Ein Arbeiter schraubt bei der Firma Siemens Shenzhen Magnetic Resonance LTD. an einem Siemens Computertomographen

Aufspaltung der Konzerne Macht sich die Industrie selbst kaputt?

Stand: 03.06.2019 15:23 Uhr

Einst war die Industrie der Stolz der deutschen Wirtschaft. Nun aber spalten sich - auch auf Druck angelsächsischer Hedgefonds - die großen deutschen Industriekonglomerate zunehmend auf. Von Siemens, RWE bis hin zu Bayer: Geht diese Strategie auf?

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Wenn sich heute und morgen die führenden Politiker und Wirtschaftsvertreter in Berlin zum "Tag der Deutschen Industrie" treffen, wird es vor allem um die Perspektiven für künftige Innovationen im "Land der Ideen" gehen. Manche Unternehmer werden dabei die ungünstigen Rahmenbedingungen kritisieren, die Innovationen erschweren und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen bremsen.

Dass sich die deutsche Industrie momentan selbst kaputt macht oder gar selbst abschafft, dürfte kaum ein Thema sein. Tatsächlich aber hat die Deutschland AG ihren stolzen Nimbus eingebüßt. Die klassischen Industriekonglomerate, die einst das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft waren, spalten sich zunehmend auf und sind nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Mit der Zerschlagung der Hoechst AG fing alles an

Den Anfang machte in den 1990er Jahren die Hoechst AG. Der damalige Vorstandschef Jürgen Dormann zerschlug einen der größten Chemie- und Pharmakonzerne weltweit – angeblich wegen der geplanten Fusion mit dem US-Riesen Monsanto. Die Pharmasparte von Hoechst fusionierte 1999 mit der französischen Rhône-Poulenc zu Aventis, die fünf Jahre später schließlich von der französischen Sanofi geschluckt wurde. Das Chemiegeschäft wurde abgespalten in die Konzerne Clariant, Celanese und HMR. Heute ist von der Hoechst AG außer dem Industriepark nicht mehr viel übrig geblieben.

Was Hoechst vormachte, schaffte auch Bayer. Der Leverkusener Industriekonzern spaltete einen Großteil seiner Chemiesparte ab und brachte sie unter dem Namen Covestro an die Börse. Um im verbliebenen Agrarchemiegeschäft weiter vorne mitspielen zu können, übernahm der Bayer-Konzern den umstrittenen Saatgutriesen Monsanto. Die Flucht nach vorn kam die Leverkusener teuer zu stehen. Weil das Unkrautvernichtungsmittel von Monsanto angeblich Krebs verursacht, drohen Bayer milliardenschwere Schadensersatzforderungen von Klägern.

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Siemens spaltet besonders viel ab

Auch der traditionsreiche Siemens-Konzern hat in den letzten zwei Jahrzehnten mehrere Abspaltungen durchgesetzt. Im vergangenen Jahr wurde die Medizintechnik ausgegliedert. Healthineers ging im Frühjahr 2018 an die Börse und notiert heute im MDax. Vor kurzem hat Siemens-Chef Joe Kaeser gar die Wurzeln des Industrie-Konzerns gekappt und die Abspaltung der Energiesparte mit einem Umsatz von 30 Milliarden Euro angekündigt. Abspalten, umbauen, neu sortieren. "Das kann nicht jeder", sagt Kaeser. "Wir können das, wir wissen, wie das geht."

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B5 Börse 07.35 Uhr: Siemens Healthineers macht mehr Gewinn

03.06.2019 17:34 Uhr

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"Es geht nicht mehr um Größe!"

Siemens wolle nicht als Industrie-Dinosaurier enden, betont der Siemens-Chef. Größe sei heute kein Wert mehr an sich. Gerade in den jetzigen disruptiven Zeiten, meint Kaeser, seien Fokus, Flexibilität und Geschwindigkeit gefragt.

Es sei wichtig, selbst zu gestalten, "bevor man gestaltet wird", sagt Kaeser selbstbewusst. Als abschreckendes Beispiel gilt General Electric (GE). Der US-Mischkonzern, der jahrzehntelang solide gewirtschaftet hatte, stürzte im vergangenen Jahr in die roten Zahlen, strich die Dividende zusammen und flog aus dem Dow Jones.

Hedgefonds treiben Konglomerate zu "Spin-Offs"

Ob Hoechst, Bayer oder Siemens - der Trend zu Aufspaltungen ist ungebrochen. Auch VW, Daimler und Conti liebäugeln mit Abspaltungen von einzelnen Sparten. Der Druck kommt vor allem vom Kapitalmarkt. Aktivistische Hedgefonds aus den USA, die in Europa immer einflussreicher werden, drängen die Industrie-Konglomerate zu "Spin-Offs", damit sie ihren Wert steigern und profitabler werden. Sogenannte "Pure Plays" sind die neuen Lieblinge der Börse. Sie gelten als innovativer, profitabler und wachsen schneller.

Ob das Siemens, RWE, Eon und VW gelingt, muss sich erst noch zeigen. Bayer und Metro jedenfalls sind nicht profitabler geworden. Im ersten Quartal brach der Gewinn von Bayer um fast 37 Prozent ein - wegen des Monsanto-Deals. Und Metro erlitt im abgelaufenen Quartal einen Verlust von 459 Millionen Euro.

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Gemischtes Bild an der Börse

Die langfristige Kursentwicklung der abgespaltenen Unternehmen liefert ein gemischtes Bild. Während Siemens Healthineers seit dem IPO um 16 Prozent stiegen, notiert die frühere Siemens-Tochter Infineon deutlich unter ihrem Ausgabepreis beim Börsengang anno 2000. Die Aktie der Lichttechnik-Sparte Osram notiert heute kaum höher als am ersten Handelstag vor knapp sechs Jahren. Nun steht Osram vor der Übernahme durch chinesische Investoren.

Besser schlugen sich die Aktien der Bayer-Abspaltungen Lanxess und Covestro. Der Kurs von Lanxess hat sich sogar seit dem Börsengang 2005 mehr als verdoppelt. Auch die von Eon abgespaltene Uniper kletterte seit dem IPO im September 2016 um fast 150 Prozent nach oben, Dagegen halbierte sich der Kurs von Ceconomy (Media Markt Saturn) nach der Abspaltung von Metro-Konzern vor knapp zwei Jahren.

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Die Diskussion um Konglomerate gibt es übrigens schon lange. In den 1980er und 1990er Jahren waren integrierte Konzerne noch en vogue. Damals schuf Edzard Reuter ein riesiges Imperium rund um den Daimler-Konzern, zu dem der Luft- und Raumfahrtkonzern Dasa, die Flugzeughersteller Dornier und Fokker, der Triebwerkshersteller MTU und der Rüstungskonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm gehörten. Er begründete den Verbund mit Synergien. Heute sind solche integrierten Konzerne in Ungnade gefallen. Vielleicht erleben sie ja bald wieder eine Renaissance.

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Deutsche Konzerne: Hat sich die Häutung gelohnt?

Siemens-Chef Joe Kaeser

Siemens
Für Siemens-Chef Joe Kaeser steht die Entkernung des Konzerns besonders hoch im Kurs. Jüngstes Beispiel ist die Anfang Mai bekannt gewordene Entscheidung, die Energiesparte Gas and Power auszugliedern und bis 2020 an die Börse zu bringen. Die Sparte beschäftigt mehr als 80.000 Menschen und setzt etwa 30 Milliarden Euro um. Als Kerngeschäfte von Siemens sollen dann nur noch die Sparten Digital Industries sowie Smart Infrastructure übrig bleiben. Analysten glauben, dass damit der Konglomeratsabschlag bei der Siemens-Aktie reduziert werde. Er liegt derzeit bei 35 Euro und damit bei rund einem Drittel des Aktienkurses.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete BR aktuell am 03. Juni 2019 um 07:35 und die tagesschau am 08. Mai 2019 um 12:00 Uhr.

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