Christine Lagarde

Christine Lagarde folgt auf Mario Draghi Die Grande Dame der Finanzwelt

Stand: 03.07.2019 09:54 Uhr

Wenn Christine Lagarde im Oktober die Nachfolge von Mario Draghi antritt, können sich die Aktienanleger freuen: Ein Ende der expansiven Geldpolitik haben sie von der Französin nicht zu befürchten. Doch eine willfährige Gehilfin der Politik ist die Anwältin auch nicht.

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Sie fühle sich geehrt, für den Posten nominiert worden zu sein, sagte Lagarde in einer ersten Reaktion. Ihren Job an der Spitze des IWF will sie nun ruhen lassen. Die Französin, 1956 im bürgerlichen 9. Arrondissement von Paris geboren, ist eine ebenso große Überraschung bei der Kandidatensuche für die Schlüsselposten der Europäischen Union wie Ursula von der Leyen.

Lagarde gilt als Grande Dame in einer immer noch von Männern dominierten Finanzwelt. Als erste Frau stand sie an der Spitze der renommierten Anwaltskanzlei Baker McKenzie mit rund 4.000 Anwälten. Für den Job pendelte Lagarde zwischen Büros in Hongkong, Chicago und Paris. Ihre zwei Kinder sah sie oft nur am Wochenende. Ihre Ehe wurde geschieden.

Großes Ansehen erworben

Lagarde war zudem Frankreichs erste Ministerin für Wirtschaft und Finanzen, unter der Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy und mitten in der Finanzkrise. Schließlich wurde sie als erste Frau Chefin des Internationalen Währungsfonds. Lagarde galt dabei als gut vernetzte, geschickte Verhandlerin. Sie selbst bezeichnete sich einmal als "Arbeitstier".

In ihren Funktionen hat sich Lagarde großes Ansehen erworben. "Christine Lagarde ist eine sehr gute Besetzung für die Position der EZB-Präsidentschaft", sagte Clemens Fuest, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, der Tageszeitung "Die Welt". Sicherlich sei sie in der Lage, die unterschiedlichen nationalen Interessen und Perspektiven in der Währungsunion auszubalancieren. Sie habe außerdem genug politisches Gewicht, um die Unabhängigkeit der EZB gegen politische Übergriffe zu verteidigen, meint Fuest.

EZB bleibt politisch

EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte, er sei absolut sicher, dass sie eine "sehr unabhängige" EZB-Präsidentin werde. Tatsächlich hat sich Lagarde immer wieder kritisch zur Wirtschafts- und Finanzpolitik von US-Präsident Donald Trump geäußert. Und dabei auch seine Angriffe auf die Unabhängigkeit der Notenbank Fed moniert.

Wer allerdings gehofft hatte, die Europäische Zentralbank werde nach Draghi eine wieder mehr technisch basierte als politisch orientierte Geldpolitik betreiben, dürfte enttäuscht werden. Christine Lagarde ist eine typische Vertreterin der französischen Eliten. Zwar hat sie die Aufnahme in die ENA, die Kaderschmiede der Pariser Wirtschafts- und Verwaltungseliten nicht geschafft, doch absolvierte sie das nicht minder elitäre Institut d’études politiques (auch bekannt als Sciences Po) in Paris.

ARD-Börse: Lagarde soll erste Frau an EZB-Spitze werden

03.07.2019 14:34 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Keine Zentralbankerfahrung

Christine Lagarde
galerie

Christine Lagarde, geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF)

Und doch ist Lagarde durch ihre Tätigkeit bei Baker McKenzie sowie beim IWF mindestens ebenso angelsächsisch geprägt. Als Erfüllungsgehilfin der schuldengeplagten Südländer der Eurozone dürfte Lagarde kaum auftreten. In der Griechenland-Krise forderte sie die Menschen auf, ihre Steuern zu zahlen. Viele Griechen warfen Lagarde zudem vor, für die dem Land zur Verfügung gestellten Hilfen des IWF zu strenge Auflagen und Bedingungen diktiert zu haben.

Kritiker werfen Lagarde vor, keine Zentralbankerfahrung zu haben. Tatsächlich waren die ersten drei EZB-Präsidenten Duisenberg, Trichet und Draghi zuvor Präsidenten der Notenbanken ihrer jeweiligen Herkunftsländer. Deshalb halten einige Lagarde nicht für eine Idealbesetzung. Allerdings hat Lagarde gerade beim IWF unter Beweis gestellt, wie lernfähig sie ist, musste sie ihr Amt doch unerwartet nach dem unrühmlichen Abgang ihres Landsmannes Dominique Strauss-Kahn antreten - mitten in der Schuldenkrise.

Unschöne Schlagzeilen

Einen Schatten auf ihre Karriere warf die "Tapie-Affäre". Ein Pariser Gericht urteilte 2016, dass sie in ihrer Zeit als französische Finanzministerin fahrlässig im Amt gehandelt habe. Der Gerichtshof der Republik sprach sie schuldig, verhängte aber keine Strafe. Lagarde habe eine Veruntreuung öffentlicher Gelder ermöglicht. Sie selbst hatte beteuert, nach bestem Gewissen gehandelt zu haben.

1/8

Lagarde: Das sagen Ökonomen

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts
"Christine Lagarde ist eine sehr gute Besetzung für die Position der EZB-Präsidentschaft. Sicherlich ist sie in der Lage, die unterschiedlichen nationalen Interessen und Perspektiven in der Währungsunion auszubalancieren. Sie hat außerdem genug politisches Gewicht, um die Unabhängigkeit der EZB gegen politische Übergriffe zu verteidigen", so Fuest in der "Welt".

Quelle: boerse.ard.de
Darstellung: