Richard Thaler

Private Altersvorsorge Ein kleiner Stups für eine größere Rente

Stand: 11.09.2020 15:08 Uhr

Wirtschafts-Nobelpreisträger Thaler hat erkannt, dass oft kleine Änderungen Großes bewirken können. Sein Konzept des "Nudging" wirkt in der Corona-Pandemie ebenso wie bei der Altersvorsorge.

Von Angela Göpfert, boerse.ARD.de

Manchmal genügt schon ein kleiner Stups (englisch: nudge). Diese Erkenntnis bildet das Zentrum von Richard Thalers Forschung. Der US-Verhaltensökonom und Wirtschafts-Nobelpreisträger feiert am 12. September seinen 75. Geburtstag. Sein Konzept des "Nudging" erfährt gerade weltweit im Zuge der Corona-Krise ein wahres Revival.

Beim "Nudging" geht es um das bewusste "Anstupsen" der Bürger, um sie zu einem bestimmten Verhalten zu motivieren. Dazu werden die Rahmenbedingungen, die Entscheidungsarchitektur, so verändert, dass für das Wohl des Individuums und der Gesellschaft sinnvolle Entscheidungen leichter fallen. In Pandemie-Zeiten kann das Leben retten.

Supermärkte – die Hochburgen des Nudgings

Blickt man derzeit mit der "Nudging-Brille" auf den Alltag in Deutschland, so kann man viele solcher "Anstupser" erkennen. So erinnern uns etwa Piktogramme in Waschräumen an korrektes Händewaschen. Die wahren Hochburgen des Nudging aber sind die Supermärkte: Lautsprecher-Durchsagen, Schilder und Klebestreifen am Boden sollen uns an den Mindestabstand und das Maske-Tragen erinnern.

Abstandsregeln am Strand von Binz
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Auch am Strand von Binz erinnern Schilder an die Abstandsregeln

Aus Perspektive der traditionellen Wirtschaftswissenschaften wären solche Nudges indes gar nicht nötig. Der rational handelnde "Homo oeconomicus" würde selbstverständlich von sich aus den Mindestabstand wahren und eine Maske tragen, um das Infektionsrisiko für sich und andere zu mindern.

Revolutionär und Grenzgänger

Richard Thaler
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Richard Thaler ist Professor an der Booth School of Business der University of Chicago

Richard Thaler geht hingegen von der Annahme aus, dass Menschen oftmals nicht rational handeln, dass sie nicht stets das Beste für sich und die Gesellschaft im Blick haben. Thaler ist damit ein Revolutionär der klassischen Wirtschaftswissenschaften – und ein Grenzgänger zwischen Verhaltensökonomie, Psychologie und Wirtschaftspolitik.

So hat Thaler das "Planner-Doer-Modell" in die Ökonomie eingeführt. In diesem Modell hat der Mensch zwei Ichs: den weitsichtigen Planer, der nach der langfristig besten Lösung strebt, und den kurzsichtigen Macher, der die kurzfristige Befriedigung sucht. Oft siegt der "Macher". Leider muss man sagen – etwa im Hinblick auf die Altersvorsorge.

Der Wirtschafts-Nobelpreis

2017 hat Richard Thaler den Wirtschafts-Nobelpreis erhalten. Er habe psychologisch realistische Annahmen in ökonomische Modelle eingebaut und es geschafft, die Verhaltensökonomie von einem Teilbereich der Wissenschaft zum Mainstream zu machen, begründete die Königlich-Schwedische Wissenschaftsakademie die Entscheidung. "Er machte die Wirtschaftswissenschaften menschlicher."

Der ewige Kampf zwischen "Planer" und "Macher"

In Deutschland wurde mit der Rentenreform von 2001 das Leistungsniveau der gesetzlichen Rente gesenkt und den Menschen mehr Eigenverantwortung übertragen. Rational wäre es also, zusätzlich kapitalgedeckt für das Alter vorzusorgen – sei es über die betriebliche oder die private Altersvorsorge.

Doch de facto sparen viele Menschen gar nicht oder zu wenig. Sie konsumieren lieber. Um es in Thalers Sprache zu sagen: Der kurzfristig orientierte "Macher" siegt über den langfristig orientierten "Planer".

Hunderter
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Konsumieren oder sparen für die Altersvorsorge - das ist hier die Frage

"Viele Menschen neigen dazu, Entscheidungen zu vermeiden und im jeweiligen Status quo zu verharren", halten Andreas Knabe und Joachim Weimann, Professoren an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, in einem Ifo-Paper fest. "Bei der Altersvorsorge bedeutet das, dass sie nur über die gesetzliche, aber nicht über eine zusätzliche private Altersvorsorge verfügen."

Der Blick nach Schweden

Zugegeben, in Corona-Zeiten taugen die Schweden nicht immer als Vorbild. Doch in puncto private Altersvorsorge lohnt der Blick nach Schweden allemal. Und nach Großbritannien ebenso.

Arbeitnehmer zahlen dort automatisch in einen Sparplan ein – sofern sie nicht explizit widersprechen. Private Altersvorsorge ist quasi die Default-Lösung. In der Fachsprache heißt das dann "Opt-out" statt "Opt-in".

Die Deutschlandrente

In Deutschland wird dieses Modell unter dem Namen "Deutschlandrente" diskutiert. Dabei handelt es sich um ein von den Ökonomen Knabe und Weimann und der Hessischen Landesregierung entwickeltes Konzept.

Auf der Angebotsseite soll der Wettbewerb gestärkt werden, um ein transparentes und kostengünstiges Angebot an Vorsorgeprodukten zu schaffen. Auf der Nachfrageseite geht es um einen Wechsel vom Opt-in zum Opt-out.

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Genügt auch bei der privaten Altersvorsorge nur ein kleiner Stups?

"Danach wird jeder, der sich nicht aktiv äußert, über eine zusätzliche, private Altersvorsorge verfügen. Da es aber jederzeit möglich ist, die Vorsorge abzuwählen, wird die persönliche Entscheidungsfreiheit nicht beeinträchtigt", so Knabe und Weimann.

Bessere Finanzbildung – auch ein Nudge

Die Idee ist also, die Menschen in Richtung ihres Renten-Glücks zu schubsen und den weitsichtigen Planer über den kurzfristigen Macher siegen zu lassen.

Schüler
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Finanzbildung in der Schule? Experten fordern das schon lange

Dabei ist eine Deutschlandrente nicht die einzige Möglichkeit, mehr Menschen zur Altersvorsorge zu motivieren. Bessere Informationen, besseres Finanzwissen und -bildung, etwa im schulischen Rahmen, wären ebenfalls Nudges im Sinne einer Entscheidungsarchitektur, welche die finanziellen Entscheidungen von Individuen positiv beeinflussen könnten.

Die Angst vor der "Glücksdiktatur"

Doch es gibt auch Kritiker des Nudging-Konzepts. Nicht wenige sehen darin eine Bevormundung des Bürgers. Menschen würden mit "Psychotricks" dazu gebracht, etwas zu tun, was sie normalerweise nicht machen würden. Sie würden entmündigt und in eine "Glücksdiktatur" gezwungen.

Man kann so argumentieren. Aber was ist in Sachen Altersvorsorge die Alternative dazu? Eine Anhebung des Rentenbeitragssatzes? Ein noch späteres Renteneintrittsalter? Oder die heutigen Noch-Nicht-Rentner-Generationen einfach eines Tages in der Altersarmut versinken lassen?

Dann doch lieber ein kleiner Stups.

Quelle: boerse.ard.de
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