Ein Van-Carrier fährt im Hamburger Hafen an einer Reihe gestapelter Container vorbei. | Bildquelle: dpa

IWF zu deutscher Wirtschaft Exportboom macht Reiche reicher

Stand: 10.07.2019 16:43 Uhr

Im Ausland gibt es viel Kritik am hohen Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands. Nun gießt der IWF Öl ins Feuer. Der Überschuss verschärfe die soziale Ungleichheit hierzulande, heißt es im neuen Deutschland-Bericht.

Nützt der deutsche Exportboom nur den Reichen? Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in einer umfassenden Analyse die Schattenseiten des hohen Leistungsbilanzüberschusses dargestellt. Während der Überschuss in den letzten zwei Jahrzehnten anschwoll und 2018 einen neuen Weltrekord von 260 Milliarden Euro erreichte, stagnierten die unteren und mittleren Einkommen, schreiben die IWF-Ökonomen. Lediglich die Top-Einkommen stiegen.

Zehn Prozent halten 60 Prozent des Vermögens

Inzwischen liege das meiste Vermögen bei wenigen Reichen. Den zehn Prozent Reichsten gehöre 60 Prozent des Nettovermögens in Deutschland, heißt es im IWF-Bericht. Das sei die höchste Quote in Europa. Fast ein Viertel des Vermögens (24 Prozent) entfalle gar auf nur ein Prozent der Top-Reichen.

Als Indikator für die Ungleichheit nennt IWF das Median-Vermögen von 61.000 Euro. Der Wert sei in Deutschland niedriger als in Griechenland und erheblich niedriger als im Durchschnitt der Euroländer, der bei 100.000 Euro liege.

IWF: Familienfirmen sind schuld

Verantwortlich für die Vermögensungleichheit seien vor allem die Familienunternehmen, kritisiert der IWF. Die sprudelnden Gewinne seien verstärkt in Firmen angespart worden, die den Reichsten gehören. Hinzu komme die niedrige Immobilien-Eigentumsquote in Deutschland.

Normalverdiener wie Geringverdiener gäben fast alles von ihrem Einkommen aus, die Reichen sparten dagegen. So profitierten diese unter anderem vom Immobilien- und Börsenboom der vergangenen Jahre, der ihr Vermögen deutlich anschwellen ließ.

"Eines der Länder mit der höchsten Ungleichheit in der Welt"

"Deutschland ist eines der Länder mit der höchsten Vermögens- und Einkommensungleichheit der Welt", konstatieren die IWF-Ökonomen in ihrem Bericht. Die wachsende Einkommensungleichheit verstärke wiederum die Vermögensungleichheit. Beides sei eng miteinander verbunden.

Vermögenssteuer und billigere Börsengänge als Gegenmittel

Damit die Schere zwischen Arm und Reich nicht noch weiter auseinanderklaffe, schlägt der IWF nicht nur ein höheres Lohnwachstum vor, sondern auch niedrigere Steuern für Gering- und Normalverdiener vor. Gleichzeitig müssten die Steuern auf Vermögen, insbesondere die Erbschafts- und Schenkungssteuer erhöht werden.

Als weiteres Instrument gegen die Ungleichheit regen die IWF-Experten mehr Wagniskapitalförderung für Startups, also einfachere und billigere Börsengänge vor. Dadurch könnte ein größerer Kreis der Bevölkerung Aktien kaufen, hoffen sie. Dass der Neuer-Markt-Crash die deutsche Aktienkultur schwer beschädigt hat, scheint keine Berücksichtigung in der Studie gefunden zu haben.

nb

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Juli 2019 um 13:35 Uhr in der "Wirtschaft am Mittag".

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