Homing im Homeoffice

Corona-Krise Der Online-Möbelhandel boomt

Stand: 13.11.2020 08:54 Uhr

In Coronazeiten investieren immer mehr Menschen in ein schönes und gemütliches Zuhause. "Cocooning" heißt das Phänomen, von dem der Möbelhandel so gut wie möglich profitieren will. Das funktioniert. Der Online-Möbelhandel zählt zu den Gewinnern der Corona-Krise.

Von Thomas Spinnler, boerse.ARD.de

Der Corona-Lockdown hat für viele Menschen eine Art Rückzug ins Private erzwungen: Man sitzt vermehrt zu Hause. Dafür wurde das Wort "Cocooning" erfunden, aber mit negativ besetzten Begriffen wie Abschotten und Einigeln möchte die Werbung ihn eher nicht verbunden sehen.  

Es geht immer noch besser

Trendforscher und Marketing-Fachleute bemühen lieber das gemütliche, nostalgische Bild vom Chillen vor dem Lagerfeuer im eigenen Heim, um das sich die Familie sammelt. Und manchmal sogar Freunde - in angemessenem Abstand. Denn so vermittelt man positive Werte wie familiären Zusammenhalt, Innigkeit und Geborgenheit. Warum nicht das Beste aus der Lage machen und die eigenen vier Wände hübsch gestalten? Dann macht das Homeoffice noch mehr Freude.  

Cocooning, Homing oder einfach Rückzug?
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Cocooning: Willkommen im Zeitalter des Zuhauses

Schließlich dient Konsum längst nicht mehr ausschließlich dazu, die Bedürfnisse des Alltags zu stillen. Vielmehr möchte der Konsument sein Leben schön ausstatten, sich inszenieren. Aus dem Konsum zur Lebenserhaltung werde ein Konsum zur Lebenssteigerung, Bedürfnissen verwandelten sich in "Begehrnisse", wie das der Philosoph Gernot Böhme nennt. Und was die Sache für die Unternehmen so interessant macht: Begehrnisse lassen sich endlos steigern, weiß Böhme.

Budgets werden umgeschichtet

Nicht nur für den Möbelhandel sind das ausgezeichnete Nachrichten. "Das Zuhause ist der neue Horizont. Unternehmen müssen dieser Realität Rechnung tragen", meint Oliver Wright, Managing Director und globaler Leiter für Consumer Goods beim Unternehmensberater Accenture.

Verbraucher würden ihre Einrichtung auf den Prüfstand stellen, sagt Jan Kurth Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Möbelindustrie (VDM). "Die Budgets werden zugunsten der Wohnung umgeschichtet und lang gehegte Renovierungs- und Anschaffungswünsche umgesetzt", so Kurth.  

Homeoffice
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Homeoffice: Vielseitige Lösungen für modernes Wohnen

Zwar leidet der Möbelhandel durchaus unter dem Lockdown. In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres sanken die Umsätze in Deutschland um fast zehn Prozent auf 8,1 Milliarden. Aber bei den Verbrauchern setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass man Möbel ebensogut wie alles andere online bestellen kann.   

Möbelhandel: Das Onlinegeschäft wächst

Im Zuge der Corona-Krise habe der Möbel-Onlinehandel weiter an Fahrt aufgenommen, berichtet der VDM. Viele Menschen hätten während des Lockdowns ihre Einrichtung per Mausklick bestellt. Das deckt sich mit aktuellen Daten des Bundesverbands e-Commerce, bevh.

Der Trend zum Cocooning halte an, heißt es dort: Das Geld, das nicht in Reisen geflossen sei, hätten die Deutschen auch im dritten Quartal gern in Haus- und Gartenmöbel investiert, teilte der Verband mit. Verglichen mit dem Vorjahresquartal sei der Umsatz im Segment "Einrichtung" von Juli von September um 19,5 Prozent gestiegen. Im zweiten Quartal hatte das Plus 13,8 Prozent betragen.

Der Verband der Möbelindustrie schätzt den Onlineanteil bei Möbeln derzeit auf rund 18 Prozent. In den nächsten vier Jahren soll der Wert auf mindestens 25 Prozent steigen.

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Sprunghaft gestiegen

Wie wichtig der Onlinehandel für die Möbelbranche wird, zeigt ein Blick auf die Unternehmen. Bei Ikea Deutschland wuchs der Online-Umsatz im jüngst abgeschlossenen Geschäftsjahr um 74,3 Prozent auf 861 Millionen Euro. Der Onlineanteil lag bei 16,2 Prozent. Im Vorjahr waren es noch 9,4 Prozent. Der online erzielte Umsatz sei während des Lockdowns sprunghaft angestiegen, teilt Ikea mit.

Screenshot Webseite Online-Shop Westwing
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Screenshot Webseite Online-Shop Westwing

Am Mittwoch hatten die Online-Möbelhäuser Home24 und Westwing dank des beschleunigten Wandels zum e-Commerce über solides Wachstum berichtet. Home24 werde seine Wachstumsstrategie konsequent weiterverfolgen mit dem Ziel, das große unerschlossene Potenzial im online Home&Living-Sektor zu erschließen, teilte das Unternehmen mit. Westwing beobachtet ebenfalls eine "beschleunigte Verlagerung hin zu Online-Kanälen".

Wir leben im "Jahrzehnt des Zuhauses"

Die Otto Group weiß von einer "stark gestiegenen Online-Nachfrage" auch nach Möbeln. "Die Corona-Pandemie ist ein Katalysator für fundamentale Entwicklungen", sagt der Vorstandsvorsitzende Alexander Birken. Durch die Corona-Pandemie habe sich der Wandel zum Onlinehandel massiv beschleunigt.

Nach Ansicht der Experten von Accenture werde Cocooning genauso von Dauer sein wie der sich stetig verstärkende Trend zum Onlinehandel. Der Trend, mehr Freizeit in den eigenen vier Wänden zu verbringen, verstärke sich. Unternehmen, die den Rückzug ins Private mit kreativen Strategien erleichtern und aufwerten, gehörten künftig zu den Gewinnern.

Die Fachleute der Unternehmensberatung sprechen sogar von einem "Jahrzehnt des Zuhauses", das von der Pandemie eingeläutet worden sei. Man ist gespannt, welches Thema das darauf folgende Jahrzehnt bestimmen wird. Die Unternehmen werden auf jeden Fall gerüstet sein.

Quelle: boerse.ard.de
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