Ausblick

Dichtgepackter Terminkalender Zahlenflut und weiter viel Unsicherheit

Stand: 08.11.2020 15:25 Uhr

In der kommenden Woche erwartet die Anleger so Einiges. Unter anderem erreicht die deutsche Berichtssaison ihren Höhepunkt. Nach der US-Wahl dürfte aber auch die Corona-Krise wieder stärker in den Fokus der Börse rücken.

Von Robert Minde, boerse.ARD.de

Denn auch wenn die mediale Aufmerksamkeit zuletzt ganz auf den US-Wahlkrimi gerichtet war, die Pandemie ist keinesfalls vom Tisch, wie die zuletzt immer verheerenderen Zahlen weltweit zeigen. Ob in den USA oder auch in Europa, jeden Tag werden neue Ansteckungsrekorde gemeldet, in Deutschland zuletzt über 23.000, in den USA 131.000.

Immerhin sinkt hierzulande die als R-Zahl bezeichnet Reproduktionskennziffer, so dass ein Abflachen der Kurve sich zumindest abzeichnet. Aber die Corona-Krise kann jederzeit mit Macht zurückkehren und für neue Konjunktursorgen bei den Anlegern sorgen.

Alle Augen auf Biontech

Ein schnelles Zurück zu Vorkrisenzeiten wird es angesichts der Dramatik der Lage und ohne einen Impfstoff jedenfalls nicht geben, schon allein aus logistischen Gründen. Da sind sich viele Experten, aber auch die US-Notenbank, einig.

Aber es könnte neue Hoffnung aufkommen, wenn denn endlich eine Zulassung für einen Impfstoff beantragt wird - ganz vorne dabei ist Biontech, die Biotechfirma aus Mainz, die zusammen mit dem US-Pharmariesen Pfizer in der entscheidenden Phase-III-Studienphase die Fantasie der Märkte bewegt.

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Am Dienstag legt Biontech seine (wahrscheinlich eher unspektakulären) Quartalszahlen vor - aber um die geht es auch gar nicht. Die Märkte erwarten vielmehr sehnlichst einen Fahrplan hin zum Covid-Impfstoff. Das könnte Konjunkturängsten entgegenwirken, für das vierte Quartal sind die Erwartungen nach dem überraschend guten Sommer zuletzt stetig gesunken.

Eine Impfperspektive würde den Dax sicher stärken - zudem der Index in Erwartung eines klaren Wahlergebnisses in den USA in der vergangenen Woche bereits kräftig um acht Prozent zugelegt hatte auf 12.480 Punkte. Aber Zweifel könnten bleiben, vor allem in Bezug auf die US-Politik.

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Wird Biden wirklich Präsident?

Denn auch über die kommende Woche hinaus wird die Frage, wer am 20. Januar denn nun wirklich ins Weiße Haus einzieht, die Börse beschäftigen. Joe Biden hat zwar die Wahl jetzt schon gewonnen (obwohl immer noch nicht alle Ergebnisse ausgezählt sind), Amtsinhaber Trump dürfte aber noch für eine veritable Schlammschlacht mit ungewissem Ausgang sorgen.

Donald Trump, Joe Biden
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Donald Trump, Joe Biden

Das war bei seiner Persönlichkeit auch nicht anders zu erwarten, er erkennt seine Niederlage nicht an und flüchtet sich immer mehr in abstruse Verschwörungstheorien. Mit seiner angekündigten Klagewelle bis hin zum Obersten Gericht wird er jedenfalls weiter für viel Wirbel sorgen.

Ein Restrisiko bleibt, schließlich hat Trump in seiner Amtszeit so manchen Richterposten im Supreme Court besetzt. Beweise für Wahlbetrug hat er allerdings nicht vorgelegt. Ob er damit die Märkte verunsichert kann derzeit noch nicht gesagt werden, die New Yorker Börse hat sich aber zuletzt unter der Führung der Technologieaktien als äußerst wetterfest präsentiert.

Stichwahl in Georgia - kommt die blaue Welle doch noch?

Viel eher dürfte die Börse mit Sorgenfalten auf den Bundesstaat Georgia blicken (wo es angesichts der knappen Verhältnisse zu einer Neuauszählung der Stimmen um die Präsidentschaftswahlmänner und Frauen kommen wird). Dort gibt es am 5. Januar nämlich noch eine Stichwahl um die beiden Senatsposten. Diese wird nötig, da keiner der Kandidaten mehr als 50 Prozent der Stimmen erreicht hat (nicht nur über den Präsidenten wurde am 3.11. abgestimmt, sondern auch über 35 der 100 Senatssitze).

Sollten die Demokraten die beiden Sitze gewinnen, liefe dies auf ein Patt von 50 zu 50 Stimmen im Senat, einer der beiden Parlamentskammern, hinaus. Für diesen Fall sieht die US-Verfassung vor, dass der Vizepräsident bei den Senatsentscheidungen mit seiner Stimme die Mehrheit herstellt - nach Bidens Amtsantritt wird seine Parteikollegin Kamala Harris das Amt der Vizepräsidentin innehaben.

Dann könnte Biden durchregieren, denn er hat auch im Repräsentantenhaus die Mehrheit. Kommt die blaue Welle der Demokraten also doch noch? Die Märkte befürchten in diesem Fall unter anderem Steuererhöhungen und hätten daher gerne eine republikanische Senatsbremse gesehen.

"Auch wenn der Kalender für die neue Woche vollgepackt ist, dürfte er vor allem von Ereignissen dominiert werden, für die es zurzeit kein fixes Datum gibt", schreibt Deutsche-Bank-Analyst Henry Allen. So sei weiter in der Schwebe, ob in den USA nun Demokrat Joe Biden neuer Präsident wird - wonach es aktuell aussieht - oder doch Donald Trump im Amt bleibe.

Letzte Brexit-Hoffnungen

Brexit
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Brexit-Schriftzug

Apropos Unsicherheit: Ein No-Deal-Brexit, der ja auch über der Börse schwebt wie ein Damoklesschwert, wird immer wahrscheinlicher. Der britische Premier Johnson spricht auch nach Gesprächen mit der Kommissionschefin Ursula von der Leyen am Wochenende weiter von erheblichen Differenzen. Das Ausmaß neuer Zölle und Abgaben im Handel mit Großbritannien ab dem 1.1.2021 ist noch gar nicht abzuschätzen, eine Blaupause gibt es nicht. Die Belastungen für die Wirtschaft dürften aber erheblich sein.

Deutsche Zahlenflut in Sicht

Wenigstens eines ist aber sicher: Die heimische Berichtssaison steuert ab Montag auf ihren Höhepunkt zu. Zahlreiche Dax-Unternehmen und solche aus der zweiten Reihe legen Zahlen vor. Unter anderem die Schwergewichte Siemens und Telekom aus dem Leitindex, aber auch Adidas oder die Deutsche Post öffnen ihre Bücher. Aus dem Ausland ebbt die Zahlenflut hingegen ab, vor allem aus den USA. Dort werden aber mit McDonald's, Walt Disney oder Cisco Systems durchaus noch interessante Zahlenwerke erwartet.

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ZEW-Index auf der Agenda

Zudem gibt es wie üblich noch einige Wirtschaftsdaten: Neben Konjunkturdaten aus Japan und China am Anfang der Woche stehen am Donnerstag in den USA die wöchentliche Arbeitsmarktdaten sowie die Inflationsdaten auf der Agenda.

Hierzulande rückt die Industrieproduktion der Eurozone am Donnerstag in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Zuvor, am Montag, stehen die deutschen Außenhandelsdaten für September an sowie am Dienstag die ZEW-Umfrage im November. Der Index des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) gibt die mittelfristigen Erwartungen zur Konjunktur- und Kapitalmarktentwicklung von Analysten und institutionellen Anlegern wieder und ist neben dem Ifo-Geschäftsklimaindex das am meisten beachtete deutsche Konjunkturbarometer.

Quelle: boerse.ard.de
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