Börse in Athen | Bildquelle: AFP

Vor Parlamentswahlen Griechenlands seltsames Börsen-Comeback

Stand: 08.07.2019 10:37 Uhr

Griechenlands Börse hat in diesem Jahr kräftig zugelegt, denn die Menschen waren des Linksbündnisses Syriza von Premierminister Alexis Tsipras überdrüssig und wenden sich nun wieder den Konservativen zu. Dabei hat das Land seine Krise noch lange nicht überwunden.

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Schon in den vergangenen Monaten hatte der sich abzeichnende Machtwechsel an der Spitze der griechischen Regierung die Märkte beflügelt. Tatsächlich haben die Konservativen der Nea Dimokratia (ND) unter ihrem Chef Kyriakos Mitsotakis die vorgezogenen Parlamentswahlen am Sonntag haushoch gewonnen und das Linksbündnis von Ministerpräsident Alexis Tsipras auf die Plätze verwiesen. Am Montag geht es allerdings am Athener Aktienmarkt kaum voran. Zur Stunde liegt der Athener Aktienindex Athex Composite nur leicht über dem Freitagsschluss.

Nea Dimokratia erzielte nach Angaben des griechischen Innenministeriums aus der Nacht (Stand 3.50 Uhr) 39,85 Prozent (2015: 28,0 Prozent) der Stimmen. Im 300-köpfigen Parlament bedeutet das die absolute Mehrheit von mindestens 154 Sitzen, weil der Wahlsieger zur Vereinfachung der Regierungsbildung 50 Sitze zusätzlich erhält. Das Linksbündnis Syriza kam auf 31,53 Prozent (2015: 35,5 Prozent).

Machtwechsel abgezeichnet

Kyriakos Mitsotakis
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Kyriakos Mitsotakis

Der Machtwechsel am Athener Syntagma-Platz hatte sich bereits bei der Europawahl im Mai abgezeichnet. Damals fuhr die ND mit 33,24 Prozent einen klaren Sieg ein. Syriza landete weit abgeschlagen mit 23,77 Prozent auf dem zweiten Platz.

Seitdem sind die Börsenkurse weiter kräftig gestiegen. Auf über 40 Prozent summiert sich das Plus bereits seit Jahresbeginn - mehr als doppelt soviel wie der Dax in Frankfurt. Damit gehört der Athex Composite zu den besten Börsen in Europa. Auch am Morgen nach der Wahl steigt der Index kurz weiter an auf den höchsten Stand seit viereinhalb Jahren.

Aus dem Gröbsten raus

Doch einen Grund zur Freude haben die Anleger eigentlich nicht. Zwar denkt heute niemand mehr an das Schreckgespenst "Grexit" Auch die Schuldenproblematik ist in den Hintergrund gerückt. Aber mit einer Schuldenrate von 180 Prozent seiner Wirtschaftsleistung steckt das Land noch immer tief in der Misere.

Immerhin ist Griechenland bemüht, seine IWF-Kredite vorzeitig abzulösen. Auch kann sich das Land wieder zu günstigen Konditionen Geld am Kapitalmarkt besorgen, seit es im August 2018 aus dem Rettungspaket ausgestiegen ist. Im März emittierte Athen erstmals seit der Schuldenkrise eine zehnjährige Anleihe.

Auch die Wirtschaft ist nach Jahren des Rückgangs wieder gewachsen, muss sich aber mit bescheidenen Raten begnügen. Im ersten Quartal 2019 stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gerade einmal um 1,2 Prozent zum Vorjahresquartal - viel zu wenig für ein Land dessen Wirtschaftsleistung 20 Prozent niedriger ist als vor zehn Jahren. Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit des Landes von gigantischen 27 Prozent auf (immer noch hohe) 18 Prozent gesunken.

Neuer Hoffnungsträger

Und nun der Wahlsieg des Konservativen Kyriakos Mitsotakis. Die Griechen sehen in ihm einen neuen Hoffnungsträger, obwohl er einer bekannten Politikerdynastie entstammt und der einst so verhassten Elite des Landes angehört.

Tatsächlich hat er an den renommierten US-Universitäten Harvard und Stanford Wirtschaft studiert, bevor er anschließend zur Unternehmensberatung McKinsey und verschiedenen Investmentbanken ging. Eine für den Durchschnittsgriechen unerreichbare und abgehobene Karriere.

