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Insurtechs Digitale Policen mischen Versicherer auf

Stand: 08.11.2019 06:45 Uhr

Noch gibt es viele Bürger, die bei einem Vertreter oder Makler eine Versicherung abschließen. Doch es geht auch einfacher. Insurtechs bieten Versicherungen übers Internet oder über eine App an. Die neue digitale Konkurrenz setzt den etablierten Versicherern zu. Jetzt schlagen sie zurück.

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Mit etwas Verspätung ist die digitale Revolution nun auch in der verschlafenen Versicherungsbranche angekommen. Nach den Fintechs in der Bankenwelt rütteln die so genannten Insurtechs (Versicherungs-Startups) die klassischen Assekuranzen auf. Junge Firmen wie Clark, One, Getsafe, Coya, Simplesurance, Deutsche Familienversicherung oder Lemonade bedrohen die Geschäftsmodelle der etablierten Versicherungskonzerne wie der Allianz, Axa oder R&V.

One bietet digitale Kfz-Policen

In einer ersten Welle boten die digitalen Angreifer einfach strukturierte und schnell abschließbare Produkte wie Haftpflicht- und Hausratversicherungen an. Nun drängen die Insurtechs zunehmend auch in den Markt der Auto- und Krankenversicherungen. Seit kurzem lockt das Berliner Start-up One Autofahrer mit einer voll digitalen Kfz-Police. "Bei uns bekommt der Kunde seine Police innerhalb von weniger als einer Sekunde", sagt Vorstandschef Oliver Lang. Bisher hat One schon 200.000 Verträge abgeschlossen. In zwei Jahren soll mehr als eine Million Kfz-Policen erreicht werden.

Die Deutsche Familienversicherung (DFV) konzentriert sich auf profitable Nischen - digitale Kranken-Zusatzversicherungen unter anderem für Zähne, Krankenhausbehandlung und Pflege. Die Policen lassen sich einfach mit dem Smartphone abschließen. Als erster Versicherer bietet die DFV gar den Abschluss einer Auslandskrankenversicherung über die digitale Sprachassistentin Alexa.

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Auslandskrankenversicherung über Alexa

Bald werde es auch möglich sein, Alexa zu sagen: "Ich brauche eine Haftpflichtversicherung!", glaubt DFV-Vorstandschef Stefan Knoll, der früher für die Allianz arbeitete. Vor knapp einem Jahr hat er das von ihm 2007 mitgegründete Insurtech an die Börse gebracht. Die Aktie ist unter den Ausgabekurs gerutscht. Knoll hat ehrgeizige Pläne. "Wir wollen zu den Großen der Branche aufschließen", verkündet er vollmundig. Mit 455.000 Policen ist seine DFV allerdings noch Lichtjahre vom Marktführer Allianz entfernt.

Jetzt kommt Lemonade

Größere Konkurrenz droht momentan eher von Anbietern außerhalb Europas. Vor kurzem ist der US-Digitalversicherer Lemonade in den deutschen Markt eingestiegen. Die Amerikaner locken mit einer rein digitalen Hausrat- und Haftpflichtversicherung, die innerhalb weniger Minuten per App abgeschlossen werden kann. Lemonade setzt auf automatisierte Prozesse, Chatbots und Künstliche Intelligenz. Das Insurtech will die Versicherung neu erfinden.

"Die Lemonades dieser Welt werden immer mehr", warnte unlängst Finanzstaatssekretär Jörg Kukies. "Und sie werden mit immer mehr Geld ausgestattet."

So steckten Investoren in den ersten neun Monaten dieses Jahres fast 4,4 Milliarden Dollar in Insurtechs weltweit. Das sind schon jetzt fünf Prozent mehr als im gesamten Jahr 2018. Vor allem Unternehmen im Bereich Advanced Analytics, die Vorhersagemodelle auf Basis moderner Analyseverfahren entwickeln, sind stark gefragt, hat die Unternehmensberatung Willis Towers Watson in einer Studie herausgefunden.

Ping An greift Check24 bei Vergleichsportalen an

Besonders die Versicherungs-Vergleichsportale sind eine große Konkurrenz für die klassischen Versicherer. Marktführer Check24 und andere Online-Portale nehmen den Versicherungsvertretern das Geschäft weg. Laut "Handelsblatt" vermittelt Check24 inzwischen schon mehr als eine Million Kfz-Policen pro Jahr. Nun könnte Bewegung in den Markt kommen. Der chinesische Versicherungsriese Ping An, nach Börsenwert weltweit die Nummer eins, hat sich am Vergleichsportal Joonko beteiligt, das nun deutschlandweit gestartet ist. Joonko bläst zum Angriff auf den Platzhirschen Check24.

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Die Insurtech-Revolution lässt die Allianz bisher noch relativ kalt. Sie hat ähnlich wie die Münchener Rück erkannt, dass ihnen die digitalen Start-ups eher nützen als schaden. So hat die Allianz die Firma AllianzX gegründet, die sich an Insurtechs beteiligt. Zudem wurde mit anderen Versicherungen und mit Unterstützung des Bundes ein "Insurtech Hub" in München geschaffen.

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Allianz startet eigenen Direktversicherer

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Die größte Konkurrenz der Allianz sind die Direktversicherer wie die Huk24 von Huk-Coburg oder Cosmos Direct von der Generali. Deshalb rüsten die Münchner nun zum Gegenangriff. Sie hat gerade den neuen Direktversicherer Allianz Direct gestartet, der Europas Versicherungslandschaft aufmischen soll. In der Autoversicherung will die Allianz wieder die Nummer eins werden. Das könnte schwer werden. Seit mehreren Jahren hat hier die Huk-Coburg die Nase vorn. Mit zwölf Millionen versicherten Fahrzeugen liegt Huk-Coburg mehr als drei Millionen vor der Allianz. Es sei durchaus realistisch, der Huk-Coburg die Marktführerschaft wieder abzunehmen, betont Allianz-Deutschlandchef Klaus-Peter Röhler. In Italien hätten die Münchner das auch geschafft. Dort überholte die Allianz den Platzhirsch Generali. Für die (Auto-)Versicherer könnte es also ein heißer Herbst mit Preisrutsch werden.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. November 2019 um 12:41 Uhr in den Wirtschaftsnachrichten.

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