Schriftzug an der Zentrale von Lehman Brothers | Bildquelle: dpa

Folgen der Lehman-Pleite Als die Kleinanleger ihr Geld verloren

Stand: 12.09.2018 06:45 Uhr

Für Tausende deutsche Kleinanleger war die Lehman-Pleite vor zehn Jahren ein Alptraum: Sie verloren fast ihr ganzes Erspartes. Die Folgen sind bis heute zu spüren - auf Sparbüchern und Festgeld-Konten.

Von Notker Blechner, boerse.ard.de

Für Maria Holzner (Name geändert von der Redaktion) klang es nach einem absolut sicheren Geschäft. Als ihr Bankberater sie 2007 anrief und ihr riet, Geld aus einem Rentenfonds in Lehman-Produkte zu stecken, folgte sie seiner Empfehlung. Sie investierte 20.000 Euro. "Ich würde das meiner Mutter anbieten", meinte der Bankberater. Dass es sich um ein Zertifikat und damit eine Schuldverschreibung handle, verschwieg er. Und das Risiko eines Totalausfalls erwähnte er auch mit keinem Wort, erinnert sich Holzner.

Gut ein Jahr später war das Geld weg. Nach der Pleite der Lehman-Bank waren die vermeintlich sicheren Lehman-Zertifikate plötzlich wertlos, da sie nicht der Einlagensicherung unterlagen. Für Maria Holzner brach die Welt zusammen.

50.000 Deutsche verloren viel Geld mit Lehman-Zertifikaten

Wie ihr erging es gut 50.000 anderen Deutschen, die ihre Ersparnisse in Lehman-Zertifikate gesteckt hatten. Sie waren gutbürgerlich, um die 60 Jahre alt und galten als so genannte "A und D"-Kunden - alt und doof -, denen die Bankberater die riskanten Lehman-Papiere angedreht hatten. Nach Schätzungen von Verbraucherschützern investierten die Senioren gut eine Milliarde Euro in die ominösen Zertifikate.

Davon haben sie bis heute nur ein Teil zurückbekommen - wenn überhaupt. Manche Kunden erhielten bis zu 70 Prozent Entschädigung, andere weniger. Einige Lehman-Opfer zogen vor Gericht, es gab Hunderte Prozesse. Die meisten einigten sich außergerichtlich oder machten Vergleiche. Vor dem Landgericht Düsseldorf, wo viele Prozesse stattfanden, war ein beliebter Deal, dass die Bank die Zertifikate erwarb und dafür 15 Prozent des ursprünglichen Werts zahlte. Nach Einschätzung von Verbraucherschützern entschied sich gut die Hälfte der Kunden, die keine Kulanzregelung gewählt hatten, für eine solche Lösung.

Die Lehman-Pleite erfasst Deutschland
boerse
12.09.2018 16:32 Uhr

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Banken bekommen mehr

Für die Banken war das ein gutes Geschäft. Sie haben bis heute im Schnitt 30 Prozent der Summe, die Anleger für die Zertifikate gezahlt hatten, von der Insolvenzmasse zurückbekommen. Mit den teilweise vereinbarten Garantien aus den USA könnten sie sogar auf 50 Prozent kommen.

Viele Lehman-Opfer sitzen angeblich immer noch auf ihren Papieren - und hoffen auf eine großzügigere Entschädigung. Öffentlich protestieren sie inzwischen kaum noch. Sie tauschen sich lieber bei Stammtischen oder im Internet aus. Kurz nach der Lehman-Insolvenz hatten noch mehrere Zertifikate-Halter vor den Banken Mahnwachen und Sitzblockaden durchgeführt. Stundenlang hielten sie Plakate mit Slogans wie "Verraten und Verkauft" hoch.

Wie Börsianer die Lehman-Pleite erlebt haben
boerse
12.09.2018 16:32 Uhr

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So dürften sich inzwischen auch viele deutsche Kleinsparer fühlen, die nicht in Lehman-Zertifikate investiert haben. Der Zusammenbruch der US-Investmentbank führte nämlich zur Finanzkrise, in der die Staaten mit Milliarden-Summen Banken retten und die Konjunktur mit billionenschweren Programmen ankurbeln mussten. Das trieb die Staatsverschuldung in ungeahnte Höhen. Die Folge war eine europäische Schuldenkrise, die Griechenland an den Rand des Bankrotts brachte. Nur der Eingriff der Notenbanken, die die Zinsen auf Null senkten und mit Billionen die Märkte fluteten, verhinderte das Schlimmste.

Nullzinsen schaden den deutschen Kleinsparern

Unter dieser Nullzinspolitik leiden bis heute vor allem die deutschen Kleinsparer, die viel Geld auf ihren Sparbüchern, Fest- und Tagesgeld-Konten geparkt haben. Unter Abzug der Inflation schrumpft kontinuierlich ihr Vermögen. In diesem Jahr sank das Spar- und Finanzvermögen der Deutschen erstmals seit langem real - um 0,8 Prozent im ersten Quartal. Manche Politiker und Ökonomen sprechen von Enteignung der Sparer durch EZB-Präsident Mario Draghi. "Den Unmut der Sparer über die Niedrigzinsen kann ich gut verstehen", räumte jüngst Bundesbank-Präsident Jens Weidmann ein.

Dass der Anleger kaum noch eine Verzinsung seiner Vermögen bekommt, sieht Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise als gravierendste Rückwirkung der Finanzkrise und Problem für die Altersvorsorge. Insofern dürfte die Lehman-Pleite viel mehr gekostet haben als die rund 800 Milliarden Euro an Notfallkrediten und Hilfen, die die USA und die sechs größten EU-Staaten seit 2008 aufwendeten, um die angeschlagene Bankenbranche zu stützen. Auch hierzulande sind die 50 Milliarden Euro, mit denen der deutsche Steuerzahler für die Finanzkrise und die Rettung der Hypo Real Estate und mehrerer Landesbanken haften musste, wohl nur ein Bruchteil der tatsächlichen Folgekosten des Lehman-Zusammenbruchs.

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Finanzkrise-Podium - Live auf der ARD-Bühne

Hans-Werner Sinn

Hans-Werner Sinn, Präsident a.D. ifo:
„Die Finanzkrise wird mühsam unter der Decke gehalten, indem die EZB und die Staatengemeinschaft die Schulden der nicht mehr wettbewerbsfähigen Länder im Süden Europas in immer größerem Maße durch eine gemeinschaftliche Haftung absichert. Die Gemeinschaftshaftung führt aber zu immer mehr Schulden. Europa wiederholt die Fehler, die die USA in den ersten Jahrzehnten ihrer Geschichte gemacht haben.“

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 12. September 2018 um 11:00 Uhr.

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