Rivian R1S

Elektroauto-Startup Wird Rivian zur Gefahr für Tesla?

Stand: 04.02.2020 06:45 Uhr

Wer, bitte schön, ist Rivian? Ende 2020 wird diese Frage wohl niemand mehr stellen. Das amerikanische Elektroauto-Startup erwächst zur ernstzunehmenden Konkurrenz für Tesla.

Von Angela Göpfert, boerse.ARD.de

Nach knapp zehn Jahren Arbeit im Hintergrund sollen Ende 2020 der vollelektrische Pickup-Truck R1T und das SUV R1S auf den amerikanischen Markt kommen, 2021 sollen internationale Märkte folgen. Für den R1T stellte Rivian-Chef RJ Scaringe einen Preis von 69.000 Dollar in Aussicht, der R1S soll um die 72.000 Dollar kosten. Der R1S liegt damit preislich unter dem Luxus-SUV Model X von Tesla, das in den USA derzeit ab 79.690 Dollar zu haben ist. Muss Tesla das Startup fürchten?

Durchaus – allein schon mit Blick auf die Finanzierer von Rivian. Denn hinter dem Startup aus Plymouth/Michigan stehen unter anderen Tech-Gigant Amazon und Autobauer-Legende Ford. Amazon hat rund 700 Millionen Dollar in Rivian investiert, Ford eine halbe Milliarde Dollar. Insgesamt sammelte Rivian laut der Nachrichtenagentur Bloomberg bereits 2,85 Milliarden Dollar an Eigenkapital ein. Laut den Experten von "autoblog.com" braucht es im Schnitt eine Milliarde Dollar, um ein neues Automodell zu entwickeln.

100.000 E-Lieferwagen für Amazon

Amazon fährt mit Rivian
galerie

So sollen die Amazon-E-Transporter von Rivian aussehen

Die Finanziers hegen dabei freilich Hintergedanken. Im September bestellte Amazon eine Riesenflotte von 100.000 Elektro-Lieferwagen bei Rivian. Der E-Transporter soll 2021 auf den Markt kommen. Es ist der größte Auftrag, den die Elektroautobranche je gesehen hat. "Der Auftrag sichert Rivian einen festen Platz unter den Elektroautoherstellern", meint Sam Fiorani von der Analysefirma Auto Forecast Solutions.

Mit dem reichsten Mann der Welt im Rücken hat Rivian in der Tat gute Chancen, gegen Tesla zu bestehen. Denn Jeff Bezos dürfte ein großes persönliches Interesse daran haben, dass sein Elektroauto-Abenteuer zum Erfolg wird. Bezos und Musk verbindet eine jahrelange gepflegte Rivalität.

Luxus-Ford auf Basis der Rivian-Plattform

Ford hingegen will die Elektroplattform von Rivian nutzen, um damit ein Premium-E-Auto zu bauen. Auf der Rivian-Technologie sollen der Motor, die Akkus und das Computersystem basieren. Darauf kann Ford dann den Rest des Fahrzeugs setzen.

Doch Geld und gute Verbindungen allein dürften nicht reichen, um am Markt gegen Tesla bestehen zu können. Schließlich ist Tesla in erster Linie eine Lifestyle-Marke, die es geschafft hat, auf Fahrspaß getrimmten PS-Monstern wie Sportwagen, SUV oder Trucks ein umweltverträgliches Image einzuhauchen. Was also haben die Rivian-Modelle in Sachen Fahrspaß zu bieten?

Frontaler Angriff auf Teslas Cybertruck

Rivian R1T
galerie

Kann sich um die eigene Achse drehen - der Rivian R1T

Nun, eine Spaßbremse ist der R1T ganz gewiss nicht. Mit Videos von spektakulären Drehungen um die eigene Achse sorgte er Ende 2019 für Aufsehen. Dank seiner vier Motoren – jedes der vier Räder hat einen eigenen Antrieb – kann er auf der Stelle wenden. Das kennt man bislang nur von Kettenfahrzeugen.

Die Pirouetten sollen die Manövrierfähigkeit im schwierigen Gelände, aber auch auf engen Parkplätzen erleichtern – sind darüber hinaus aber natürlich ein absolut imagetaugliches Alleinstellungsmerkmal. US-Branchenkenner sprechen von einem "killer feature".

Tatsächlich ist der R1T ein frontaler Angriff auf Teslas Cybertruck, der ab Ende 2021 produziert werden soll. Beim Blick auf die Reichweite hat Tesla die Nase vorn: Mit der größten Batterie kommt der R1T 640 Kilometer weit, der Cybertruck von Tesla soll gute 800 Kilometer schaffen.

"Schwarzer Schwan" für Tesla, Mercedes & Co?

Tesla Cybertruck
galerie

Gewöhnungsbedürftiges Design: der Tesla Cybertruck

Der R1T ist allerdings gediegener in der Optik, wirkt eher alltags- und familientauglich. Er ist daher der womöglich massentauglichere E-Truck im Vergleich zum doch sehr futuristisch anmutenden Cybertruck mit seinem gewagten Design.

Mit Rivian erwächst aber nicht nur Tesla, sondern auch den deutschen Autokonzernen neue Konkurrenz in Sachen E-Mobilität – ein Trend, den BMW, Mercedes & Co. bekanntlich "etwas" verschlafen haben.

Für VW ein Schlag ins Kontor

Rivian selbst ist an weiteren Partnerschaften interessiert. Das Modell Ford wäre damit auch eine theoretische Option für die deutschen Autohersteller: E-Technik von Rivian, das Drumherum von BMW, Mercedes & Co.

Doch dazu müssten die deutschen Hersteller faktisch über ihren Schatten springen und vom Ansatz abrücken, ein komplettes E-Auto ganz allein zu entwickeln. Das ist laut dem Autoexperten Frank Schwope von der NordLB aber ziemlich unwahrscheinlich. Er hält eher deutsch-deutsche oder deutsch-chinesische Kooperationen für denkbar.

Mit Blick auf VW ist die Ford-Allianz mit Rivian allerdings ein echter Schlag ins Kontor, hatte Ford doch 2019 angekündigt, im Rahmen einer Kooperation mit VW unter anderem den Elektroauto-Baukasten der Wolfsburger nutzen zu wollen.

Wird der Traum der Tesla-Gründer mit Rivian wahr?

Sollte es Rivian tatsächlich gelingen, sich als E-Auto-Plattform zu etablieren, ginge damit übrigens ein alter Traum in Erfüllung, den schon die Tesla-Gründer gehegt hatten.

Zwei heute fast vergessene Ingenieure hatten aus Notebook-Akkus einen Energiespeicher für Elektroautos zusammengebaut, den sie eigentlich an die Autobranche vermarkten wollten. Doch diese war nicht interessiert, sodass sie gezwungen waren, ein eigenes Auto drumherum zu bauen.

Es bleibt abzuwarten, ob Rivian eher als Plattform oder auch mit seinem "Drumherum" Erfolg haben kann. Der "Tesla-Killer" muss sich seinen Spitznamen erst noch verdienen.

Quelle: boerse.ard.de
Darstellung: