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Übernahme des Aktionärsberaters ISS Deutsche Börse stemmt Milliardendeal

Stand: 18.11.2020 16:20 Uhr

Endlich mal ein Erfolgserlebnis für die Deutsche Börse: Nach mehreren gescheiterten Übernahmeversuchen hat der Betreiber der Frankfurter Börse einen Milliarden-Zukauf gestemmt. Der Konzern erwirbt die Mehrheit am Aktionärsberater ISS. Was soll dieser Deal?

Heute präsentiert die Deutsche Börse ihre neue mittelfristige Strategie "Compass 2023" gegenüber Investoren. Firmenchef Theodor Weimer will mit einem Mix aus Wachstum im bestehenden Geschäft und Übernahmen seinen zuletzt erfolgreichen Kurs fortsetzen. Erlöse und Gewinn sollen in den kommenden Jahren jeweils zweistellig zulegen, sagte der seit Anfang 2018 amtierende Konzernchef.

"Unsere 10-Prozent-Wachstumsformel heißt: 10 Prozent Wachstum pro Jahr, sowohl bei Umsatz als auch Gewinn über den Zeitraum 2020 bis 2023", so Weimer weiter. Als Umsatzziel nannte er in der Präsentation einen Wert von 4,3 Milliarden Euro. Der Umsatzanstieg soll rund zur Hälfte aus Übernahmen (M&A) kommen. Beim Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) wird explizit kein Ziel genannt.

Vor der Konferenz servierte der Börsenchef einen Überraschungscoup. Er macht sein Versprechen wahr, mit Übernahmen zu wachsen, und stemmt den größten Deal seiner Amtszeit. Für gut 1,8 Milliarden Dollar übernimmt die Börse die Mehrheit an dem Aktionärsberater Institutional Shareholder Services (ISS). Die Frankfurter erwerben 80 Prozent an ISS. Das aktuelle Management und der Finanzinvestor Genstar Capital bleiben mit rund 20 Prozent an ISS beteiligt. Genstar Capital hatte vor drei Jahren 720 Millionen Dollar für ISS auf den Tisch gelegt.

ESG-Expertise wird gestärkt

Wozu braucht die Deutsche Börse einen Stimmrechtsberater? ISS liefert institutionellen Investoren Daten und Dienstleistungen im Bereich Unternehmensführung. Gerade bei der nachhaltigen Unternehmensführung (ESG) spielt ISS eine führende Rolle. "Die ESG-Expertise und das Leistungsspektrum von ISS auf der Datenseite ergänzen das Geschäftsmodell der Deutschen Börse über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg perfekt", sagte Deutsche-Börse-Chef Weimer am Dienstagabend. Durch den Zukauf werde die Deutsche Börse zu einem der weltweit führenden Anbieter von ESG-Daten und Research. Der Börsenbetreiber erwartet bis 2023 einen zusätzlichen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 15 Millionen Euro pro Jahr, der sich durch die Umsatzsynergien der beiden Unternehmen ergebe.

Bei Hauptversammlungen sind Stimmrechtsberater wie ISS und Glass Lewis sehr wichtig, da sich viele Fonds und Großanleger bei ihrem Abstimmungsverhalten nach deren Empfehlungen richten. Aber auch bei Anlageentscheidungen stützen sich viele Investoren auf die Daten und Informationen von ISS, etwa wenn es um Nachhaltigkeit und gute Unternehmensführung (ESG) geht.

ISS soll unabhängig bleiben

Interessenskonflikte sieht die Deutsche Börse mit dem Stimmrechtsberater nicht. Um die Unabhängigkeit sicherzustellen, soll die ISS innerhalb der Deutschen Börse eigenständig bleiben. ISS-Chef Gary Retelny werde das Unternehmen weiterhin leiten.

Im laufenden Jahr erwartet ISS Nettoerlöse von mehr als 280 Millionen Dollar und eine Gewinnmarge (Ebitda-Marge) von ungefähr 35 Prozent. Bis 2023 soll der Umsatz aus eigener Kraft um fünf Prozent pro Jahr wachsen. Mit der Deutschen Börse im Rücken kann ISS das Wachstum auch über Zukäufe beschleunigen.

Deutsche Börse muss durch Übernahmen wachsen

Für Börsenchef Weimer ist der Zukauf ein wichtiger Erfolg. Der 60-Jährige, der seit Anfang 2018 an der Spitze des Konzerns steht, hatte sich auf die Fahnen geschrieben, die Börse auch durch Übernahmen stärken. "Wir sind zum Wachsen verdammt", hatte Weimer kurz nach seinem Amtsantritt gesagt und mehrere Zukäufe gestemmt. Doch die großen Fische waren ihm zuletzt entglitten.

Weitere Kursinformationen zu Deutsche Börse

So setzte sich die Mehrländerbörse Euronext im milliardenschweren Bieterkampf um die Mailänder Börse durch. Die Londoner Börse LSE kündigte im vergangenen Jahr die Übernahme des Datenanbieters Refinitiv für 27 Milliarden Dollar an und machte damit die Pläne von Weimer zunichte, die zu Refinitiv gehörende Devisenhandelsplattform FXall in einem Milliardendeal zu erwerben. So war der 850 Millionen Dollar schwere Zukauf des US-Konzerns Axioma bisher der größte Deal in Weimers Amtszeit.

Anleger honorieren den Milliarden-Zukauf der Frankfurter. Die Aktien der Deutschen Börse legen am Nachmittag über zwei Prozent im Plus und gehören damit zu den größten Gewinnern im Dax.

nb/rm/dpa