Gewisses Aufholpotenzial

Es versteht sich von selbst, dass Mitsotakis mit einem derartigen Hintergrund eine investorenfreundliche Wirtschaftspolitik anstrebt. Der Parteichef versprach während des Wahlkampfes, die Privatisierungen zu fördern, mit der Senkung von Steuern die Wirtschaft anzukurbeln und damit auch die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Zurzeit sind mehr als 18 Prozent der Griechen ohne Job.

Ziel ist der Konservativen ist es, das Wachstum auf drei bis vier Prozent jährlich anzuheben. Vor allem in den Bereichen Tourismus, Logistik, Energie und Gesundheit soll Griechenland einen Sprung nach vorn machen. Experten trauen Griechenland und seinen Unternehmen deshalb ein gewisses Aufholpotenzial zu.

Wahlversprechen kaum erfüllbar

Volkswirt Christoph Weil von der Commerzbank ist jedoch überzeugt, dass Mitsotakis viele seiner Wahlversprechen kaum wird erfüllen können, angesichts des engen finanziellen Spielraums. Deutliche höhere Ausgaben wären nur bei einem kräftigen Wirtschaftswachstum möglich. Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Mehr als zwei Prozent Wachstum pro Jahr seien kaum möglich, betont Weil. "Die versprochene Reduzierung der Zahl der Arbeitslosen von 850.000 auf 500.000 erscheint vor diesem Hintergrund sehr optimistisch".

Für die Investoren in griechische Staatsanleihen werde zudem entscheidend sein, ob sich die neue Regierung an die vereinbarten Haushaltsziele halten wird oder ob sie dem Vorbild Italiens folgt und auf eine Aufweichung der fiskalischen Regeln hinarbeitet.

Keine wertvollen Unternehmen

Dass sich Griechenland ähnlich erfolgreich entwickeln wird wie einst das ebenfalls schuldengeplagte Irland, gilt ohnehin als unwahrscheinlich. Der Grund ist relativ einfach: Griechenland verfügt schlicht und einfach über keine eigenständige Industrie und bietet auch sonst keine nennenswerten Anreize zur Ansiedlung von Unternehmen.

So ist etwa Coca-Cola Hellas mit einem derzeitigen Marktwert von 12,6 Milliarden Euro noch immer das mit Abstand teuerste Unternehmen an der Athener Börse, genauso wie vor der Schuldenkrise. Zum Vergleich: Das wertvollste Unternehmen im Dax, der Softwarekonzern SAP, bringt 152 Milliarden Euro auf die Waage.

Mangel an Substanz

Das Beispiel verdeutlicht das ganze Ausmaß der wirtschaftlichen Schwäche des Landes: Dem EU-Mitglied mangelt es an der für einen nachhaltigen Aufschwung notwendigen Substanz. Die jüngste Hausse an den Börsen ist auch weniger ein Verdienst der Industrie, sondern hauptsächlich von der Erholung der Bankaktien getragen.

Auch sonst steckt das Land tief in der Krise. Bis 2022 soll der von der EU geforderte jährliche Primärüberschuss mindestens 3,5 Prozent betragen. Das gelang zwar 2018, aber schon dieses Jahr dürften nur 2,9 Prozent erreicht werden. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt immer noch mehr als 30 Prozent, was zu einer anhaltenden Abwanderung gut ausgebildeter junger Leute führt. Der Brain Drain ist für die heimische Wirtschaft nur schwer zu verkraften. Fehlende Startup-Förderung tut ein Übriges, um diesen Trend zu verstärken. Den künftigen Premierminister erwartet also ein Höllenjob.

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Die größten Kursgewinner der Athener Börse

Profile Systems & Software

Profile Systems & Software
Größter Gewinner der im Leitindex Athex Composite enthaltenen Werte ist das Softwareunternehmen Profile Systems. Die Aktie hat sch allein in diesem Jahr fast verdreifacht. Auf Jahressicht ist sie um 179,5 Prozent gestiegen. Allerdings beträgt die Marktkapitalisierung lediglich 40,7 Millionen Euro. Ein solches Unternehmen hätte hierzulande keine Chancen, in einen Index aufgenommen zu werden.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. Juli 2019 um 15:00 Uhr.

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