EZB-Gebäude in Frankfurt | picture alliance/Boris Roessler/dpa

Warten auf neue Lockerungsschritte der EZB Kommt jetzt die nächste Bescherung?

Stand: 06.12.2020 11:58 Uhr

Weihnachten naht! Und auch die Zulassung für den ersten Corona-Impfstoff in ganz Europa rückt näher. Doch an der Börse ist die Vorfreude auf das Wundermittel etwas abgeflaut. Bringt die EZB neuen Schub und die erhoffte Weihnachtsrally?

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit – an den Börsen könnte das Adventslied zum Motto der Woche werden. Anleger hoffen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Tür ihrer lockeren Geldpolitik weiter öffnet und das Anleihenkaufprogramm weiter aufstockt. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte zuletzt angekündigt, dass sie auf die zweite Corona-Welle reagieren werde. "Die EZB war in der ersten Welle da, und sie wird auch in der zweiten Welle da sein", betont die Französin.

EZB könnte PEPP-Programm um 600 Milliarden Euro aufstocken

Commerzbank Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet eine Verlängerung der PEPP-Käufe bis Ende 2021. Dabei hält er eine Aufstockung um 600 Milliarden für wahrscheinlich. "Wir gehen davon, dass die EZB nächste Woche verkünden wird, dass sie die Kaufprogramme ausweiten wird. Das pfeifen die Spatzen ja schon von den Dächern," meint auch BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels.

Sollten Europas Währungshüter die Geldschleusen weiter öffnen und womöglich die Märkte positiv überraschen, könnten sie dem Dax das Tor Richtung Rekordhoch aufstoßen. Aktuell ist der deutsche Leitindex nur noch 500 Punkte von seiner historischen Bestmarke entfernt. Während Gastronomen, Hoteliers, Event-Manager und Kulturschaffende über den Teil-Lockdown hierzulande stöhnen, befinden sich die Anleger in Partylaune. Mit einem Plus von 15 Prozent hat der Dax 15 den besten November seiner Geschichte erlebt – dank der Aussichten auf einen baldigen Impfstoff gegen Corona.

In den letzten Tagen ist es allerdings etwas ruhiger geworden – und das nicht wegen der besinnlichen Vorweihnachtszeit. Der Dezember begann mit leichten Kursverlusten. Der überschäumende Optimismus der letzten Wochen muss jetzt erst verdaut werden, sagt Ludwig Donnert, Chef von Alpa Sherpa Capital. Christian Schmidt, Experte der Helaba, sieht gar das charttechnische Potenzial des Dax auf der Oberseite ausgereizt.

"Teil zwei der Jahresend-Rally?"

Andere Börsianer sind da nicht so skeptisch. "Es ist noch eine Menge Luft nach oben", nachdem Biontech und Pfizer in Großbritannien die erste Zulassung für ihren Corona-Impfstoff bekommen haben, meint zum Beispiel Naeem Aslam, Chefstratege des Brokerhauses Ava Trade. Auch Robert Greil, Chefmarktstratege vom Bankhaus Merck Finck, sieht gute Chancen, dass sich der Dax noch vor dem bevorstehenden Jahreswechsel Richtung neuer Höchstmarken aufmacht. "Nächste Woche wird wohl zeigen, ob es nach dem November-Feuerwerk einen Teil zwei der Jahresend-Rally an den Börsen gibt." Er verweist auf die EZB-Sitzung, den EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag und weitere mögliche positive Impfstoff-News.

Viel Zündstoff auf dem EU-Gipfel

Eine "Woche der Entscheidungen" steht in der EU an. Auf dem letzten Gipfel des Jahres stehen weiter die Verhandlungen über das künftige Verhältnis zu Großbritannien an, die eigentlich schon im Oktober hätten abgeschlossen sein sollen. Da die Brexit-Übergangsphase Ende des Jahres ausläuft und nicht verlängert werden soll, muss in den nächsten Tagen eine Einigung erfolgen.

Neben dem Brexit-Drama geht es während des EU-Gipfels noch um den Haushalt 2021 und das 750 Milliarden schwere Hilfspaket. Hier muss eine Einigung mit Polen und Ungarn her, damit kein Nothaushalt auf Basis der Vorjahreswerte droht, was angesichts der Corona-Situation keine gute Option wäre. Die beiden osteuropäischen Staaten wollen die Verknüpfung der Auszahlungen mit Kriterien der Rechtsstaatlichkeit nicht akzeptieren.

Der starke Euro könnte zum Problem werden

Zum Bremsklotz an den europäischen Aktienmärkten könnte die Euro-Stärke werden. Seit Anfang November ist die europäische Gemeinschaftswährung im Vergleich zum US-Dollar deutlich gestiegen. Mit über 1,21 Dollar notiert der Euro so hoch wie zuletzt im Frühjahr 2018. Zugelegt habe der Euro vor allem, weil die Inflationserwartungen in den USA deutlich stärker gestiegen seien als im Euroraum, sagt Devisen-Experte Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank. Er blickt gespannt auf die EZB-Sitzung und die Worte von Präsidentin Lagarde. Sollte sie vor einem zu starken Euro warne, "wäre der jetzige Euro-Schub zum US-Dollar schon nächste Woche wieder zu Ende", meint er.

An wichtigen Konjunktur- und Stimmungsdaten stehen in der nächsten Woche die Industrieproduktion für Deutschland sowie die ZWE-Konjunkturerwartungen am Dienstag an. In den USA dürften vor allem die Verbraucherpreise des Monats November Beachtung finden, die am Donnerstag veröffentlicht werden. Gerechnet wird am Markt mit einer Inflationsrate von 1,1 Prozent.

Letzte Quartalszahlen der Nachzügler

Seitens der Unternehmen legen am Mittwoch der Kupferkonzern Aurubis aus dem MDax, die Tui und der Mannheimer Versorger MVV Quartalszahlen vor. In den USA öffnen der Photoshop-Anbieter Adobe und der SAP-Rivale Oracle ihre Bücher. Ansonsten stehen Investorentage von Walt Disney, der Deutschen Bank und der Münchener Rück im Blick. Der Rückversicherer dürfte am Dienstag seine neuen mittelfristigen Ziele bekannt geben.

Am Mittwoch lädt die Deutsche Bank zum Investorentag ein. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg dürfte Vorstandschef Christian Sewing die Gelegenheit nutzen, um zu signalisieren, dass die Wertpapier-Sparte auf gutem Wege sei, die Ertragserwartungen für 2022 zu übertreffen. Zugleich allerdings dürften wohl die Ziele anderer Geschäftsbereiche gestutzt werden.

nb