Rauchwolken über der brennenden Raffinerie in Saudi-Arabien | Bildquelle: REUTERS

Nach Angriffen in Saudi-Arabien Stärkster Ölpreis-Anstieg seit 1991

Stand: 16.09.2019 14:06 Uhr

Aus Furcht vor Lieferausfällen decken sich Anleger massenhaft mit Rohöl ein. Nach den Angriffen auf Öl-Anlagen in Saudi-Arabien ist der Preis so stark gestiegen wie seit 28 Jahren nicht mehr.

Am Montagmorgen rauschten die Preise für Öl um bis zu 20 Prozent in die Höhe, bevor sie einen Teil des Anstiegs wieder abgaben. Zuletzt verteuerte sich ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent um 5,99 Dollar oder knapp zehn Prozent auf 66,21 Dollar - und damit auf den höchsten Stand seit Mitte Juli. Die knapp 20 Prozent sind der größte Kurssprung seit Januar 1991. Der Preis für das US-Leichtöl WTI kletterte ebenfalls um etwa 16 Prozent auf 63,34 Dollar - so stark wie zuletzt 2001.

Brennende Raffinerie
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Luftaufnahme der brennenden saudischen Raffinerie

Hintergrund der explodierenden Ölpreise sind die Drohnenangriffe auf die größte Ölraffinerie Saudi-Arabiens am Wochenende. Durch die Attacken am Samstag wurde eine Fördermenge von 5,7 Millionen Barrel pro Tag bis auf weiteres lahmgelegt. Das ist mehr als die Hälfte der täglichen Ölproduktion des Königreichs. Offizielle Angaben aus Riad zur Dauer der Lieferausfälle lagen bislang nicht vor.

Laut Rapidan Energy ist die betroffene Raffinerie in Abkaik die wichtigste Öleinrichtung der Welt. "Abkaik ist das Herz des Systems, und sie hatten gerade eine Herzattacke", sagte Roger Diwan vom Marktforscher IHS Markit. Beim drastischen Einbruch der Produktionsmenge handele es sich um einen vorübergehenden Effekt, der zudem durch die Einspeisung vorhandener Ölreserven teilweise kompensiert werde. Laut der US-Energieagentur USEIA hat Abkaik eine Rohöl-Verarbeitungskapazität von rund 7 Millionen Barrel täglich.

Trump zur Freigabe von Ölreserven bereit

Im Falle von Engpässen sind die USA zur Freigabe von nationalen Ölreserven bereit. US-Präsident Donald Trump schrieb am Sonntagabend auf Twitter, ausgehend von dem Angriff, "der sich auf die Ölpreise auswirken könnte", habe er - falls erforderlich - die Freigabe genehmigt. Die Menge habe er noch nicht festgelegt, aber sie werde ausreichend sein, "um die Märkte gut zu versorgen". Die Energieagentur IEA in Paris sieht zunächst keine Versorgungsprobleme. Vorerst seien die Märkte gut mit reichlich kommerziellen Beständen versorgt.

Experten sehen ein Eingreifen der USA dennoch nicht als ausgemachte Sache. Bis eine Schadensfeststellung verfügbar sei, könne er nicht abschätzen, wie wahrscheinlich das Anzapfen der nationalen US-Reserven ist, so der US-amerikanische Analyst Robert McNally, früheres Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates. "Ich vermute, das ist nur eine verbale Beruhigungsmaßnahme", sagte er. "Wenn der Schaden nicht immens ist, bezweifle ich, dass wir ein Anzapfen sehen werden."

Experten beruhigen

Die Auswirkungen auf den deutschen Markt und für die Autofahrer hierzulande dürften sich nach Einschätzung des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) in Grenzen halten. "Aus Saudi-Arabien kommt kaum Öl nach Deutschland - 2018 war es ein Prozent", erklärte ein Sprecher des Verbandes der Deutschen Presse-Agentur. "Eine Engpass-Gefahr beim Öl besteht für Deutschland also nicht."

Der globale Ölpreis könnte sich zwar kurzfristig erhöhen. Ob sich das spürbar und dauerhaft auf deutsche Kunden an Tankstellen auswirke, sei aber offen. Andere Länder seien mittelfristig in der Lage, ihre Fördermengen auszuweiten und den Ausfall so zu kompensieren. Der aktuelle Ölpreis der maßgeblichen Nordsee-Sorte Brent sei im langjährigen Vergleich eher niedrig. Der Preis habe schon mal über längere Zeit bei mehr als 100 Dollar gelegen.

Und auch der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, rechnet damit, dass sich der Ölpreis nach dem kräftigen Anstieg voraussichtlich schnell wieder normalisieren werde. "Dauerhaft steigende Ölpreise und folglich Belastungen für die Konjunktur sind nur zu erwarten, wenn das Ölangebot tatsächlich dauerhaft verknappt wird", sagte Fuest. Die Anrainerstaaten des persischen Golfs produzierten gut ein Drittel des weltweiten Öls. Wenn es dort zu einem massiven bewaffneten Konflikt käme, wäre die globale Ölversorgung gestört, und die Preise würden deutlich steigen: "Derzeit spricht jedoch wenig dafür, dass es dazu kommt."

Auswirkungen noch ungewiss

Wie ernst der Schaden am Ölmarkt sei und wie lange es dauere, bis die Produktionskapazität in Saudi-Arabien wieder voll hergestellt werden könne, sei ungewiss, schrieb Unicredit-Chefvolkswirt Erik Nielsen in London. Die Störung des Ölkreislaufs sei ziemlich bedeutend, urteilte Mele Kari, Chef des staatlichen nigerianischen Ölförderers Nigerian National Petroleum Corporation, im Interview des Finanzsenders Bloomberg TV. "Wenn sie anhält, könnte sie eine große Herausforderung für den Ölmarkt sein."

Energieanalyst Joe McMonigle von der Investmentberatung Hedgeye Risk Management sagte, sollten die USA ihre strategische Ölreserve anzapfen, könnte das - insbesondere bei einer koordinierten Aktion mit der Internationalen Energieagentur (IEA) - einen rasanten Anstieg der Ölpreise dämpfen.

Schock am Aktienmarkt

Für die Aktienmärkte ist die kurzfristige Ölpreis-Explosion allerdings ein großer Belastungsfaktor. Die Aktienkurse gaben am Montag überwiegend nach. Die drohenden zusätzlichen Kosten beim Treibstoff setzen zum Beispiel der Fluggesellschaft Lufthansa zu. Die Papiere verlieren vorbörslich etwa 3,3 Prozent.

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Der Preissprung des wichtigen Handelsgutes Rohöl gibt zwar den Währungen von Exportländern wie Kanada und Russland Auftrieb. Im Gegenzug verbilligt sich der Dollar aber um ein knappes Prozent. Auch die Währungen einiger Schwellenländer befinden sich auf Talfahrt. Die Nervosität der Anleger treibt außerdem die "Antikrisen-Währung" Gold nach oben.

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"Dieser Angriff zeigt, wie verwundbar die saudische Ölproduktion ist", sagte Devisenexperte Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank. Dieser Aspekt dürfte nicht allen Marktteilnehmern bewusst gewesen sein.

Eskalation im Konflikt?

Besonders beunruhigend für die Anleger: Trump hat nach dem Angriff auf Saudi-Arabien umgehend mit Vergeltung gedroht. Die Luftangriffe sind der US-Regierung zufolge eher aus dem Iran oder Irak und nicht aus dem Jemen verübt worden. Auf Satellitenaufnahmen seien mindestens 17 Einschläge zu erkennen und diese seien durch Angriffe aus nördlicher oder nordwestlicher Richtung verursacht worden, berichtete die "The New York Times". Dies passe eher zu Angriffen aus dem nördlichen Persischen Golf, also dem Irak oder Iran, als zu Angriffen aus dem südlich von Saudi-Arabien gelegenen Jemen. Die jemenitischen Huthi-Rebellen hatten sich zu den Angriffen bekannt.

US-Außenminister Mike Pompeo hatte bereits am Samstag den Iran direkt für die Angriffe verantwortlich gemacht. Die Führung in Teheran bestreitet vehement jede Tatbeteiligung. Eine Eskalation des Konflikts zwischen den Führungen Irans und den USA wird damit immer wahrscheinlicher.

tb/dpa-AFX

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. September 2019 um 09:37 Uhr.

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