorab-Kommentar geliefert: "Die Zugehörigkeit zu einem Index", sagte der Thyssenkrupp-Chef kürzlich, "ist deutlich nachrangig zu dem, was wir als Aufgabe vor uns haben".

Nicht nur Opfer

Tatsächlich spiegelt der dramatische Kursverfall lediglich die fundamentalen Probleme des Konzerns wider: angefangen vom EU-Verbot der Stahlsparten-Fusion über niedrige Stahlpreise bis hin zur Krise in der Autobranche. Die Essener stellen Bleche, Federn oder Lenksysteme für Autos her.

Dabei ist Thyssenkrupp nicht nur ein Opfer: Viele Probleme sind hausgemacht, Managementfehler folgte hier auf Managementfehler. So vergaloppierte sich der damalige Vorstandschef Ekkehard Schulz 2010 mit seiner Auslands-Expansion. Das Amerika-Abenteuer des "Eisernen Ekki" entwickelte sich zum Desaster.

Aberwitziges Amerika-Abenteuer

Doch erst unter Schulz' Nachfolger an der Konzernspitze, Heinrich Hiesinger, wurde das ganze Ausmaß deutlich: Nach Verkauf der Werke in Brasilien und Amerika 2017 blieb unterm Strich ein Verlust von rund acht Milliarden Euro.

ThyssenKrupp Stahlwerk CSA Brasilien
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Im Stahlwerk in Brasilien hat Thyssenkrupp richtig viel Geld versenkt

Unter Hiesingers Ägide ging der Umbau des größten deutschen Stahlkochers nur schleppend voran. Mangels Rückhalt bei den Großinvestoren, allen voran der mächtigen Krupp-Stiftung, musste er 2018 schließlich seinen Platz räumen.

Irre hohe Verschuldung

Auch Guido Kerkhoff, seit rund 13 Monaten an der Spitze, wirkt wie ein Getriebener. Zwei Mal hat er bereits die Strategie umgeworfen. Die Restrukturierung bei Thyssenkrupp gehe nur langsam voran, moniert daher auch Analyst Carsten Riek von der Schweizer Bank Credit Suisse in einer aktuellen Studie. Für die Bilanz sieht der Experte Risiken.

Tatsächlich hat der Grad der Verschuldung bei Thyssenkrupp längst bedenkliche Ausmaße angenommen. Zuletzt beliefen sich die Netto-Finanzschulden auf 5,1 Milliarden Euro.

Sparen, sparen, sparen

Als früherer Finanzvorstand legt Kerkhoff – wenig einfallsreich – den Fokus aufs Sparen. Der Manager will alle Geschäfte auf den Prüfstand stellen, die "ohne klare Perspektive dauerhaft Geld verbrennen und damit Wert vernichten, den andere Bereiche erwirtschaftet haben". 6.000 der rund 160.000 Stellen sollen gestrichen werden, 4.000 davon in Deutschland.

Was aber fehlt, ist eine klare Zukunftsvision. Denn eines steht fest: Nur Sparen und Stellenstreichungen werden den Industrieriesen nicht aus der Krise führen können.

Ist eine Zerschlagung die Lösung?

Aktivistische Investoren wie der schwedische Großaktionär Cevian und Paul Singer mit seinem Hedgefonds Elliott fordern bereits seit Jahren eine Zerschlagung des Konzerns.

ARD-Börse: Thyssenkrupp fliegt aus dem Dax

05.09.2019 13:49 Uhr

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Als Vorbild dient ihnen ein anderer großer Industriekonzern – Siemens: Die Münchener hatten in den vergangenen Jahren nach und nach Konzernteile wie Infineon, Osram und Siemens Healthineers abgespalten und an die Börse gebracht.

Die Perle des Konzerns

Thyssenkrupp-Aufzug
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Thyssenkrupp-Aufzüge - an der Börse viel wert

Im Falle Thyssenkrupps gilt vor allem das Geschäft mit Aufzügen und Rolltreppen als besonders wertvoll. Ein Verkauf an Investoren oder ein Börsengang würde viel Geld in die Kassen spülen. Geld, das Thyssenkrupp dringend benötigt. Doch zugleich würde der Konzern damit sein letztes Prachtstück verlieren. Übrig bliebe die wenig zukunftsweisende Kernsparte Stahl.

Übrigens: Bei einem Börsengang der Aufzugssparte hätte die Firma sogar eine Chance auf eine Aufnahme in den Dax. Analysten schätzen den Wert der Sparte auf bis zu 17 Milliarden Euro. Das sind zehn Milliarden Euro mehr als der Börsenwert des gesamten Thyssenkrupp-Konzerns.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 04. September 2019 um 14:36 Uhr.

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