Britische Flagge im Regen

Brexit-Unsicherheit Brexit: Warum die Unternehmen von der Insel flüchten

Stand: 25.01.2019 16:56 Uhr

Der Brexit lässt Großbritanniens Wirtschaft schon länger schwächeln. Und jetzt droht auch noch ein harter Brexit. Immer mehr Unternehmen ergreifen die Flucht und verlassen die Insel – zumindest teilweise.

Von Marcus Pfeiffer, boerse.ARD.de

Offiziell gibt sich die britische Regierung gelassen: Trotz des Brexits bleibe Großbritannien ein attraktiver Standort, heißt es aus dem Handelsministerium. Eine Botschaft, die der zuständige Minister Liam Fox auch nochmal auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wiederholt hat.

Doch zwei Monate vor dem Brexit ist die wirtschaftliche Realität eine andere: Seit der Volksabstimmung verlor die sonst so robuste britische Wirtschaft schon an Schwung. Das Wachstumstempo ging von deutlich über 2 Prozent zurück auf unter 1,5 Prozent pro Jahr. Und nun - den harten Brexit vor Augen - wird der Standort Großbritannien immer unattraktiver.

Ökonom: „Antwort auf politische Unsicherheit“

Sony, Schaeffler und Panasonic - immer mehr Unternehmen haben angekündigt, der Insel zumindest teilweise den Rücken kehren. Doch warum gerade jetzt?

„Es ist die Antwort auf die politische Unsicherheit“, erklärt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln die steigende Zahl an Verlagerungen. Die Regierung erweise sich in Sachen Brexit als immer weniger handlungsfähig. „Die Unternehmen müssen mit dem Schlimmsten rechnen und setzten deswegen ihre Notfallpläne um“, sagt Matthes.

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Brexit sorgt für elementare Fragen

Deswegen haben KPMG-Partner Kaveh Taghizadeh und seine Kollegen jetzt richtig viel zu tun, obwohl es die Brexit-Taskforce bei KPMG schon seit zwei Jahren gibt. „Bis Weihnachten haben viele noch mit einem Deal gerechnet. Aber jetzt, wo die Deadline immer näher rückt, überlegen sich sehr viele der betroffenen Unternehmen, wie es weitergehen soll.“

Die Brexit-Fragen, denen sich die Unternehmen stellen müssen, sind elementar: Darf ich mein Geschäft weiter betreiben? Kann meine Produktion ohne Lieferunterbrechungen weitergehen? Was passiert mit den Daten? Unternehmen, die diese Fragen schon geklärt haben und gehen wollen, kommen aus allen Branchen.

Verlagerung nach Fernost und auf den Kontinent

Einige sind sogar ur-britisch. Beispiel: Jaguar Land Rover. Bisher baute der britische Automobilhersteller sein SUV-Modell Discovery in den englischen Midlands. Demnächst produziert er es in der Slowakei. Oder auch der Staubsaugerhersteller Dyson, der seine Unternehmenszentrale nach Singapur verlagert.

Doch nicht alle Unternehmen zieht es so weit in die Ferne: Zu den beliebtesten Umzugszielen zählen Frankreich und die Niederlande. Die beiden Elektrokonzerne Panasonic und Sony verlegen beispielsweise ihre Europa-Zentralen nach Amsterdam. Viele Finanzdienstleister zieht es nach Paris, wo künftig die Europäische Bankenaufsicht (EBA) ihren Sitz haben wird.

Aber auch Deutschland profitiert: So rechnet der Finanzplatz Frankfurt mit der Ansiedlung von insgesamt 45 Banken, die ihr Europa-Geschäft künftig lieber in der Nähe zur Europäischen Zentralbank betreiben wollen. Außerdem erlebt Berlin einen Zuzug von Fin-Tech-Startups. Und auch Industrieunternehmen wie Rolls Royce verlagern Standorte nach Deutschland.

Bleibende Folgen für die britische Wirtschaft

Entscheidungen mit bleibenden Folgen für die Wirtschaft, was vor allem am finanziellen Einsatz liegt. „Die Kosten sind nicht unwesentlich“, sagt KPMG-Mann Taghizadeh. Vorsondierungen seien zwar nicht teuer. Was richtig viel kostet, sei die endgültige Verlagerung. Eine Werksverlagerung könne hunderte Millionen oder sogar Milliarden Euro kosten.

Dem stimmt auch Ökonom Matthes zu: „Die Wertschöpfungsketten werden jetzt umgebaut – selbst wenn es noch zu einem Deal kommt. Das ist für die britische Wirtschaft bitter und wird das Wachstum weiter dämpfen.“ Am Ende könnte der Standort Großbritannien durch den Brexit wohl stärker an Attraktivität verlieren, als das manchen Regierungsvertretern in London aktuell lieb ist.

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Quelle: boerse.ard.de
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