Zählerkasten | Bildquelle: dpa

Energieverbrauch in Corona-Krise Warum der Strompreis nicht fällt

Stand: 28.05.2020 06:45 Uhr

Durch die Corona-Krise ist der Stromverbrauch in Deutschland deutlich gesunken. Dennoch sind die Strompreise in den Privathaushalten zuletzt deutlich gestiegen auf Rekordniveau. Wie ist das möglich? Welche Rolle spielen Versorger wie Eon?

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Viele Familien, die jetzt im Home Office arbeiten, sind besorgt. Wegen der zunehmenden Computernutzung für Videokonferenzen und Homeschooling sowie anderer gestiegenen häuslichen Aktivitäten könnten sich die privaten Stromrechnungen bis zum Sommer spürbar verteuern, befürchten sie.

Home Office treibt den Stromverbrauch

Tatsächlich dürfte der "häusliche Stromverbrauch in diesem Jahr aufgrund des Kontaktverbots deutlich höher ausfallen als im Vorjahr", glaubt Verivox-Energieexperte Valerian Vogel. Auch der Bundesverband der deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) rechnet mit einem steigenden Energieverbrauch.

Mit einem Preisschock müssten die Verbraucher jedoch nicht rechnen, beruhigt Eon-Chef Johannes Teyssen. "Das wäre völlig überraschend", sagte er jüngst bei der Präsentation der Quartalsbilanz. Aktuelle Zahlen für Deutschland gebe es zwar bislang noch nicht. Aber Werte in Großbritannien, wo zahlreiche Haushalte über Smart Meter (intelligente Stromzähler) verfügen, ließen auf einen Anstieg des Stromverbrauchs um vier bis fünf Prozent schließen.

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Verfall der Preise an der Strombörse

Johannes Teyssen
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Johannes Teyssen, Vorstandsvorsitzender der Eon AG

Am Donnerstag lädt Eon zur virtuellen Hauptversammlung ein. Dort wird Teyssen wahrscheinlich auch Fragen zum privaten Stromverbrauch beantworten. Im Fokus seiner Ausführungen dürfte aber eher der Stromverbrauch der Großkunden stehen. Dieser ist während des Lockdowns um gut ein Fünftel geschrumpft. "So einen Einbruch haben wir noch nie erlebt", sagte Teyssen kürzlich in einem Interview.

An der Leipziger Strombörse haben deshalb die Preise zuletzt kräftig nachgegeben. Im Zuge der Corona-Pandemie haben sie sich fast halbiert. Für Lieferungen im Jahr 2021 müssen nach einer Hochrechnung des Vergleichsportals Verivox von Ende März die Versorger rund elf Prozent weniger als in diesem Jahr bezahlen.

Verbraucher zahlen so viel wie nie

Strompreisentwicklung seit 2004
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Strompreisentwicklung seit 2004

Der Preisverfall an den Strombörsen müsste eigentlich bei den Verbrauchern ankommen und zu billigeren Stromrechnungen führen. Das Gegenteil ist der Fall. Der durchschnittliche Strompreis für Endkunden im April stieg laut Verivox auf 30,23 Cent pro Kilowattstunde - so hoch wie nie.

Wie kann das sein? Der Lobbyverband der Energiebranche, der BDEW, verweist darauf, dass die Beschaffungskosten nur ein Viertel der Strompreise ausmachen. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) entfalle auf Steuern, Abgaben und Umlagen. Das restliche Viertel wird von den Netz- und Meßgebühren bestimmt.

Viele Versorger haben Strompreise angehoben

Verivox
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Lupe über der Website von Verivox

Sind die Versorger also schuldlos an den Rekord-Strompreisen für Privathaushalte? Mitnichten. Die meisten, nämlich 85 Prozent der gut 5.000 Versorger hierzulande haben laut Verivox in diesem Jahr die Preise für Strom angehoben. Sie begründen das mit höheren Beschaffungskosten. Die lokalen Versorger haben bereits lange vor der Corona-Krise den Strom den die Kunden heute beziehen, eingekauft.

Verbraucherschützer sind empört. "In der Regel geben Stromfirmen höhere Beschaffungskosten schnell an die Verbraucher weiter, meinen sie. Sinken die Beschaffungskosten dagegen, kommen die Preissenkungen nur zögerlich bei den Privatkunden an.

Heftige Kritik der Verbraucherschützer

Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale-Bundesverbands (vzbv) wirft den Versorgern sogar in gewisser Weise Preistreiberei vor. "Es kann nicht angehen, dass viele Stromanbieter ihre Preise sogar erhöhen, obwohl sich der Börsenstrom seit 2018 in etwa halbiert hat", schimpft er. Würden die Anbieter den tatsächlich gesunkenen Börsenstrompreis vollständig weitergeben, könnte ein Durchschnittshaushalt mit 3.500 Kilowattstunden pro Jahr aktuell gut 75 Euro sparen.

Doch die Chancen für eine Entlastung der privaten Stromverbraucher stehen schlecht. 2021 drohen sogar noch deutlich höhere Strompreise – wegen des Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG). Die Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) prophezeit, dass die EEG-Umlage zur Finanzierung der erneuerbaren Energien im kommenden Jahr um 20 Prozent auf deutlich mehr als acht Cent je Kilowattstunde steigen wird.

Warnung vor teureren Preisen wegen steigender EEG-Umlage

Auch Eon-Chef Teyssen warnt vor einer "Explosion der EEG-Umlagekosten". Das würde den wahrscheinlichen Aufschwung nach dem Ende der Corona-Krise abwürgen. "Die Bürger fühlen sich doch verklappkoffert", schimpft er. Ein solcher Anstieg der EEG-Umlage würde die gesamte Glaubwürdigkeit beim Klimaschutz gefährden.

Teyssen schlägt deshalb vor, die EEG-Umlage dauerhaft bei höchstens fünf Cent zu deckeln und die Stromsteuer auf den EU-Mindestsatz von 0,05 Cent je Kilowattstunde zu senken. Rückenwind bekommt er ausgerechnet vom Grünen-Chef Robert Habeck. Dieser befürwortet ebenfalls eine radikale Absenkung der EEG-Umlage - um fünf Cent je Kilowattstunde. Dadurch könnte bis Ende 2021 ein Kaufkrafteffekt von 22 Milliarden Euro erzielt werden, rechnet Habeck vor.

Eon selbst kann die Strompreis-Debatte entspannt betrachten. Rund 80 Prozent der Einnahmen des Netzbetreibers sind reguliert, das heißt vom Staat garantiert. Und auch der frühere Rivale RWE wird die schwankenden Strompreise kaum zu spüren bekommen. Der Essener Versorger hat seinen Strom schon für mehrere Jahre im voraus verkauft…

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Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete WDR5 am 05. Mai 2020 um 07:36 Uhr.

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