500 Euro Geldscheine

Negative Realzinsen Warum die Deutschen anders sparen müssen

Stand: 28.08.2019 06:28 Uhr

Die kalte Enteignung der Bürger durch Negativzinsen trifft deutsche Sparer besonders stark. Jetzt droht ihnen neues Ungemach. Sparern, die dem entgehen wollen, bleibt nur ein Ausweg.

Von Angela Göpfert, boerse.ARD.de

Wer derzeit auf die Entwicklung der Kapitalmarktzinsen in Deutschland schaut, fühlt sich an den Film "Im Rausch der Tiefe" mit Jean Reno erinnert. Geradezu verbissen arbeiten sich die Zinsen immer weiter in die Tiefe vor. Im August erreichte die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen Bundesanleihe ein Rekordtief von minus 0,7 Prozent.

Mittlerweile sind die Zinsen für deutsche Anleihen über alle Laufzeiten hinweg negativ. Deutschland gehört damit zum exklusiven Club der Länder, die mit dem Schuldenmachen Geld verdienen. Eine Gelegenheit, die der Staat auch fleißig nutzt: Heute stockt der Bund die zehnjährige Anleihe abermals um drei Milliarden Euro auf.

Mickrige Sparbuchzinsen

Sparbuch
galerie

Das Sparbuch: niedrige Zinsen und trotzdem beliebt

Des Staates Freud ist des Sparers Leid: Im internationalen Vergleich sind deutsche Sparer von der finanziellen Repression besonders stark betroffen. Schließlich stecken sie ihr Geld mit Vorliebe in vermeintlich sichere Anlagen.

Wer sein Geld auf dem Sparbuch parkt, bekommt aber nur mickrige 0,01 Prozent Zinsen. Festgeld für zwölf Monate mit erweiterter deutscher Einlagensicherung bringt laut der FMH Finanzberatung aktuell zwischen 0,01 und 0,75 Prozent.

Inflation wird ausgeblendet

Besser als gar nichts, mag so mancher Bundesbürger denken – und irrt gewaltig. Die Menschen neigen nämlich leider dazu, lediglich den nominalen Wert einer Geldanlage zu betrachten. Die Entwertung durch die Inflation wird ausgeblendet.

Realzins-Sparbuch
galerie

Wer sein Geld auf dem Sparbuch anlegt, hat damit in der Vergangenheit häufiger real Geld vernichtet

Ausschlaggebend ist aber die reale Rendite. Dazu zieht man von der nominalen Rendite die Inflationsrate (zuletzt 1,7 Prozent) ab. Bundesbürger, die ihre Ersparnisse in Sparbüchern oder Festgeld anlegen, verlieren somit real Geld.

Die seltsame deutsche Spar-Logik

Doch das ist nichts, was den deutschen Sparer schreckt. Denn das Sparverhalten der Bundesbürger folgt einer ganz besonderen Logik: Eine Geldanlage bringt kein Geld? Kein Problem, dann wird einfach noch mehr Geld hineingesteckt!

So erhöhten die Deutschen laut einem Bericht der Bundesbank allein im ersten Quartal 2019 ihre Bestände an Bargeld und kurzfristigen Spareinlagen um 39 Milliarden Euro. Mittlerweile liegen knapp 2,5 Billionen Euro auf solchen als "risikoarm" empfundenen Konten – absoluter Rekord.

Das gab es doch schon einmal

Wer nun glaubt, früher sei alles besser gewesen, der irrt. Negative Realzinsen sind keine Erfindung der letzten Jahre. Vielmehr hat es in der Geschichte immer wieder Phasen gegeben, in denen die Sparer in Deutschland real enteignet wurden.

"Die Realzinsen waren auch früher bereits häufiger negativ – und nur in wenigen Jahren spürbar positiv", betont ein Bundesbank-Sprecher. Denn früher gab es zwar teils deutlich höhere Zinsen – aber auch die Inflationsrate lag auf einem stark erhöhten Niveau.

Dieses Datum sollten sich Sparer merken

EZB-Chef Mario Draghi
galerie

Wird die September-Sitzung sein letzter großer Coup? Noch-EZB-Chef Mario Draghi

Heute zeigt sich der Euro hingegen vergleichsweise wertstabil, allerdings sind die Zinsen seit Jahren historisch niedrig. Momentan liegt der Leitzins im Euroraum bei null Prozent. Der Strafzins, den Banken zahlen müssen, die überschüssige Liquidität bei der EZB parken, liegt bei minus 0,4 Prozent.

Experten erwarten, dass die EZB auf ihrer nächsten Ratssitzung am 12. September ein großes Paket zur Lockerung der Geldpolitik verabschieden – und so das Zinsniveau weiter drücken wird.

Fallende Zinsen treiben Vermögenspreise

Um dem zu entgehen, bleibt Sparern nur ein Ausweg: Sie müssen höhere Risiken eingehen und in Sachwerte wie Immobilien oder Aktien investieren. Dass sich das durchaus lohnt, zeigt ein Blick auf den Vermögenspreisindex des Flossbach von Storch Research Instituts.

Vermögenspreise
galerie

Vermögenspreise-Chart 2005-2019

Laut den FvS-Experten sind die fallenden Zinsen "der Haupttreiber der steigenden Vermögenspreise".

Strafzinsen als Denkanstoß?

"Die junge Generation wird sich von dem Gedanken verabschieden müssen, dass sie einen risikofreien Vermögenszuwachs haben wird in der Zukunft", betont Carsten Brzeski, Chefökonom bei der ING DiBa. Dabei sind ETF-Sparpläne vor allem bei anfangs noch kleinen Vermögen das Mittel der Wahl.

Tatsächlich ist es höchste Zeit, dass die Deutschen ihr Sparverhalten überdenken. Vor diesem Hintergrund hätten die derzeit viel diskutierten Strafzinsen für Kleinsparer womöglich sogar einen positiven Effekt: Würden sie doch auch demjenigen Bundesbürger, der den Unterschied zwischen realen und nominalen Zinsen nicht kennt, endlich vor Augen führen, wie wertvernichtend er sein Geld anlegt. Es wäre eine Konfrontationstherapie – mit ungewissem Ausgang.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete SWR2 am 31. August 2019 um 12:15 Uhr in "Geld, Markt, Meinung".

Darstellung: