Britisches Pfund | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER

Bei Scheitern der Handelsgespräche "Pfund wird an Wert einbüßen"

Stand: 07.09.2020 06:32 Uhr

Das britische Pfund hat eine stolze Tradition als weltweite Leitwährung. Aktuell steht es stark unter Druck, der tiefe Fall hat sich durch den Brexit noch verstärkt. Das hat Folgen für die britische Wirtschaft – und für die EU.

Von Thomas Spinnler, boerse.ARD.de

Im Januar war Großbritannien aus der EU ausgetreten. Jetzt bleibt noch bis zum Jahresende Zeit, um gemeinsam mit der EU ein Abkommen über die künftigen Handelsbeziehungen zu schließen. So lange ist Großbritannien noch Teil des EU-Binnenmarktes und der Zollunion. In dieser Woche beginnen die neuen Verhandlungen. 

Bislang sieht es nicht danach aus, als wären schnelle Fortschritte zu erwarten: Das Risiko eines harten Brexit wächst. Etwa vier Monate vor Ablauf der Übergangsfrist zeichne sich keine Einigung auf ein umfassendes Freihandelsabkommen mit der EU ab, sagte Thu Lan Nguyen, Devisen-Expertin bei der Commerzbank. Ohne Einigung droht zum Jahreswechsel ein harter wirtschaftlicher Bruch.

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Perfekter Sturm für das  britische Pfund  

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Ein harter Brexit würde die britische Wirtschaft zur Unzeit treffen. Wegen der Corona-Pandemie ist sie in eine beispiellos schwere Rezession gerutscht. Im zweiten Quartal schrumpfte die britische Wirtschaftsleistung um 20,4 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Und die Prognosen sind pessimistisch: Es bestehe das Risiko, dass es "mehrere Jahre" dauern werde, bis die Wirtschaft wieder volle Auslastung erreiche, warnte ein Notenbanker der Bank of England (BoE), Gertjan Vlieghe.

Hinzu kommt die große Sorge vor einer massiv steigenden Arbeitslosigkeit. Deshalb wird in der Notenbank und der Öffentlichkeit längst diskutiert, welche Maßnahmen die BoE noch ergreifen kann, um die Konjunktur zu stützen. Aktuell liegt der Leitzins bei historisch niedrigen 0,1 Prozent.    

Die jüngsten besorgten Äußerungen verschiedener Notenbanker würden die Debatte um Negativzinsen in Großbritannien wohl lebendig halten, sagte Adam Cole, Chef-Devisenanalyst bei RBC. "Neben der Pandemie lastet weiterhin das Risiko eines harten Brexit zum Jahresende auf der Wirtschaft. Ich erwarte daher, dass die Diskussion um mögliche negative Leitzinsen und eine Aufstockung der Anleihekäufe in Großbritannien anhält", meint auch Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. All das hätte, zusammen mit der schwachen Konjunktur, äußerst negative Auswirkungen auf das Pfund, das ohnehin seit Monaten unter Druck steht.      

Pfund Sterling in Euro
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Bereits vor Wochen hatte Sonja Marten, Analystin bei der DZ Bank darauf hingewiesen, dass sich über dem Pfund ein fast schon perfekter Sturm über der Währung zusammenbraue: Corona, die anhaltende schwere Rezession und natürlich der nahende Brexit seien die wesentlichen Faktoren, so Marten.

Pfund auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?

"Sollten die Handelsverhandlungen völlig scheitern, wird der Handelsverkehr zwischen der EU und Großbritannien ab Neujahr mit Zöllen belegt. Das wird sich maßgeblich auf die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs auswirken, und das Pfund wird erheblich an Wert einbüßen", stellt Kim Blindbæk fest, Devisenexperte bei der dänischen Sydbank.

Das wäre ein bitterer Schlag für beide Seiten, unterstreicht Commerzbank-Expertin Nguyen: "Aber vor allem für die britische Wirtschaft, für die die EU bei weitem der wichtigste Handelspartner ist." 43 Prozent der Waren und Dienstleistungsexporte gehen in die EU, 51 Prozent der Importe stammen aus der EU.

In einer vielbeachteten Analyse äußerten sich die Fachleute der US-Bank Bank of America sehr kritisch zu den Zukunftsaussichten der britischen Währung, die bislang zusammen mit dem Dollar, dem Euro, dem Yen und dem Schweizer Franken zu den vielgehandelten und stabilen Leitwährungen der Welt gehörte.      

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"Wir glauben, das Pfund ist auf dem Weg sich zu einer Währung zu entwickeln, die der Realität der britischen Wirtschaft ähnelt: Klein und schrumpfend mit einem wachsenden Defizit-Problem", schreibt Analyst Kamal Sharma. Die Folge sei eine größere Schwankungsbreite des Pfund, in etwa vergleichbar mit einer Schwellenländerwährung. Das Pfund sei zu einer Währung für risikobereite Anleger geworden, die wild herumschwingen werde, sagte auch David Bloom, Chefanalyst bei HSBC, gegenüber dem US-Sender CNBC.

 Die Folgen für UK und EU

Eine tendenziell schwache und schwankende Währung wird die Exporte der EU für Großbritannien teurer machen. Hinzu kommt, das Handelsdefizit mit der EU: Im Jahr 2019 betrug es 72 Milliarden Pfund. Auch diese Schulden werden teurer, wenn die Währung an Wert verliert. Ein solches Defizit wird man sich in London schlicht nicht mehr leisten können. Ein wild schwankendes Pfund bedeutet ferner steigende Kosten für exportierende Unternehmen, wenn sie ihre globalen Geschäfte gegen Währungsrisiken absichern müssen.

Allerdings sorgt ein schwaches Pfund dafür, dass britische Produkte im Ausland günstiger sind. Das würde wiederum die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft erhöhen und die Verbraucher wären geneigt, wieder vermehrt zu heimischen Produkten zu greifen – so es sie denn gibt. Wie die Bilanz am Ende wirklich aussehen wird, weiß niemand.

Quelle: boerse.ard.de
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