Thyssenkrupp-Werk in Duisburg | thyssenkrupp Steel Europe AG

Drohender Streit um abgelehnten Staatseinstieg Thyssenkrupp – das gibt Ärger

Stand: 14.12.2020 09:23 Uhr

Soll der Staat im Stahlgeschäft einsteigen oder nicht? Die Frage scheint seit dem Wochenende vom Tisch. Das könnte bei Thyssenkrupp zu einem schweren Konflikt zwischen der Unternehmensleitung und den Arbeitnehmervertretern führen.

Seit einigen Wochen wurde über eine Beteiligung des Staates an der Stahlsparte des angeschlagenen Konzerns spekuliert. Nachdem Thyssenkrupp-Finanzvorstand Klaus Keysberg in der "Rheinischen Post" einen möglichen Deal ausschloss, reagierte die IG Metall nun empört.

Er halte das Nein für "unverantwortlich", sagte IG-Metall-Vorstandsmitglied Jürgen Kerner. "Wir werden einen Staatseinstieg weiter mit Hochdruck verfolgen." Kerner ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Thyssenkrupp AG.

Keysberg hatte zuvor gegenüber der "Rheinischen Post" (Samstag) betont: "Das Thema staatliche Beteiligung ist vom Tisch." Der Wirtschaftsstabilisierungsfonds sei nicht das geeignete Mittel, um den Stahlbereich in der aktuellen Situation mit Eigenkapital zu unterstützen.

Zu hohe Kosten

"In unserem Fall wäre eine solche Beteiligung aufgrund der Zinszahlungen und der Rückzahlungsmodalitäten mit so hohen Kosten für das Unternehmen verbunden, dass durch die zusätzliche Belastung die Zukunftsfähigkeit des Stahls ernsthaft gefährdet würde", begründete Keysberg den Schritt.

Thyssenkrupp hatte im vergangenen Geschäftsjahr mit der Stahlproduktion einen Verlust von fast einer Milliarde Euro gemacht. Die Schwerindustrie leidet unter der Corona-Krise, Überkapazitäten und Billigimporten aus Fernost. Beim deutschen Industrieriesen waren noch hausgemachte Probleme wie das milliardenschwere Desaster der Tochter Steel Americas hinzugekommen.

Die Gewerkschaft warf dem Management nun vor, nicht alle Möglichkeiten für staatliche Hilfe ausgelotet zu haben. "Es gibt nicht nur den Wirtschaftsstabilisierungsfonds, auch andere Lösungen sind möglich. Warum nicht eine echte Beteiligung des Landes NRW an Thyssenkrupp Steel?", sagte Kerner. Er verwies auf Niedersachsen, wo das Land am Stahlproduzenten Salzgitter beteiligt ist. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und die NRW-Landesregierung hatten eine Beteiligung des Staates an Thyssenkrupp wiederholt abgelehnt.

Kaufangebot wird konkreter

Der Essener Konzern steht bei der Sanierung des Stahlgeschäfts unter Zeitdruck. Bis März soll nach Angaben von Konzernchefin Martina Merz entschieden werden, wie es mit dem Kernbereich des Unternehmens weitergeht. Thyssenkrupp liegt ein Kaufangebot des britischen Konzerns Liberty Steel vor.

Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz | imago images / Sven Simon

Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz Bild: imago images / Sven Simon

Der Industriekonzern aus dem MDax ließ den Wettbewerber Liberty Steel Anfang Dezember bereits in seine Bücher sehen. Das Angebot sei eine "ernstzunehmende Option". IG Metall lehnt es dagegen ab.

Alternativen mit anderen potenziellen Partnern hätten sich "zum jetzigen Zeitpunkt nicht hinreichend konkretisiert", sagte Keysberg. Grundsätzliches Interesse sei nach wie vor vorhanden. Anders als beim Verkauf der lukrativen Aufzugssparte stehen hier die Interessenten aber nicht Schlange.

Gewerkschaft pocht auf Tarifvertrag

Auch ein Alleingang beim Stahl sei weiter eine Option. "Es geht uns nicht darum, den Stahl loszuwerden", so der Manager. Er solle wieder zukunftsfähig gemacht werden. Dann seien jedoch weitere Einsparungen erforderlich, "um den Stahlbereich sehr zeitnah wieder in die Spur zu bringen". Bislang sollen im Stahlbereich von Thyssenkrupp 3.000 Stellen abgebaut werden.

Thyssenkrupp-Stahl-Mitarbeiter demonstrieren | picture alliance / Marcel Kusch / dpa

Thyssenkrupp-Stahl-Mitarbeiter demonstrieren Bild: picture alliance / Marcel Kusch / dpa

"Nach dem Einbruch durch Corona im Frühjahr spüren wir aktuell eine allgemeine wirtschaftliche Erholung", sagte Keysberg dem Blatt. Ab wann mit einer nachhaltigen Erholung oder Normalisierung zu rechnen ist, sei unsicher. "Außerdem bestehen die strukturellen Herausforderungen in der Branche unverändert weiter und müssen angegangen werden."

Die Arbeitnehmervertreter pochen auf einen im vergangenen Jahr abgeschlossenen Tarifvertrag, der betriebsbedingte Kündigungen bis 2026 ausschließt. "Wir fordern die konsequente Vertragstreue, also die Freigabe dringend benötigter Investitionen in unsere Anlagen und Standorte ebenso wie die Einhaltung der Beschäftigungssicherung. Alles andere ruft unseren Widerstand hervor", sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Thyssenkrupp Steel, Tekin Nasikkol.

tb/dpa/rtr